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Paul Maars Autobiografie:Aus einem schmalen Bach ein Fluss

Paul Maar, Autorenportrait für LIT

Nach den Attacken des Vaters fand er Trost in den Märchen: der Autor Paul Maar.

(Foto: Siggi Seuß)

Bücher zu Rettungsinseln: Paul Maars Autobiografie ist auch eine Meditation über das Erinnern.

Von Roswitha Budeus-Budde

Paul Maars Erfolg als Autor basiert auf seinem Talent für das Spielerische. Es herrscht ein heiterer Anarchismus in seinen Geschichten, der überall in seinem Werk zu finden ist. In dem "Tätowierten Hund", seinem ersten Kinderbuch, in den "Sams"-Bänden, in "Lippels Traum" - seinem eigenen Lieblingsbuch - oder anderen fantastischen Erzählungen und Gedichtbänden. Auch seine Theaterstücke - "Der König in der Kiste" ist immer noch das meistgespielte Stück in Deutschland - leben aus der kulturellen Aufbruchstimmung, wie sie typisch war für die Zeit um 1968.

Auf die Frage, wie man ein erfolgreicher Autor wird, hat Paul Maar einmal geantwortet: "Durch eine sehr unglückliche oder eine sehr glückliche Kindheit." Nun hat er mit seiner gerade erschienenen Autobiografie "Wie alles kam - Roman meiner Kindheit" ein Überlebensbuch des unglücklichen Kindes und Jugendlichen geschrieben, der er einmal war. 1990 hat er schon einmal aus seinem Leben erzählt, in dem Jugendbuch "Kartoffelkäferzeiten". Doch während er sich da hinter seiner Hauptfigur Johanna verbarg, die, wie der Autor selbst, Kindheit und Jugend in Krieg und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf in der Nähe von Schweinfurt erlebt, stellt er sich jetzt in seiner Autobiografie ohne Tarnkappe oder Schutzschild dem Leser.

Die Idylle endet, als der vom Krieg traumatisierte Vater zurückkehrt

Er ist wieder das Kind, 1937 geboren, das seine ersten Jahre mit der Stiefmutter bei liebevollen Großeltern auf dem Dorf verbringt, das sich an die Gerüche der Kindheit erinnert, und schon befindet er sich in der Gastwirtschaft der Großeltern im Dorf am Main. Und schildert Episoden des dörflichen Familienlebens, seine eigenen wilden und oft gefährlichen Spiele am Fluss, und die Zeit in der Volksschule, in der er sein Zeichentalent entdeckte. Besonders die Mädchen wünschten sich Prinzessinnenbilder von ihm.

Die Idylle endet, als der vom Krieg traumatisierte Vater zurückkommt. Sein ganzes Leben wird Paul Maar unter dessen Lieblosigkeit und Brutalität leiden. Der Umzug der Familie zurück in die Stadt, nach Schweinfurt, wo der Vater versucht, sein vom Krieg zerstörtes Geschäft wieder aufzubauen, macht Paul, den Zehnjährigen, zum Außenseiter in der Schule. Schon sein fränkischer Dialekt fordert seine Spötter heraus.

Er wird aufsässig, schwänzt die Schule und übersteht diese Zeit nur, weil ihm Bücher zu Rettungsinseln werden. Zu Hause blätterte er im Sprach-Brockhaus, dem Rechtschreib-Duden und im Großen Wilhelm-Busch-Album. Mit seinem Taschengeld besorgte er sich Wildwestheftchen und Kinderbücher in einer privaten Leihbibliothek. Später wurde "Tom Sawyer" zu einem seiner Lieblingsbücher. Immer wieder, besonders nach den Attacken des Vaters, fand er Trost in dem Märchen "Der Eisenhans". Erst als Erwachsener versteht er die Botschaft. "Irgendwann würde ich, der entwurzelte, gedemütigte Knabe, mein Hütchen vom Kopf nehmen, dann würden alle erkennen, was bis dahin keiner außer mir wusste, und man würde staunend ausrufen: 'Der hat ja goldene Haare'."

Doch da war er längst gerettet aus seinem lieblosen elterlichen Milieu, denn schon in der Schule lernt er Nele kennen, die aus einer Theaterfamilie stammt, die er heiratet und mit der er bis heute selbst bei ihrer schweren Alzheimererkrankung zusammenlebt. In den berührendsten Passagen seiner Autobiografie schildert er das tägliche Leben mit ihr.

Die Fahrradtour nach Italien wird für den 17-Jährigen zum Kunstabenteuer

Doch sein heutiges Leben steht nicht am Ende dieses Buches, denn für seine Autobiografie, schreibt Paul Maar, wollte er nicht chronologisch von der Kindheit bis in die Jugend vorgehen. Er verfasste sie aus dem Strom seiner Erinnerung. "Schön wäre es", meint er "wenn sich Erinnerungen wie eine Perlenschnur von der frühesten Kindheit bis in die Jetztzeit aneinanderreihen würden ... oder aus einem schmalen Bach ... ein Fluss würde ... so ist es aber nicht. Erinnerungen sind keine Tagebücher ... Eher sind es verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen". Auch das Blättern in den alten Fotoalben hilft ihm bei der Spurensuche nach der Kindheit. Auf den ersten Bildern entdeckt er sich als Dreijährigen, der die Trauung des Vaters mit der Stiefmutter beobachtet. Die er sehr liebte, die ihn aber nach der Rückkehr des Vaters nicht vor dessen Strafaktionen schützte.

Da führte auch das Wiederholen einer Klasse zum häuslichen Drama. Doch jetzt findet er endlich Freunde, die seine Liebe für das Malen und die Literatur teilen. Die gemeinsame Fahrradtour nach Italien wird für den Siebzehnjährigen zu einem aufregenden Kunstabenteuer. Und führt später, auch im Andenken an den tragischen Tod seines besten Freundes, dazu, dass er seine ersten eigenen Texte schreibt.

Das Ende dieser Autobiografie wird zu einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Vater, dem er sich bis zu dessen Tod nicht angenähert hatte. Denn als das Manuskript fertig war, erhielt Paul Maar plötzlich von seiner Schwester Briefe, die der Vater aus dem Krieg an die Stiefmutter geschrieben hatte und in denen er sich um seinen Sohn in liebevoller Weise sorgt. Dieser fragt sich jetzt, wie er der "Schreckensmann" werden konnte, "vor dem ich mich in mein Zimmer verkroch, sobald ich nur hörte, dass er die Haustür aufschloss". War es wirklich allein die Schuld des Vaters, dass er zu diesem Schreckensmann wurde?

Paul Maar: Wie alles kam - Roman meiner Kindheit. Fischer Verlag, Frankfurt 2020. 298 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 01.09.2020
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