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Performance mit Covid-Schutz:Wie man Lebenstrotz beweist

Sommerfestival Hamburg

Das klug organisierte Anekdotische hat dieses Festival geprägt – Florentina Holzinger mit ihrem Nackballett „Tanz“.

(Foto: Nada Žgank)

Das gelungene Kampnagel-Sommerfestival in Hamburg.

Von Till Briegleb

Wie gelingt ein Festival, das eigentlich ausfallen müsste? Das berühmt dafür ist, im August in eng bestuhlten hitzedampfenden Hallen internationale Performing Arts zu zeigen und anschließend die Besucher in einen dunklen Club zu scheuchen, wo sie in nassem Körperkontakt bis spät in die Nacht Konzerte bejubeln? Wo es sonst Mitmachtheater gibt, dichte Menschentrauben im Garten und Spezialevents in Pavillons? Das alles bot, nur keinen Abstand? Ist das noch zu retten durch unfreundliches Personal, das "Maske auf!", "Weiter gehen!" und "Hinsetzen!" schnauzt? Oder von QR-Codes auf Lehnen zum Einchecken, Anwesenheitszetteln und festgeschraubten Gartenstühlen im nachgemessenen Mindestabstand? Kann das noch Spaß irgendwem machen?

Es kann. Das Internationale Sommerfestival in Hamburg, Zusatz: Special Edition, durfte 2020 zwar kein Eröffnungsfeuerwerk programmieren. Hygieneregeln verlangten strikt, dass Dreiviertel der sonstigen Besucher zu Hause bleiben. Und damit lässt sich einfach kein glamouröser Aufwand betreiben. So blieb Florentina Holzingers Nacktballett mit Schmerzzirkus und dem Titel "Tanz". Die Tournee dieser Produktion wurde nach der Uraufführung in Wien und ersten Stopps etwa in München von Covid-19 beendet, nun wurde sie in der ersten Festivalwoche in der großen Kampnagel-Halle 6 gespielt. Nur knapp 200 statt 800 Zuschauer durften in der üblichen Abstandsnotation zuschauen: Immer zwei Plätze frei zwischen den Gästegruppen, sowie eine ganze Reihe dazwischen.

Performerin Florentina Holzinger nackt am Fleischerhaken - da fiel ein Mann röchelnd in Ohnmacht

Aber das Corona-Reglement hatte bei dieser Eröffnungspremiere auch positive Aspekte über das Erlebnis hinaus, dass Schwitzende nicht wie früher ihre Keime mit dem Programmheft in fremder Leute Atemwege fächeln konnten. Frau Holzinger durfte Covid-bedingt nicht mehr mittendrin nackt ins Publikum steigen wie sonst, um Geld zu erbetteln, und der anwesende Arzt kam schneller zu dem Mann, der röchelnd in Ohnmacht fiel, als die Body-Performerin sich nackt an Fleischerhaken in den Schnürboden ziehen ließ. Ist nicht alles schlecht an Abstandsregeln.

Ganz im Sinne solcher Vorkommnisse machte das Anekdotische diesmal den Wert des Festivals aus, das klug organisierte Anekdotische wohlgemerkt. Wenn die zugelassenen Zuschauer in einem Pocket-Park neben dem Festivalgelände auf gelben Abstandspunkten standen, um Oona Dohertys Choreografie "Hope Hunt" über proletarische Verhaltensweisen anzusehen, dann lieferten die anwesenden Park-Trinker, die spärlich bekleidet und reichlich bedröhnt sich beglückt tanzend in der für sie kostenlosen Vorführung wiederfanden, den schönen Übersprung der Kunst in die Wirklichkeit. Und in der großen Gartenanlage des Kampnagelgeländes mit zahlreichen Bühnen setzte sich der Zufall als Prinzip für das Publikum fort.

Gesungen wird über Wellensittiche, als Requisiten dienen Maden und Fuchskadaver

Hier, wo Zuschauer mit einer Drei-Euro-Zutritts-Karte sich billig auf Ungewisses einlassen können, pulsierte ein Marktplatz der Gelegenheiten. Der Musiker Ferdinand Försch zeigte an einem Kreis selbstgebauter Zithern und Tischgitarren, wie sich John Cage with a Groove anhören würde. Das queere Kollektiv "Cointreau On Ice", das von Wellensittichen sang oder auch mal in Schwedisch, erklärte wütend, dass Bayer, Deutsche Bank und Bundesbahn nicht dadurch plötzlich "queer" werden, dass sie Regenbogenfahnen aufhängen. Und das Performance-Kollektiv Jajaja spielte in einem Campingzelt sein Seuchen-Quartett zu Otto-Schallplatten, nachdem Kim Noble in einer der wenigen Indoor-Veranstaltungen den Tod seines Vaters (der in der letzten Episode seiner skurrilen Performance-Serie Thema war) mit einer Made, einem Eichhörnchen- und einem Fuchs-Kadaver zu bewältigen versuchte - urkomisch natürlich.

So kann also ein lebendiges Festival aussehen, das nicht mehr zuerst mit großen Namen und eingeflogenen Sensationen auftrumpfen muss, das mehr wie ein schriller Kunst-Jahrmarkt funktioniert und dadurch die Krisenlehre zur Zeit beherzigt, dass das Lokale vernünftiger ist als das Globale. Und in dieser Bescheidenheit hat das nicht ausgefallene Sommerfestival in Hamburg eindrücklich bewiesen, wie man Lebenstrotz beweist. Der wird in den nächsten Krisenjahrzehnten wahrscheinlich zum wichtigsten gehören, das man sich bewahren muss. Maske auf, und weitergehen.

© SZ vom 19.08.2020
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