Performance zu Julian Assange Dämmerung der Supernerds

Weiße und rosafarbene Gorillas erwarten auf der Bühne ihren Heilsbringer. Die Videoprojektion: ein Blick ins Universum. Worum geht's? Die Regisseurin Angela Richter macht mit "Assassinate Assange" in Hamburg ein Affentheater um den Wikileaks-Gründer.

Von Stephanie Drees

Fotoprobe von "Assassinate Assange"

(Foto: dpa)

Viele Bilder von Julian Assange gingen in den letzten Jahren um die Welt. Einige zeigen ihn mit diesem bestimmten Ausdruck: leicht entrückt, zugleich fokussiert und abgewandt - der Blick von einem, der nicht zu wissen scheint, ob er dazugehören will oder nicht. Dieses Gesicht gibt es im Kampnagel-Foyer in Hamburg in Serie zu sehen. Der Gründer von Wikileaks als sanfte Zeichnung, die Nase mit wenigen Strichen braunrot schattiert. Eine melancholische Pop-Art-Ikone.

Das Bild stammt von dem Künstler Daniel Richter, seine Frau ist die Regisseurin Angela Richter, die auf Kampnagel schon den verbotenen Roman "Esra" von Maxim Biller für die Bühne adaptierte. Für ihre Inszenierung "Assassinate Assange" hat sie nun die Assange-Zeichnung ihres Mannes auf T-Shirts drucken lassen. Man kann sie im Foyer für 200 Euro das Stück erstehen. Wer Assange auf seiner Brust trägt, unterstützt Wikileaks. Die Erlöse gehen in Gänze an die Whistleblower.

Längst muss man unterscheiden zwischen dem Menschen Assange und dem Ereignis. Richters Performance soll dieses Spannungsfeld aufmachen und die inneren Bilder verschwimmen lassen: Assange, der Ex-Hacker, der radikale Aufklärer und Narzisst. Und: der Messias einer demokratischeren, weil transparenteren Welt.

Gesprächsprotokolle mit dokumentarischem Material angereichert

Angela Richter hat Julian Assange für ihr Stück getroffen - achtmal. Sie fuhr nach London und unterhielt sich stundenlang mit dem Mann, den die USA zum Staatsfeind erklärt haben. In einem beengten Zimmer in der ecuadorianischen Botschaft harrt er zwischen Sauerstoffflaschen aus. Sobald Assange das Gebäude verlässt, wird er verhaftet und muss sich in Schweden gegen Vorwürfe der sexuellen Nötigung wehren.

Diese Gesprächsprotokolle hat Richter mit dokumentarischem Material aus dem Netz angereichert. Die Recherchewut ist beachtlich. Und aus dem Ruder gelaufen. Am eindrücklichsten zeigt sich das, als Melanie Kretschmann und Iris Minich, zwei energetische Berserker-Performerinnen, jene beiden Schwedinnen darstellen, die Assange belästigt haben soll. Die eine eine abgebrühte Medienfrau, die andere ein naives Groupie, unterwandern sie schmollmündig und ironiebeflissen die eigenen Bemühungen um Differenziertheit.

Weiße und rosafarbene Gorillas

Das Ziel des lauwarm-affirmativen Konzepts ist viel zu schnell klar: Ein Kaleidoskop soll entstehen, das mediale Theater um den Wikileaks-(Anti-)Helden in all seiner Absurdität vorgeführt werden. Ein Eigentor.

Das Ergebnis ist ein eigentümlicher Reigen zwischen unscharfem Portrait und persönlicher Annäherung. Eine szenische Collage, deren performative Schlenker wie kleine Fluchten aus dem solidaritätsverhangenen Bühnennebel anmuten. Dabei wird die gesamte Palette der postdramatischen Schnipsel-Technik aufgefahren.

Weiße und rosafarbene Gorillas erwarten auf der Bühne ihren Heilsbringer. Die Videoprojektion: ein Blick ins Universum. Strahlende Sterne und eine sich langsam aufrichtende, noch unbescholtene Spezies, die verkündet: "Macht euch bereit für den Eintritt in die Schwarmmentalität!" Die Dämmerung der Supernerds. Diese digitale Goldgräberstimmung, das Versprechen der kollektiven Intelligenz, lässt die Regisseurin vor allem über Körper erzählen. Sie steckt die Performer in Gorilla-Kostüme und macht - zum Zweck der Verfremdung - buchstäblich ein Affentheater.

Als Assange ein letztes Mal über die Videoleinwand huscht, wirkt er noch genauso fremd wie am Anfang. "People are strange when you are Assange", singt ein Performer zur traurigen Gitarre. Andersherum ist es leider genauso.