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Deutsche Literatur:Dramatische Begebenheiten

Autorin Peggy Mädler

2018 wurde die Autorin Peggy Mädler mit dem Fontane-Preis des Landes Brandenburg ausgezeichnet.

(Foto: Jan Konitzki/dpa)

Peggy Mädler erzählt von Müttern und Töchtern aus drei Generationen - ein faktentreuer Durchgang durch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Von Frauke Meyer-Gosau

Martha und Ida. Almut und Rosa. Elli und Kristine. Dies sind die Freundinnenpaare aus drei Generationen, von denen Peggy Mädlers Roman "Wohin wir gehen" erzählt, und ihr Weg führt vom böhmischen Brünn bzw. Brno zunächst nach Reichenberg bzw. Liberec, von dort über Pirna ins brandenburgische Kirchmöser, dann nach Berlin (Ost) und schließlich ins Berlin nach dem Mauerfall sowie nach Basel. Etwa hundert Jahre, von der k. u. k. Monarchie über das nationalsozialistische Deutschland, die SBZ und die DDR bis hin zum wiedervereinten Deutschland im neuen Jahrtausend umspannt die Frauengeschichte - eine Menge unruhiger, von Krieg und Gewalt beherrschter Historie also und eine ziemlich enorme Stoffmasse, in der sich die sechs Hauptfiguren orientieren müssen. Und das alles auf 219 Seiten.

Aber Peggy Mädler nimmt es ja nicht zum ersten Mal mit einer Drei-Generationen-Geschichte auf. Ihr erster, weithin gefeierter Roman "Legende vom Glück des Menschen" (2011) erzählte, in seiner inhaltlichen Schwerpunktsetzung inspiriert von einem DDR-Fotoband des Jahres 1968, von einer (ost-)deutschen Familie im 20. Jahrhundert. Und vielleicht liegt es beim neuen Buch ja am Fehlen eines derart thematisch fokussierenden Leitfadens, dass sich je länger, desto mehr der Eindruck vertieft, "Wohin wir gehen" schreite anhand von sechs weiblichen Lebensgeschichten schlichtweg wesentliche Einschnitte in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ab: den Einmarsch deutscher Truppen im März 1939 in Böhmen und Mähren, die Errichtung von Konzentrationslagern und die Kommunistenverfolgung im NS-Reich, die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und die Teilung Deutschlands nach 1945, die Gründung der DDR, den Mauerbau, am Ende die Wiedervereinigung.

In den Biografien selbst gibt es allerdings auch ohne die Einwirkung überindividueller Ereignisse dramatische Begebenheiten zuhauf. Martha, das deutschstämmige Mädchen aus bürgerlicher Brünner Familie, lernt im Kino den im Waisenhaus aufgewachsenen Tschechen Karel Horák kennen - eine Mesalliance in den Augen ihrer Familie. Sie heiraten trotzdem und ziehen von Brünn nach Reichenberg. Dort trifft Martha im Krankenhaus auf die kommunistische Textilarbeiterin Ida: Ida hat gerade ihre Tochter Rosa geboren, während Marthas erstes Kind, ein Sohn, tot zur Welt gekommen ist. Trotz aller Unterschiedlichkeit freunden sich die beiden Frauen an, ebenso später Marthas 1932 geborene Tochter Almut und Idas Rosa. Martha aber, die seit der Totgeburt an Depressionen leidet, wird nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Selbstmord begehen, Ida sich des Waisenkindes Almut annehmen und sich mit den beiden Kindern - es ist das Jahr 1946 - gezwungenermaßen auf den Weg ins zertrümmerte Deutschland machen; Idas Mann, zunächst als Kommunist im KZ Dachau inhaftiert, ist an der Ostfront gefallen.

Die ganze Familie wird für die Republikflucht der Schwester bestraft

Erzählstoff genug für einen Roman, sollte man meinen, doch stehen mit Beginn der Nachkriegszeit zwei Drittel der Geschichte ja noch aus. Und so besucht Ida in der DDR die Parteihochschule Karl Marx und legt, mittlerweile in Berlin lebend und mit dem freundlichen Funktionär Manfred verheiratet, eine Parteikarriere hin, während die Mädchen Rosa und Almut miteinander durch dick und dünn gehen, bis die immer schon aufmüpfige Rosa im Sommer 1960, "nur mit einer Handtasche" als Gepäck, in den Westen fährt und sich zu ihrem schwulen Onkel Willi nach Hamburg durchschlägt. Für die Republikflucht hat ihre Mutter mit dem Verlust ihrer Parteiämter zu büßen, die stets duldsame Almut hingegen erst mit einer Depression, dann mit der Strafversetzung als Arbeiterin in einen Betrieb in der Provinz. "Auf die neurologische Station folgt die Bewährung in der Produktion, im VEB Öl- und Fettwerke Magdeburg. Es sind hauptsächlich Frauen, die hier arbeiten, bis auf den Betriebsleiter, die Pförtner und den Parteisekretär. Nach Feierabend liegt ein Fettfilm auf der Haut und in den Haaren. Jahrelang kann Almut keine Margarine mehr sehen, geschweige denn riechen."

In diesem Duktus wird hier auch von allen übrigen Begebenheiten erzählt: betont schlicht, registrierend, heruntergedimmt auf die Abfolge der Ereignisse, kaum jedoch einmal näher bezogen auf das, was sich derweil in den Figuren selbst ereignet. Spätestens aber bei diesem zweiten massiven Einbruch in Almuts Lebensgeschichte - erst der Selbstmord der Mutter, dann das Verlassenwerden von der Kindheitsfreundin - hätte man sich doch entschieden eine Wahrnehmung auch der emotionalen Situation gewünscht.

Wut und Empörung auf Almuts Seite? Verletztheit? Trauer? Nichts da. Die Feststellung, dass Almut in der Psychiatrie gelandet ist, muss genügen. So wuchtig die lebensverändernden Fakten jeweils sind, Peggy Mädlers erzählerisches Mäßigungsgebot bleibt ungebrochen: Die Frauen schlagen sich, je nach Naturell, im Leben mal besser, mal schlechter durch, ihre Männer bleiben weitestgehend unsichtbar, sind aber alle lieb und verträglich.

Die historischen Ereignisse sind schrecklich, die Sprache aber bieder

Was alles für die dritte Frauengeneration im wiedervereinigten Berlin nur umso mehr gilt, wo Almuts Tochter Elli, 1974 geboren, sich mit der etwa gleichaltrigen Kristine befreundet und beide (wie Peggy Mädler selbst) in der freien Theaterszene arbeiten. Nach dem Tod der über achtzigjährigen Almut fahren die Freundinnen im Andenken an sie und die schon lang gestorbene Rosa nach Kirchmöser, und auf der Rückfahrt sieht Kristine Ellis Gesicht im Zugfenster: "Jetzt bist du der Mensch, der mich am längsten kennt, sagt das Gesicht in der Scheibe, und ist dabei voller Regentropfen."

So endet der Roman, und man könnte jetzt eine Weile klagen über Sätze wie "Die Vergeblichkeit weht sie an wie schlechter Mundgeruch", über eine "Neigung zum Selbstbedauern" oder auch über nur knapp gebändigten Schwulst: "Und so umschlingen sich ihre Worte und Körper in einer gekrümmten Raumzeit, die nur mithilfe der Unschärfe wahrzunehmen ist, in der sie beieinander und zugleich allein und mit anderen an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zeiten sind, die mithilfe der Erinnerung und der Erzählung beständig ineinander greifen ..." (so sieht hier der Sex aus). Doch ist der wesentliche Einwand gegen den Roman ein anderer. Gegenüber den horriblen realhistorischen Ereignissen und den teils ebenfalls heftigen individuellen Schicksalsschlägen hat er in all seinen Beschreibungen nichts als betäubende Biederkeit aufzubieten. Sodass die Replik auf die stimmungsvolle Titelfrage "Wohin wir gehen" am Ende nur "So ging das hin" lauten kann. Das aber haben Figuren wie Martha und Ida, Rosa und Almut, Kristine und Elli nicht verdient. Und die Leser auch nicht.

Peggy Mädler: Wohin wir gehen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 224 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 03.07.2019

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