Performance Ikonografie des Horrors

Oliver Zahns "Situation mit Zuschauern" in der Kammer 3

Von Petra Hallmayer

Der Ankündigung war eine Trigger-Warnung beigefügt: "Eintritt auf eigene Verantwortung". Dieser Abend, hieß es, nähere sich der "Grenze des Erträglichen". Mit einem Gruselspektakel aber hat Oliver Zahns Inszenierung nichts zu tun, in der er versucht, sich anhand des 2014 vom IS veröffentlichten Videos der Enthauptung des Journalisten James Foley mit der politischen Instrumentalisierung visueller Horroreffekte, der Schwelle zwischen Informationsbedürfnis, Voyeurismus und Schocklust auseinanderzusetzen. Die Essayperformance "Situation mit Zuschauern", die die Kammerspiele im Rahmen des Kongresses "Sensible Daten - Die Kunst der Überwachung" präsentierten, bildet den Abschluss einer Trilogie. Nachdem Zahn sich in "Situation mit ausgestrecktem Arm" mit dem Hitlergruß und in "Situation mit Doppelgängern" mit der Aneignung und Vermarktung schwarzer Tanzformen beschäftigt hatte, wandte er sich nun der "Ethik des Betrachtens" zu.

Wider die manipulative Perfidie der Bilder des IS, die auf die Entfesselung von Emotionen abzielen, setzen der junge Regisseur und seine Kompanie Hauptaktion in der Kammer 3 auf Nüchternheit und kühle Reflexion. Der Großteil der Aufführung besteht aus einer "Lecture". Wechselweise lesen die Performer an kleinen Tischen Texte zu drei thematischen Strängen vor: Während Banafshe Hourmazdi Stimmen aus der Online-Diskussion über die Frage, ob es legitim sei, sich das Video anzusehen, zitiert, führt Jasmina Rezig in weiten Sprüngen durch die Geschichte der Gewaltinszenierung und -rezeption - von einer Hinrichtung auf der Bühne 55 n. Chr. über die Selbstverbrennung des Mönches Thích Quang Đuc 1963 bis zur eigenen Theaterarbeit. Dazwischen gibt Oliver Zahn eine minutiöse Beschreibung des Videos, das heute in rechten Foren und auf Horrorpornoseiten kursiert, und verdeutlicht dessen Inszenierungscharakter. Als das Publikum nach 45 Minuten aufgefordert wird, selbst zu entscheiden, ob es sich den Film anschauen will oder nicht, verlässt über die Hälfte der Zuschauer den Saal.

Unter denen, die bleiben, zeigen sich im anschließenden Publikumsgespräch einige erstaunt über ihre eigene "Indifferenz". Die radikale Sachlichkeit der Einführung und die detaillierte Beschreibung vorab haben den Schockeffekt getilgt. Zahns Essayperformance ist ein Rationalisierungsakt, und wie perfekt er als Distanzierungsmittel funktioniert, war das beeindruckendste und irritierendste Erfahrungsmoment dieser Premiere. Dabei ersparte sie einem allerdings auch die Konfrontation mit den eigenen voyeuristischen Impulsen und ließ einen zugleich intellektuell leise unbefriedigt zurück. Ein wenig tiefer wäre man schon gern in das Thema eingestiegen, dafür aber wäre eine etwas umfassendere und pointiertere Analyse der Ikonografie des Horrors und der Geschichte des Gewaltkonsums nötig gewesen. Dennoch: Mit "Situation mit Zuschauern" gelingt Oliver Zahn eine intelligent konzipierte und hochinteressante Theaterarbeit.

Zum Ausklang des Abends luden die Kammerspiele zu einem Konzert von Holly Herndon, die als eine der innovativsten Künstlerinnen im Genre der computerbasierten Musik gilt. Die vom "Guardian" zur "Queen of Tech-topia" gekürte Amerikanerin entführte mit ihren von wummernden Bässen und Techno-Beats durchzogenen Kompositionen für Laptop und Stimme in faszinierende Klangwelten, während auf einer Leinwand Menschen, Maiskolben und Gitarren durch den Sternenhimmel flogen. Ein kleines politisches Statement erschien auch auf dem Screen: Sie habe alle ihre Shows in den letzten Jahren der Whistleblowerin Chelsea Manning gewidmet, erklärte die vehemente Überwachungs-Kritikerin Holly Herndon und schuf damit eine Anknüpfung an die Diskurse des Daten-Kongresses.