Pavarottis Playback-Auftritte Die zwei Tenöre

Wenn schon gefälscht, dann richtig: Hat Luciano Pavarotti seinen letzten Auftritt gefakt? Und wenn ja - beweist er damit nicht erst recht sein Genie?

Von Reinhard J. Brembeck

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Don Antonio Chacón, damals der begehrteste und deshalb nicht gerade unumstrittenste Sänger des Flamenco, für ein fürstliches Honorar zu einer mehrtägigen Feier verpflichtet. Mit von der Partie war Manuel Torre, den viele heute noch für den größten aller Flamencosänger halten. Als es ans Bezahlen ging, nahm Don Antonio sein Honorar entgegen, forderte aber für Manuel Torre, der keinen einzigen Ton an all den Festtagen gesungen hatte, den gleichen Betrag. Schließlich sei der Beste von allen da gewesen.

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Ob sich Don Antonio mit seiner Forderung durchsetzen konnte, davon schweigt die Anekdote. Als erwiesen gilt aber, dass der im vorigen Jahr verstorbene Luciano Pavarotti fürs Nichtsingen bezahlt wurde. Mindestens einmal und ironischerweise für seinen letzten Live-Auftritt, anlässlich der Eröffnung der Olympischen Winterspiele 2006 in Turin. "Nessun dorma" wurde, so weiß Pavarotti-Intimus Leone Magiera nicht ganz uneigennützig in seinem gerade erschienenen Erinnerungsbuch "Pavarotti. Visto da Vicino" zu berichten, vorproduziert und vom Band abgespielt.

Der Meister bewegte täuschend echt die Lippen dazu, das Orchester machte die passenden Bewegungen, und die Welt, die so gern betrogen werden will, war glücklich. Denn Pavarotti, beeinträchtigt durch seine Krebserkrankung, hatte Angst, ihm könnte die Stimme versagen. Nicht auszudenken, was das für eine Blamage geworden wäre - noch heute würde sich die Welt darüber den Mund zerreißen.

Benissimo, Luciano!, möchte man also dem Tenorissimo zurufen, dafür, dass er es allen recht gemacht hat. Trotzdem wird es manche geben, die dennoch auf Täuschung und Irreführung plädieren. Aber, möchte man erwidern, ist es nicht schon Fake, wenn klassische Musik mit verfälschenden Mikrophonen und verzerrenden Boxen entstellt wird, wenn dabei der edelste und heikelste Akt klassischer Musik - die Interaktion zwischen Interpret, Raum, Komposition und Publikum - einem Tonmeister überlassen wird, dem nur an makelloser Beschallung gelegen ist, nicht aber an Kunst?

Wenn schon Fälschung, dann richtig, dann dem Medium angemessen: Das erkannt zu haben, beweist Pavarottis Genie.

Die Vita des "Tenorissimo"

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