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Paul Celan:Strahlenwind, Büßerschnee

Literaturdienst - Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Der Dichter Paul Celan.

(Foto: dpa)

Gibt es so viel Neues überhaupt noch zu sagen? Der Dichter Paul Celan erscheint in einer "Neuen kommentierten Gesamtausgabe".

Von  Helmut Böttiger

Und jetzt noch mal ein Buch mit mehr als 1200 Seiten, eng bedruckt, nur mit Kommentaren zu einzelnen Stellen in den Gedichten Paul Celans! Es ist ein Phänomen, wie viel in den letzten beiden Jahrzehnten aus dem Nachlass dieses Schriftstellers herausgegeben worden ist. Er ist der am häufigsten interpretierte und der am umfassendsten edierte Lyriker des 20. Jahrhunderts. Das Motiv für dieses lang anhaltende Interesse liegt bestimmt darin, dass Celan mit seiner frühen "Todesfuge" das berühmteste Gedicht deutscher Sprache im 20. Jahrhundert geschrieben hat. Vielerorts hat man ihn mit diesem Gedicht gleichgesetzt und ihn zum Lyriker des deutschen Massenmords an den Juden gemacht, ihn als Opfer, Heiligen und Märtyrer gleichermaßen stilisiert - was ihm selbst keineswegs behagte.

Andererseits gilt Celan, vor allem mit seinem Spätwerk, als ungemein hermetisch und schwer verständlich. Das Faszinosum liegt wohl in der Reibung, die aus diesen verschiedenen Zuweisungen entsteht.

Dabei ist Celan zum hart umkämpften Schauplatz von Wissenschaftsinteressen geworden, und der Zugang zum Nachlass war von Anfang an schwierigen Bedingungen unterworfen. Es gibt eine dichte Gemengelage von unter anderem zwei historisch-kritischen Celan-Editionen - die Bonner Ausgabe seit 1990 und die Tübinger Ausgabe seit 1999, und es wäre auch bei keinem anderen Dichter seit 1945 vorstellbar, ihm eine vergleichbare "kommentierte Gesamtausgabe" zu widmen wie die, die nunmehr vorliegt. Jedes einzelne Gedicht Celans wird hier mit Anmerkungen versehen, und in vielen Fällen erklären sie Worte, die nicht sofort durchschaubar sind - so, wenn der oft spezifisch geologische Hintergrund von Celans Bildern erläutert wird: "Tischfelsen" etwa, "Strahlenwind" oder "Büßerschnee" (Schnee- und Gletscherfelder, bei denen durch Sonneneinwirkung nur einzelne Säulen stehen bleiben).

Bereits 2003 kam ein erster Kommentarband der Herausgeberin Barbara Wiedemann heraus. Seitdem sind viele neue Quellen erschlossen worden, 58 Gedichte sind hinzugekommen, vor allem aber sind inzwischen die zentralen Briefwechsel Celans sowie persönliche Erinnerungen erschienen.

Das 2010 veröffentlichte Buch von Brigitta Eisenreich etwa, einer langjährigen geheimen Geliebten Celans, machte auf ungeahnte Weise Gedichte wie "Schuttkahn" in ihrem Entstehungsprozess durchsichtig: es war ihr Wort für die flachen großen Kähne auf der Seine, die man von ihrem Fenster aus sehen konnte. Und Celans Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann klärte nicht zuletzt die Umstände, die zum Gedicht "Köln, Am Hof" führten: es thematisiert die ungestüme Liebesnacht bei der zufälligen Wiederbegegnung der beiden Lyriker nach einer langen Trennung. Die Größe dieses Gedichts besteht aber auch darin, dass es nicht mit plumpen sexuellen Anspielungen arbeitet, auch wenn das jetzt manchmal suggeriert wird - darauf legt der Kommentar der Herausgeberin Wert.

Wo Barbara Wiedemann sich auf die genaue Textgenese, auf konkrete Fakten wie Wörterbücher und Notizen Celans beschränkt, ist ihr Kommentar sehr hilfreich. Allerdings greift sie manchmal auch darüber hinaus, und das ist trotz des objektiven Gestus mitunter streitbar. So hat Celans Gedicht "Corona" mit Rilkes "Herbsttag" keinerlei Gemeinsamkeiten, auch wenn die Herausgeberin Rilkes "Herr: es ist Zeit" und Celans "es ist Zeit, dass man weiß!" aufeinander beziehen möchte. Wiedemann, Privatdozentin in Tübingen, bekam von der Familie Celans schon früh den Auftrag, den Celan-Nachlass für den deutschsprachigen Raum auszuwerten, und wie sie dieses Privileg nutzt, ist nicht unumstritten geblieben. Oft spürt man eine Art Überidentifikation mit ihrem Gegenstand. So musste sich etwa der alte Peter Rühmkorf, der sich in den Fünfzigerjahren als junger Wilder auch gegen den in seinen Augen bereits etablierten Celan zu profilieren versuchte, erbittert gegen bestimmte Insinuationen von ihr wehren. Am fragwürdigsten waren Wiedemanns subjektiven Wertungen, als sie Celans Beziehung zu dem durch den Nationalsozialismus kompromittierten Rolf Schroers überschätzte - die Bedeutung des Briefwechsels Celan-Schroers setzte sie sogar mit derjenigen des Briefwechsels Celan-Bachmann gleich.

Ihre Gedichtkommentare bieten jedoch durch Verweise auf die jeweils aktuelle Zeitungslektüre Celans und durch die auffällig akribischen Archivrecherchen viele neue Aufschlüsse im Detail. Manchmal würde man allerdings gern genauer wissen, wem sie bestimmte Erkenntnisse verdankt (ist es wirklich die Entdeckung der Herausgeberin, den für Celan wichtigen Terminus des "Zeithofs" auf Husserl zu beziehen?), andernorts verweist sie auf durchaus belanglose Aufsätze. Gelegentlich wird ein jenseits üblicher akademischer Zitierkartelle noch radikalisiertes Freund-Feind-Denken erkennbar. Trotzdem ist der Band auf jeden Fall von praktischem Nutzen.

Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 1261 Seiten, 78 Euro.

© SZ vom 27.07.2018
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