Pedro Almodóvars "Parallele Mütter":Spanische Ostereier

Pedro Almodóvars "Parallele Mütter": Vorbild für ein besseres Spanien: Penélope Cruz in "Parallele Mütter".

Vorbild für ein besseres Spanien: Penélope Cruz in "Parallele Mütter".

(Foto: El Deseo/Studiocanal)

Welche Anspielungen Pedro Almodóvar heimlich in seinem Film "Parallele Mütter" versteckt hat.

Von Reinhard J. Brembeck

Der Filmregisseur Pedro Almodóvar liebt die eigenwillige Adaption fremder Texte. Für "Die Haut, in der ich wohne" hat er den kalt konstruierten französischen Roman "Mygale" von Thierry Jonquet hispanisiert, für "Julieta" drei Kurzgeschichten aus dem Band "Tricks" der kanadischen Nobelpreisträgerin Alice Munro genauso hemmungslos nach Spanien geholt. In seinem aktuellen Film "Parallele Mütter / Madres paralelas" (seit März im Kino) treibt Almodóvar, unbemerkt von der Kritik, die assoziative Verwandlung einer literarischen Vorlage auf die Spitze.

Dabei ist der Film nicht explizit als Literaturverfilmung ausgewiesen. Doch Almodóvar inszeniert als Spiel im Spiel eine zentrale Szene aus Federico García Lorcas kaum bekanntem Drama "Doña Rosita bleibt ledig oder Die Sprache der Blumen". Das ist durchaus kein Zufall, es gibt etliche Parallelen zwischen Stück und Film. Lorca erzählt um 1900 das desolate Schicksal Rositas, deren in die Ferne gezogener Verlobter sie daheim in Granada verdorren lässt.

Der erste Akt zeigt Rosita als junges Mädchen, der zweite Akt fünfzehn Jahre, der finale Akt weitere zehn Jahre später. Almodóvar aber macht aus der einen kinderlosen Rosita drei parallele Mütter, die Aussteigerin Ana, die Fotografin Janis, die Schauspielerin Teresa; deren Altersunterschied entspricht dem Zeitenabstand bei Lorca. So zeigt der Film eine Gleichzeitigkeit und eine ineinander geschachtelte Dramaturgie, die Lorcas Serialismus überlegen ist.

Lorca hatte ein pessimistisches Spanienbild, Almodóvar kehrt es in eine optimistischere Sichtweise

Auch Rositas Haushälterin, Tante und Onkel lassen sich bei Almodóvar in Janis Zugehfrau, Arbeitgeberin und Liebhaber erkennen. Ana, die jüngste der Parallelmütter, wurde von einem Lateinamerikaner vergewaltigt, was rassistisch erscheint, sich aber daraus erklärt, dass Rositas Verlobter kurzerhand nach Lateinamerika verschwindet. So greift Almodóvar einzelne Lorca-Momente heraus und verbaut sie ganz neu in seinem Kontext. Entscheidend sind aber nicht die Parallelen, sondern dass Almodóvar die Zielrichtung Lorcas grundsätzlich ändert.

Lorca hat oft desolate Frauenschicksale beschrieben, in "Yerma", "Bernarda Albas Haus", "Bluthochzeit". Doch dieses ewig rückschrittliche und frauenfeindliche Spanien Lorcas ist für Almodóvar, der in der Demokratie der Nach-Franco-Zeit seine Karriere begann, Vergangenheit. Er glaubt an die Zukunft, er glaubt an den Fortschritt, die Emanzipation von Frauen und Minderheiten. Also korrigiert er Lorcas Spanien-Pessimismus, ohne deshalb eine heile Scheinwelt zu erschaffen, dazu sind die Probleme seiner drei Parallelmütter allzu handgreiflich real.

Garant für die Zukunft sind die Frauen und ihre Kinder. Darauf verweisen auch zwei der Bilder in Janis' Appartement. Von Joaquín Sorolla stammt der Junge, der in der Meeresbrandung liegt, es ist eines der beliebtesten der unbeschwerten Bilder dieses jenseits von Spanien kaum bekannten Malers. Das andere stammt von dem ähnlich unbekannten Eroto-Symbolisten Julio Romero de Torres, den Almodóvar schon öfter in seinen Filmen untergebracht hat. "Der Frühling" zeigt zwei junge Frauen wie im Film.

Dazu passt ein zentrales Motiv der "Doña Rosita", die mit einem nächtlichen Bild der Einsamkeit endet: "Plötzlich fliegt ein Balkonfenster im Hintergrund auf, und die weißen Vorhänge wehen im Wind." Almodóvar zeigt ebenfalls weiße Vorhänge, die aber auf eine sonnendurchflutete Straße Madrids hinauswehen. Dahinter gähnt nicht Leere, dahinter sieht man, wie Janis und ihr Lover sich lieben, ihr erstes Kind zeugen.

"Madres paralelas" hat jenseits dieser ins Positive gewendeten Motiv-Übernahmen Lorca zum Zentrum, der ganze Film wirkt wie eine Hommage Almodóvars an den Dichter. Lorca wurde zusammen mit drei anderen Männern zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs 1936 von Francos Mördern unweit von Granada erschossen und verscharrt. Granada ist die dunkle, Vergangenheit und Reaktion suggerierende Folie des Films.

Er verhandelt ein in Spanien emotional hoch aufgeladenes Thema, die Öffnung der zahllosen Bürgerkriegsgräber, damit die Familien ihre von den Franquisten ermordeten Vorfahren endlich beerdigen können. Am Ende des Films wird solch ein 80 Jahre altes Grab geöffnet, die Frauen des Dorfes kommen zum Trauern um ihre ermordeten Angehörigen. Federico García Lorcas Überreste aber sind bis heute nicht exhumiert worden.

Zur SZ-Startseite

Neu in Kino & Streaming
:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Das Harry-Potter-Universum wandert ins Berlin der Dreißigerjahre, Patricia Highsmith hat viele Affären, und Volker Schlöndorff will den Wald retten. Die Starts der Woche in Kürze.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: