Peter Geimer: "Die Farben der Vergangenheit":Fliege auf der Stirn

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Peter Geimer: "Die Farben der Vergangenheit": Der Blick zurück: Aussenansicht der Lichtspiele am Sendlinger Tor mit den Reklameschildern zu dem Fritz Lang-Film "Metropolis" (1926).

Der Blick zurück: Aussenansicht der Lichtspiele am Sendlinger Tor mit den Reklameschildern zu dem Fritz Lang-Film "Metropolis" (1926).

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Vergangenheit ist unbeobachtbar, trotzdem schauen wir unentwegt drauf. Der Kunsthistoriker Peter Geimer untersucht, was wir dabei genau zu Gesicht bekommen.

Von Achim Landwehr

Eine ländliche Szene: Eine Frau und drei Kinder, die Rücken zu den Betrachtenden gekehrt, bewegen sich auf einen grünen Hügel zu. Darüber ein freundlicher Himmel, Frühlingsstimmung, Schönwetterwolken. Aufgrund der Kleidung der Abgebildeten lässt sich unschwer erkennen, dass wir uns in der Zeit um 1900 befinden.

Die Abbildung ist durchaus passend gewählt für das Cover des neuen Buchs des Kunsthistorikers Peter Geimer. Man könnte dem ersten Eindruck erliegen und meinen, man habe es mit einem impressionistischen Gemälde zu tun. Bei einem zweiten Blick fallen jedoch die irritierenden braunen Flecken auf, chemische Rückstände und Verfärbungen, wie sie bei Fotografien entstehen. Denn es handelt sich um eine Aufnahme von Heinrich Kühn (zu sehen sind seine Kinder und deren Gouvernante), der so fotografierte wie der Impressionismus malte.

In der Umschlagsabbildung finden sich zahlreiche Probleme versammelt, die dieses lesenswerte Buch bestimmen: das Gewesene und das Bildliche ohnehin, dann aber auch die medialen Eigenheiten von Malerei, die wie Fotografie zu wirken scheint, oder von Fotografien und Filmen, die nachträglich bemalt werden. Vor allem ist es jedoch die Rückenansicht, die stellvertretend für die Thesen des Buchs gedeutet werden kann: Aus welcher Vergangenheit kommen diese Menschen? In welche Zukunft gehen sie?

Und wie können wir als Betrachtende die Kluft zwischen den verschiedenen Zeitebenen behandeln, von der wir doch wissen, dass sie sich letztlich niemals überwinden lässt? Gerade weil uns die Abgebildeten nicht ansehen, verweisen sie auf das Unsichtbare, das die Vergangenheit zwangsläufig ist. Oder wie es Peter Geimer ausdrückt: "Vergangenheit ist unbeobachtbar".

Trotzdem schauen wir permanent drauf. Und es ist insbesondere das Schauen auf die Vergangenheit (nicht das deutlich häufigere Darüber-Lesen), das Geimer interessiert. Indem er sich in einer ungefähren Chronologie an vier Bildmedien entlangbewegt - dem Historienbild, dem Panorama, der Fotografie und dem Film - macht er Lesenden das Nachverfolgen seiner Argumentation leicht. Und durch diese Ordnung lassen sich auch die zeitlichen Turbulenzen etwas bändigen, die darunter verhandelt werden.

Dankenswerterweise versucht Geimer erst gar nicht, die in der Sachbuchliteratur so häufig verfolgte Illusion eines weitgehend vollständigen Überblicks zu erzeugen. Stattdessen ermöglicht er seiner Leserschaft den detaillierten Blick in einige Werkstätten. Seine exemplarischen Studien verfolgen unter anderem das Vorgehen des französischen Historienmalers Ernest Meisonnier, des Panoramen-Produzenten Jean-Charles Langlois, der Fotografin Marina Amaral, des Erfolgsregisseurs Peter Jackson und des nicht ganz so erfolgreichen, aber dafür ungleich reflektierteren Filmemachers Harun Farocki - um nur einige zu nennen. Indem er weniger in den Blick nimmt als sogenannte Überblicksdarstellungen normalerweise für sich beanspruchen, kann Geimer mehr zeigen.

Den Schlachtengemälden und Schlachtenfotos wohnt eine schauerliche Aktualität inne

Der Schwerpunkt liegt auf dem 19. und 20. Jahrhundert, so dass sich die Frage nach Vergangenheitsbebilderungen aus früheren Zeiten aufdrängt. Auch die Berücksichtigung nicht-westlicher Regionen wäre sicher erkenntnisreich gewesen. Und die offensichtliche Dominanz von Kriegen, Schlachten und anderen Formen des Mordens beim Verlangen von Nachlebenden, sich das Gewesene visuell vor Augen zu führen, hätte einige Gedanken verdient.

Schließlich steckt in den behandelten Schlachtengemälden, Schlachtenpanoramen, Schlachtenfotos und Schlachtenfilmen ja eine schauerliche Aktualität angesichts der Twitter-Bilder und Instagram-Clips, die gerade in der Ukraine produziert werden (auch wenn Geimer von den bildgebenden Wirklichkeitseffekten dieses Ereignisses bei Abschluss des Buchs kaum etwas ahnen konnte).

Aber das beeinträchtigt den Erkenntniswerte wie auch den Lesegenuss dieses gut geschriebenen Buchs kaum. Und die präsentierten Einsichten bewegen sich einerseits auf einer mikroskopischen Ebene, wenn selbst dem unbeabsichtigten Auftauchen einer Fliege auf der Stirn der Schauspielerin Maria Falconetti im Film "Die Passion der Jungfrau von Orleans" (1928) Beachtung geschenkt wird, weil diese Fliege solcherart zum Teil einer unvorhersehbaren Kollateraldokumentation wird, wie sie insbesondere für Fotografie und Film kennzeichnend ist (schließlich fängt die Kamera gänzlich unterschiedslos alles ein, was ihr vor die Linse kommt, also auch dasjenige, was für die Bildproduzierenden zunächst völlig uninteressant ist).

Die Fliege kann verdeutlichen, wie sich die Zeiten beständig miteinander verknoten

Aber diese Fliege kann - ähnlich wie die Rückenansicht der Familie Kühn - flugs die Distanz von der Mikro- zur Makroebene überwinden. Und genau das tut Peter Geimer beständig in seinem lehrreichen Buch. Denn die Fliege macht einerseits die Unmöglichkeit deutlich, das Nicht-mehr-Existente der Vergangenheit bildlich festhalten zu wollen, da sich immer schon andere Zeiten einmischen: Sie ist gewissermaßen der Zeitstempel des Jahres 1928 auf der Stirn einer Frau, die sich gerade im 15. Jahrhundert befinden soll.

Peter Geimer: "Die Farben der Vergangenheit": Peter Geimer: Die Farben der Vergangenheit. Wie Geschichte zu Bildern wird. C.H. Beck, München 2022. 304 Seiten, 38 Euro.

Peter Geimer: Die Farben der Vergangenheit. Wie Geschichte zu Bildern wird. C.H. Beck, München 2022. 304 Seiten, 38 Euro.

Die Fliege kann andererseits verdeutlichen, wie sich diese Zeiten beständig und auf nahezu schwindelerregende Weise miteinander verknoten, weil in dem Film das 15. Jahrhundert behandelt wird, die Produktion jedoch 1928 erfolgte und wir nahezu einhundert Jahre später immer noch eine Fliege sehen können, die ihre Zukunft schon längst hinter sich hat. Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte purzeln hier fröhlich durcheinander.

Es stimmt, Vergangenheit ist unbeobachtbar. Und die Geschichten, die darüber erzählt werden, mit Worten oder in Bildern, entstehen im Dazwischen, entstehen in den Bezugnahmen zwischen all denjenigen, die beständig dieses Unsichtbare im Blick behalten.

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