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Erinnerungen an Paul Celan:Die reine Kraft der Sprache

Paul Celan

"Man horcht auf, eine Stimme hat zu sprechen begonnen": der Dichter Paul Celan.

(Foto: Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Verlag)

Der Czernowitzer Germanist Petro Rychlo hat Erinnerungen von Zeitgenossen Paul Celans in einem Band versammelt. Jacques Derrida und Peter Szondi kommen zu Wort, aber auch die Kinder aus der Nachbarschaft.

Von Lothar Müller

Moshe Barash, geboren 1920 in Czernowitz, Gründer des ersten Lehrstuhls für Kunstgeschichte in Israel, erinnert sich, wie er mit seinem Kindheitsfreund Paul auf einem kleinen steinernen Zaun am Spielplatz sitzt. "Dieser Steinzaun, auf dem wir uns zu treffen pflegten, war gelegen genau an der Grenze zwischen dem streng orthodoxen chassidischen Wohnviertel und einer anderen Stadtgegend, wo die mehr europäisierten Juden wohnten. Gerade an der Grenze trafen wir uns dann."

Der Steinzaun findet sich zu Beginn des Buches, in dem Petro Rychlo, Essayist, Übersetzer und Germanist an der Universität Czernowitz, Erinnerungen von Zeitgenossen an Paul Celan versammelt. Bis auf einen sind alle 55 Texte nach dem Tod Celans entstanden, Interviews und Briefe, Auszüge aus Büchern über Celan, Übersetzungen aus dem Russischen und Rumänischen, Schwedischen und Französischen, dazu Erstpublikationen.

Rychlo hat sie nach Schauplätzen angeordnet: Czernowitz, Bukarest, Wien, Paris. Auch in den Biografien über Celan wird diese topografische Hauptlinie seines Lebens nachgezeichnet, aber immer nur von einer Erzählerstimme. Hier tritt von Beginn an ein Chor auf, und jede Einzelstimme spricht nicht nur über Celan, sondern auch über sich selbst.

Der Vornamen Paul klang fremd, er erklang christlich

Der Steinzaun, an den sich Moshe Barash im Interview mit Cord Barkhausen in den Achtzigerjahren erinnerte, ist von einer Vielzahl Lebens- und Todesgeschichten umgeben. Sie handeln vom Elternhaus und der Familie Edith Silbermanns, vom jiddischen Theater, in dem Ruth Kraft mitspielte, erzählen Parallelgeschichten zur Deportation der Eltern Celans im Sommer 1942, geben Rückblicke auf die Vielfalt der Sprachen in den Herkunftswelt, auf das Rumänische, Russische und Französische, auf die surrealistische Literatur, die Celan mitbrachte, als er nach einem Semester Medizinstudium in Tours 1938/39 nach Czernowitz zurückkehrte.

"Als Paul noch nicht Celan war" könnte das Czernowitz-Kapitel heißen. Ein lebendigeres Porträt seiner Herkunftswelt lässt sich kaum finden. Der junge Paul Antschel, rumänisch Ancel, hat das Anagramm Celan noch nicht zu seinem Nachnamen gemacht. Zu seinem Vornamen sagt Moshe Barash: "Ich ärgerte mich über seinen Namen. Über den Namen Paul. Ich hieß damals Moses, also heute Moshe, was natürlich die hebräische Urform von Moses ist. Paul, das war etwas, was fremd klang." Spricht hier das erinnerte Kind oder der rückblickende Gelehrte in Israel? In jedem Fall tritt das Christliche am Namen Paul hervor, die Urfigur des bekehrten Juden.

Der Chor der Stimmen spricht von der Literatur, den leidenschaftlichen Lektüren, etwa Hölderlins oder Rilkes, von ersten Übersetzungen, vom deutschsprachigen Elternhaus, in dem die Mutter als Vermittlerin der deutschen Literatur auftritt. Aber er spricht nicht nur von der Literatur. Er spricht von Liebschaften und Zerwürfnissen, vom Erwachsenwerden in Zeiten von Krieg und Verfolgung.

Von der faschistischen Regierung, die 1937/38 in Rumänien an die Macht kam, von der kommunistischen Jugendbewegung, von der Desillusionierung über die Sowjetunion noch vor dem Einmarsch der Russen in Czernowitz im Juni 1940, von der Judenverfolgung nach dem Eintritt Rumäniens in den Krieg an der Seite des Deutschen Reiches. Vom Zufall begünstigt, entging Paul Celan der Deportation und kam in ein Arbeitslager in der Moldau. Vom Tod seiner Eltern - der Vater war 1942 an Typhus gestorben, die Mutter im selben Jahr von einem SS-Mann erschossen worden - erfuhr er erst 1944.

Wien und Bukarest blieben Zwischenstationen im Leben Celans

Schon im Czernowitz-Kapitel tritt ein Element hervor, das alle Lebensphasen und Lebensschauplätze durchzieht, die Stimme Celans. Sie kennt den Überschwang, viele Gedichte und Dramentexte auswendig, rezitiert gern Frauenrollen wie Shakespeares Ophelia oder Julia , parodiert und imitiert, singt zeitweilig revolutionäre Lieder, flüstert eigene Gedichte. "Seine Stimme war hoch - wie bei einem Mädchen.

Er war auch ironisch, konnte lachen, Witze reißen. Er konnte zum Beispiel "seine Ohren bewegen", erinnert sich Malzia Fischmann-Kahwe. Und Dorothea Müller-Altneu: "Seine Stimme hörte ich zum ersten Mal, als er an einem vom französisch-rumänischen Freundschaftskreis veranstalteten Wettbewerb in einer Gruppe teilnahm, zu der auch ich gehörte. Es war eine Stimme wie keine andere, in einem seltsamen Register liegend, zwischen Mezzosopran und Alt."

Bukarest, wohin er im Frühjahr 1945 für etwa zweieinhalb Jahre ging, und Wien, wo er ab Mitte Dezember 1947 für ein halbes Jahr war, blieben Zwischenstationen im Leben Celans, aber hier wie dort fanden Weichenstellungen seiner literarischen Karriere statt. In Bukarest erschien 1947 die "Todesfuge" zum ersten Mal, auf Rumänisch, unter dem Titel "Todestango", übertragen von Petre Solomon. Er porträtiert die deutschsprachigen rumänischen Dichterzirkel, Celan als Lektor des Verlags "Cartea Rusă" und die sprachspielerische Seite seines Freundes, dessen Lust an Paradoxen. Ein "Frage-Antwort-Spiel" Celans beginnt so: "Was ist die Einsamkeit des Dichters? - eine Zirkusnummer, die nicht im Programm steht."

In Paris lebt er bis zu seinem Tod im April 1970

Das Wien-Kapitel enthält die Erstpublikation seiner Gedichte im deutschsprachigen Raum und die Erstbegegnung mit Ingeborg Bachmann. Otto Basil, der Gedichte Celans in der Zeitschrift "Plan" brachte, berichtet über das von ihm und Celan herausgegebene Buch über den surrealistischen Maler Edgar Jené, Milo Dor über das Umfeld des ersten Gedichtbandes von Celan, "Der Sand aus den Urnen". Zu den ersten Lesern der im "Plan" gedruckten Gedichte Celans gehörte der Wiener Lyriker und Kunsthistoriker Klaus Demus. Das große Interview mit ihm, das 2011 in der Zeitschrift Sinn und Form erschien, ist hier zu Recht noch einmal teilabgedruckt.

Es führt rasch von Wien nach Paris, wo Paul Celan die längste Zeit seines Lebens lebte, von 1948 bis zum Tod in der Seine Ende April 1970. Im Kapitel Paris steckt das große Nachkriegstrauma, die Verleumdung Celans als Plagiator von Iwan Goll durch dessen Witwe Claire Goll und das Großthema "Celan und Deutschland" mit dem Auftritt Celans bei der Gruppe 47 in Niendorf 1952, mit dem Büchnerpreis und dem Besuch bei Martin Heidegger 1967.

Auch hier bewährt sich das chorische Prinzip, dessen soziologisches Profil sich auffächert. An die Seite der Schriftsteller, darunter Marie Luise Kaschnitz, Günter Grass, Friedrich Dürrenmatt, Yves Bonnefoy, Karl Krolow und Peter Härtling treten die Literaturwissenschaftler, darunter Gerhart Baumann, Albrecht Schöne, Gisela Dischner, Gerhard Neumann und vor allem der Komparatist Peter Szondi, der in vielen Erinnerungen auftaucht, ohne selber einen Erinnerungstext verfasst zu haben.

Erstmals auf Deutsch ist hier Jacques Derridas Erinnerung an seinen schweigsamen Kollegen Paul Celan zu lesen, den Lektor für Deutsch an der École Normale Superieur. Erzählungen von abgebrochenen Gesprächen und Freundschaften, von nicht zu bändigendem Misstrauen, Spuren der schweren psychischen Erkrankung Celans ziehen sich wie seine Affären durch das Paris-Kapitel. Die Erinnerungen an das Ehepaar Paul Celan und Gisèle Lestrange, etwa der Übersetzerin Edith Aron, gelten zugleich der Malerin Lestrange, vor allem bei dem deutschen Kurator Wieland Schmied.

Am Ende des Buches hat die Stimme Paul Celans, in den Erinnerungen an seine Lesungen beim Besuch in Israel 1969 einen letzten, bewegenden Auftritt. Bei der Lesung vor der Gruppe 47 in Niendorf hatten sie manche Zuhörer über sie mokiert, einige fühlten sich an den "Tonfall von Goebbels", andere an den Singsang eines Rabbis oder Kantors in der Synagoge erinnert. Die Vorkriegstradition der Rezitatoren hatten sie nicht im Ohr.

Bei Ilana Shmueli, die Celan aus der Kindheit in Czernowitz kannte und ihn im Oktober 1969 in Jerusalem und Tel Aviv wiedertraf, wo sich "die Czernowitzer Landsmannschaft" der Stadt bei seiner Lesung versammelte, war das anders. Israel Chalfen schrieb im November 1969 in dem einzigen zu Lebzeiten Celans erschienenen Text dieser Anthologie: "Man horcht auf. Eine Stimme hat zu sprechen begonnen, die ist ganz anders als die gewohnten. Die Musikalität des Klanges, die Reinheit der Diktion, die Schlichtheit, bei aller Sicherheit und Kraft des Ausdrucks; das ergreift den Hörer unwiderstehlich und lässt ihn dieser Stimme sich ganz hingeben."

Von der Dichtungsauffassung Celans sprechen nicht nur die Dichter, sondern auch Verlagsmitarbeiter wie Christoph Schwerin, der zeitweilig bei S. Fischer für das französische Programm zuständig war. Für das Hervortreten der prosaischen Seite in Celans Dichterexistenz sorgt auch der verlässliche Kommentar des Herausgebers.

Wen Celans Verlagswechsel von S. Fischer zu Suhrkamp, seine Redigate von Klappentexten, seine Tätigkeit als Übersetzer interessiert, der greife zusätzlich zu Rychlos Sammlung zu dem Buch des Anglisten, Übersetzers und Lektors Klaus Reichert, das neben persönlichen Erinnerungen an Paul Celan seinen Briefwechsel mit dem Dichter enthält. Man begegnet hier vielen Akteuren aus Rychlos Buch, porträtiert von einem Autor, der durch Adorno geprägt war, zu den Anti-Heideggerianern in Celans Umgebung zählte und nicht nur diesen verehrte, sondern zugleich die englische und amerikanische Moderne bis hin zu Pop-Art, der Celan wenig abgewinnen konnte. Man erfährt aber in Rychlos Buch, dass er sich für James Dean interessierte.

Petro Rychlo (Hrsg.): Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 470 Seiten, 28 Euro.

Klaus Reichert: Paul Celan. Erinnerungen und Briefe. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 298 Seiten, 28 Euro.

© SZ/fxs
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