Pete Doherty in Berlin Zufällig über Gold stolpern

Die Schönheit im Fehler finden: Pete Doherty am Sonntagabend Berlin.

(Foto: Redferns)

Peter Doherty ist der berühmteste Junkie des Indierock. Beim Konzert mit den "Puta Madres" findet er wie nebenbei zu virtuoser Schönheit. Typisch.

Von Jan Jekal

Peter Dohertys Hand ist wieder einsatzbereit. Vor einigen Wochen hat er Auftritte absagen müssen, nachdem er sich bei dem Versuch verletzt hatte, einen Igel aus der Schnauze seines Huskies zu retten. Das ist zumindest die offizielle Version. Am Sonntagabend im Berliner Club Astra war seine linke Hand dann zwar bandagiert, aber Doherty ist insgesamt in guter Form. Zu Beginn des Abends schien der berühmteste Junkie des Indierock noch ein wenig mürrisch. Er schlurfte über die Bühne, stützte sich am Mikrofonständer ab, legte sich vor das Schlagzeug, unterbrach das Konzert schon nach einer guten halben Stunde, nickte den vier Mitgliedern seiner Backing-Band Puta Madres zu, als wollte er sagen "Kommt, wir hauen ab" - und verschwand erst einmal.

Ein Moment der Irritation. War das alles? Die erwartbaren Junkie-Witze werden geraunt. Dabei ist Dohertys Entscheidung, das Konzert für einige Minuten zu unterbrechen, welche Gründe sie auch hatte, in dramaturgischer Hinsicht eine gute. Denn es hatte sich noch keine Verbindung zwischen Band und Publikum eingestellt, was sicher auch ander Auswahl der Songs lag: Der Schwerpunkt lag am Anfang auf neuem Material, auf rumpeligem Indie-Rock mit ausgedehnten Jam-Passagen, in Doherty'scher Nachlässigkeit mit dem Dilettantismus flirtend aus dem Ärmel geschüttelt gespielt, aber die dynamische Raffinesse und die Melodien seiner besten Songs vermisst man schon. Auf der Bühne ist zwar eine Menge Bewegung, die vor allem von Jack Jones ausgeht, dem jungen Gitarristen der Puta Madres, der eine Spielfreude an den Tag legt, als könne er sein Glück nun kaum fassen, neben Doherty auf der Bühne zu stehen, aber diese Energie schafft es über die ersten Reihen im Publikum zunächst nicht hinaus.

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Am Ende zählt nur der superfluffige Superfluff-Pop

Als Doherty nach einigen Minuten dann wieder auftaucht, hat er seinen grauen Mantel abgelegt, ist, bis auf seinen Hosenträger, oberkörperfrei und kippt eine Bierflasche über den ersten Reihen aus. Jetzt, wo man sich nicht sicher ist, ob es sich bereits um die Zugabe handelt, ob der Konzertabend gleich schon wieder vorbei sein wird oder ob er erst beginnt, ist die Energie im Raum eine viel gespanntere.

Doherty kommt dem Publikum zudem jetzt entgegen, spielt nicht mehr nur Lieder seines neuen Albums, und bewegt sich selbst nun auch mehr, albert herum ("Ruft nicht meinen Namen, das bringt mich in eine unangenehme Position!"), lässt einen pinken Drink herumgehen, schaut sich auf die Bühne geworfene Objekte - selbstgemalte Bilder, CDs, Leuchtstäbe, Kuscheltiere - aufmerksam an, holt seinen Huskie auf die Bühne, und kickt den Mikrofonständer von Jones in den Bühnengraben, der von einem der vielen, für wahrscheinlich genau diesen Fall bereit stehenden, Roadies schnell wieder auf die Bühne gehievt und aufgebaut wird.

Das Lied, das die feierwütigen unter den Konzertgängern bereits seit Beginn der Show durch penetrantes Rufen eingefordert haben, spielt Doherty dann als Zugabe: "Fuck Forever", die Single vom ersten Babyshambles-Album, ist ein Gassenhauer, der an diesem Abend durch einen technischen Fehler sogar noch besser funktioniert als üblich.

Die Gitarre von Jones fällt kurzzeitig aus, sodass im Refrain, der eigentlich von einem Nirvana-haften Vier-Akkord-Riff getrieben wird, nur Bass und Schlagzeug zu hören sind, die pure Rhythmusgruppe, komplette Konzentration auf den Beat, der Herzschlag passt sich an. Bei der ersten Wiederholung des Refrains steigt Jones dann doch noch ein, was für ein Effekt, die Steigerung des nicht eigentlich nicht zu steigernden. Im Fehler die Schönheit finden, zufällig über Gold stolpern, es hat also doch wieder geklappt.

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