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Zum Tod von "Die Wolke"-Autorin Pausewang:Verdrängen gilt nicht

Gudrun Pausewang

Eine Idealistin aus dem Geist des Pessimismus heraus: Schriftstellerin Gudrun Pausewang, die am Donnerstag im Alter von 91 Jahren gestorben ist.

(Foto: Arne Dedert/dpa)
  • Ein Jahr nach der nuklearen Katastrophe von Tschnernobyl veröffentlichte die Autorin Gudrun Pausewang ihren berühmtesten Roman, "Die Wolke".
  • Pausewang hatte stets den Anspruch an ihre Leser, sich mit schweren Konflikten zu befassen. Kritiker machten ihr Katastrophenseligkeit zum Vorwurf.
  • Ihre Bücher sind heute noch aktuell, zum Beispiel als Allegorie auf die Gefahren des globalen Klimawandels.

Gudrun Pausewangs großer Ruhm begann in den späten Achtzigerjahren, nachdem sie, im Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl, ihren Roman "Die Wolke" veröffentlicht hatte. Darin schildert Gudrun Pausewang einen schweren Reaktorunfall am Beispiel des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld. Die Geschichte des Mädchens Janna-Berta, die mit ihrem Bruder Uli durch das nukleare Inferno irrt, ist in ihrer Lebensnähe und ihrem dystopischen Realismus packend und aufwühlend.

Das Buch war ein literarisches Ereignis, auch weil es die hohe Politik in einen heute kaum vorstellbaren Erregungszustand versetzte. Machte man Heranwachsende nicht unbotmäßig kirre mit solchen Katastrophenparabeln? Sollten die Kinder der Kohl-Ära nicht besser an den demokratischen Weihnachtsmann glauben, der ihnen Sicherheit und Frieden versprach? Die damalige CDU-Familienministerin Rita Süssmuth musste Zorn und Unverständnis ihrer Parteifreunde in Kauf nehmen, als sie Gudrun Pausewang den vom Ministerium gestifteten Deutschen Literaturpreis gegen alle Widerstände verlieh.

Heute liest man "Die Wolke" eher als Allegorie auf die Gefahren des globalen Klimawandels, den Pausewang - genau wie die Nutzung der Atomkraft - als Gewissensfrage zwischen den Generationen begreift. "Wart ihr für oder gegen die Atomkraft?", fragt Janna-Berta den Onkel Friemel im Roman. "Nun ja, wir haben von den Risiken nichts gewusst, nicht wahr, Bärbel?" Tante Bärbel winkt ab und verlängert mit dieser Geste Gudrun Pausewangs Botschaft: Man habe nichts gewusst, ist eine Rechtfertigung, die man getrost wieder einstecken kann.

Moralische Selbstgenügsamkeit stand ihr nicht zur Verfügung

Die Bewahrung des Lebensraums, die Abwehr vernunftloser Technologien und die Mahnung, erkannte Gefahren nicht kleinzureden, stehen im Rang hoher moralischer Selbstverpflichtung. Denn Gudrun Pausewang gehörte, ähnlich wie Peter Härtling, zu jenen äußerst redlichen deutschen Schriftstellern, denen die Bequemlichkeit des Verdrängens und die moralische Selbstgenügsamkeit nicht zur Verfügung standen. Sie hatte noch als Siebzigjährige gut in Erinnerung, wie blind begeistert sie als Mädchen von Hitlers Ertüchtigungswahnsinn gewesen war. Deshalb reihte sich Pausewang nicht bei jenen Intellektuellen ein, die nach 1945 so taten, als seien sie im Herzen schon als HJ-Pimpfe und Mädelsbündnerinnen reine Demokraten gewesen. Bei Gudrun Pausewang war es so: Als Hitler tot war, weinte sie.

Gudrun Pausewang betrat im berühmten Jahr 1959 neben den Debütanten Günter Grass und Uwe Johnson die literarische Bühne. Ihr erster Roman "Rio Amargo oder das Ende des Weges" bündelte ihre Erfahrungen als Lehrerin an einer Deutschen Schule in Chile. Sie blieb nicht lange in der jungen Bundesrepublik, sondern zog mit ihrem Ehemann nach Kolumbien. Erst Anfang der Siebzigerjahre kehrte sie zurück und begann, Kinderbücher zu schreiben, Märchenhaftes, Lustiges zunächst, dann, 1983, ihren ersten politischen Jugendroman "Die letzten Kinder von Schewenborn" über den Einschlag einer Atombombe und wiederum die Frage, ob eine hoch entwickelte Gesellschaft aus den Erfahrungen des letzten Krieges Lehren zieht oder nicht.

Damals dystopischer Grusel - heute ein Gegenwartsroman

Gudrun Pausewang war keine optimistische Geschichtenerzählerin. Sie mutete ihren jungen Lesern zu, sich mit schweren Konflikten zu befassen, die sich nicht in Gesprächen lösen lassen, sondern eine neues Denken in der Welt erfordern. Pausewang war eine Idealistin aus dem Geist des Pessimismus. Sie wollte keine leichtsinnige Mutmacherin sein. Katastrophenseligkeit machten ihr manche Kritiker deshalb zum Vorwurf.

Aber Gudrun Pausewang schrieb ja an der gesellschaftlichen Wirklichkeit entlang und rechtfertigte ihre düsteren Aussichten durch reale Befunde. Nachdem die rechte Partei "Die Republikaner" in einige Landtage gezogen war, schrieb Pausewang 1993 den Roman "Der Schlund". Darin gewinnt eine rechtsextreme Partei mit Koalitionen und begünstigt durch ein aggressives gesellschaftliches Klima erschreckend rasch an Macht. Damals war das ein dystopischer Grusel, heute liest man das Buch beinahe wie einen Gegenwartsroman. Am Donnerstag ist Gudrun Pausewang im Alter von 91 Jahren in der Nähe von Bamberg gestorben.

© SZ vom 25.01.2020/tmh
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