bedeckt München 26°

Paul McCartney:Hallo Welt, mich gibt's auch allein

Paul McCartney tritt in Berlin auf

Paul McCartney veröffentlicht seit 1970 Platten ohne die Beatles.

(Foto: Sophia Kembowski/ dpa)

Die neue Compilation "Pure" von Paul McCartney ist eine freie Auswahl aus klassischen Paul-Hits, die immer wieder die Geschmacksunsicherheit des Ex-Beatles deutlich macht.

Man muss das mal in Jahren gegeneinanderstellen: Die Beatles haben von 1963 bis 1970 Platten veröffentlicht. Acht Jahre. Paul McCartney veröffentlicht seit 1970 Platten ohne die Beatles. Also, das laufende mitgezählt, 47 Jahre. In diesen fast fünf Jahrzehnten hat er wenig geschaffen, was es mit den wenigen Jahren davor aufnehmen könnte.

Und nein - das so zu sagen, ist weder gemein noch hämisch, es beschreibt nur eine Tatsache, die Paul McCartney bewusst ist. Im Grunde ist seine Karriere nach den Beatles ein großer Versuch zu sagen: Hallo, ihr Menschen da draußen, nehmt bitte zur Kenntnis, mich gibt es auch allein, ich habe auch ohne diesen John Lennon ein paar Lieder geschrieben. Und die Welt nickt freundlich, kauft seine Platten, beschert ihm ausverkaufte Stadionkonzerte - und schaltet erst dann von höflich auf frenetisch, wenn er endlich Beatles-Stücke singt.

McCartney lässt die neue Compilation "Pure" auf seiner Homepage mit solchen Sätzen bewerben: "Paul McCartney und seine Musik muss man nicht vorstellen. Zusammen mit drei Freunden hat er die kulturelle Landschaft für immer verändert. Und auch seine Leistungen seitdem, als Mitglied der Wings und solo, bilden ein umwerfendes Œuvre, das bestehen kann neben diesen sensationellen Jahren mit den Beatles." Man versteht, was gemeint ist - und hört doch nur: Beatles - Beatles - Beatles - auch mal was solo - Beatles - Beatles.

Off the Record Waldschratrock gegen die Bösen der Welt
Neues Album "Earth"

Waldschratrock gegen die Bösen der Welt

Neil Young will die Menschheit retten, vor Monsanto, Starbucks, vor dem zerstörerischen Fortschritt - der zugleich Verheißung ist. Das ist so widersprüchlich wie unsere Gesellschaft.   Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

Im kommenden Jahr wird Paul McCartney 75. Kurzes Gedankenspiel: Stellen wir uns vor, es hätte keinen John Lennon gegeben, keine Beatles, er wäre einfach 1970 mit seinem Debütalbum "McCartney" an die Öffentlichkeit getreten und hätte dann Platte für Platte so weitergemacht. Wäre er einer von den ganz Großen geworden? Erste Liga? Oder doch nur einer unter den vielen inzwischen alten Typen aus den Siebzigern, einer mit ein paar soliden Hits und einem Bond-Song?

Ewige Streitfälle wie "Hope of Deliverance"

Wer "Pure" hört, kriegt einen ungefähren Eindruck davon. Mit der Zusammenstellung hat McCartney sich selbst ein kleines Geschenk gemacht: einfach mal nur er. Nicht direkt ein Best-of, auch nicht nur die Greatest Hits. Eher eine freie Auswahl aus klassischen Paul-Hits, aber auch nebensächlichen, fast obskuren Songs. McCartney sagt: "Es ging ausschließlich darum, am Schluss etwas zu haben, das man gern hört." Und: "Vielleicht hört man das Ganze auf einer langen Autofahrt oder an einem Abend zu Hause oder bei einer Party mit Freunden." Ja nun, ja klar, danke.

"Pure" ist in Versionen erschienen: als Doppel-CD mit 39 Stücken, als Vier-CD-Box (67 Stücke), als Vierfach-LP (41) und als Download-Version (67). Hat McCartney 39 Songs ausgewählt oder 41 oder 67? Wird nicht verraten. Auf jeden Fall beginnt jede der Ausgaben mit "Maybe I'm Amazed", seinem besten Solo-Stück. Es könnte noch als Beatles-Original durchgehen, entstanden während der brutalen letzten Monate der Band.

Es folgen, sehr wild durcheinandergemischt, Momente aus allen weiteren Phasen. Die guten Songs der Wings, "Jet", "Band on the Run", "Silly Love Songs". Der unzerstörbare Bond-Titelsong "Live and Let Die". Die Kooperationen "Ebony And Ivory" (mit Stevie Wonder) und "Say Say Say" (mit Michael Jackson). Von den Solo-Alben Lieder wie "Pipes of Peace", "Coming Up", "No More Lonely Nights" . . . und ja, um ehrlich zu sein, da wird's eng, viele der Solo-Songs können schon gar nicht mehr als unbedingt bekannt vorausgesetzt werden.

Dafür fehlen Stücke, die man erwartet hätte: Fans diskutieren im Internet über ewige Streitfälle wie "Hope of Deliverance" (nettes Gute-Laune-Lied oder schwer erträglicher Schlager?) und Publikumslieblinge wie "Bluebird" (das er live gern mit "Blackbird" kombiniert, seinem viel berühmteren Vogel-Lied).