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Neue Essays von Paul Auster:Alle meine Freunde

Innige Verbundenheit mit der Welt: der New Yorker Schriftsteller Paul Auster.

(Foto: JEFF PACHOUD/AFP)

Wenn Paul Auster Essays über seine Helden schreibt, über Kafka und Hawthorne, Truffaut und Jim Jarmusch, entwickelt er nicht nur einen Kanon. Er beschreibt die Koordinaten seiner Innenwelten.

Von Andrian Kreye

Im Amerikanischen gibt es für die Figur und das Werk Paul Austers den Begriff "bookish". Das ist eines dieser Wörter, die man nicht übersetzen kann. Nicht einmal die künstlichen Intelligenzen kommen da weiter. Die bieten einem dafür "gelehrt" an, "buchsprachlich" oder gar "papieren". Papieren ist bei Auster gar nichts. Aber was soll man schon von Maschinen erwarten, die einem für "what the fuck" ein "was zum Teufel" anbieten, was den Verdacht erregt, dass sie in der Zierbusch-Ödnis kalifornischer Gewerbegebiete von unsympathischen Protestanten programmiert wurden. Das wäre sozusagen die gegenteilige Lebensform zu Paul Austers zutiefst literarischem Dasein im Brooklyner Bildungsbürgerviertel Park Slope, in das man mit seiner neuen Textsammlung "Mit Fremden sprechen" eintauchen kann.

Auch die deutsche Daseinsform des Belesenseins greift da nicht, weil sie eine Art akademischer Kraftmeierei insinuiert. Paul Auster könnte vermutlich jeden mehrfachpromovierten Literaturwissenschaftler gegen die Wand exegetieren. Aber darum geht es ihm eben nicht. Im ersten und ausführlichsten Teil des Buches mit den Literaturbetrachtungen macht er das deutlich. Zum Beispiel in einem Text über Georges Perec.

"Alle Kritiker erwähnen Perecs umwerfende Erfindungsgabe, seine Raffinesse", schreibt er da. "So sehr mich diese Raffinesse beeindruckt, die überschäumenden Vertracktheiten seiner geistreichen Erfindungen - dies ist es nicht, was mich zu ihm hinzieht. Was mich an seinen Büchern anzieht, ist seine innige Verbundenheit mit der Welt, sein Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, seine Zärtlichkeit." Da liest einer, der Bücher in ihrer ganzen Tiefe erfassen will, der sie durchdringt wie ein Stück Musik, das seine Facetten erst beim mehrmaligen Durchhören preisgibt.

Einstieg in die Welt der "Bookishness"

Man hat Austers Büchern sein Verständnis und den Einfluss verschiedenster Autoren immer angemerkt. Mit den Kritiken und Essays öffnet er in diesem Band für seine Fans seinen Werkzeugkasten. Für alle anderen ist der Band ein Einstieg in die Welt der "Bookishness". Auster schreibt über Edgar Allan Poe, Franz Kafka und Samuel Beckett, über Nathaniel Hawthorne und Salman Rushdie, aber auch über den Regisseur Jim Jarmusch, den Seiltänzer Philippe Petit und den Zeichner Art Spiegelman. Das ist mehr als ein Kanon. Es sind die Koordinaten für seine Innenwelten.

Den Text über Perec schließt er mit dem Fund, dass man in der Schlussszene von Truffauts "Jules und Jim" hinter dem Auto, das ins Wasser stürzt, das Fenster erkennen kann, hinter dem Perec ein paar Jahre später an seinen Büchern arbeiten würde. Um dann die zufällige biografische Parallele der beiden für ihn größten französischen Geschichtenerzähler eben ohne Exegese stehen zu lassen. Auch die Metaphysik bemüht er nicht, die so gerne als Klammer missbraucht wird, wenn es keine Klammer gibt.

Ein Zufall ist ein Zufall. Überhaupt schreibt Auster in seinen Essays, Kritiken und Vorworten, ohne die immer hell erleuchteten Feuerwerke der Kontextualisierung abzufeuern, die den Essayismus der Gegenwart bestimmen. Das wirkt auf mehr als vierhundert Seiten hin und wieder etwas aus der Zeit gefallen. Oder sogar rätselhaft.

Nur zwei Seiten reichen ihm, um den Schrecken von 9/11 in Erinnerung zu rufen

Ohne die historische Einordnung wirkt zum Beispiel die Rede, die er im Oktober 1999 vor dem Brooklyn Museum für die Freiheit der Kunst gehalten hat, arg beliebig. Dabei war sie schon fast prophetisch auf den Punkt. In jenem Sommer hatte der damaliger New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani die Konservativen gegen eine Ausstellung dort aufgebracht. Der britische Künstler Chris Ofili hatte Elefanten-Dung auf ein Madonnenbild verteilt.

Die Empörungswellen, die damals noch zwischen Zeitungen hin und her schwappten, waren ein Vorbote der Mechanismen, mit denen Giuliani später als Anwalt gemeinsam mit seinem Klienten Donald Trump Wut und Angst anstacheln würde. "Wir leben in einer Demokratie, Herr Bürgermeister. Bitte vergessen Sie das nicht", schloss Auster damals seine Rede.

Paul Austers Rolle als politische Figur nimmt in diesem Band erstaunlich wenig Raum ein. Ein Appell an den Gouverneur von Pennsylvania findet sich da, den er anfleht, den wegen Polizistenmordes verurteilten Aktivisten Mumia Abu-Jamal zu begnadigen. Er schreibt über Obdachlosigkeit, Krieg und die Anschläge des 11. September 2001. Seine jüngsten Texte und Interviews zu den Zeitläuften fehlen. Nicht ein Mal taucht der Name Trump auf, an dem er sich so leidenschaftlich abgearbeitet hat. Wobei man oft überschätzt, wie viel die so sichtbare Rolle des öffentlichen Intellektuellen im Leben eines Literaten wirklich einnimmt.

Doch es ist der Text, den er am Abend des 11. September schrieb, der zeigt, welche Kraft literarische Sprache in so einem "bookish" Leben entwickelt. Zwei Buchseiten reichen Auster, um den Schrecken der Anschläge in die Erinnerung zu rufen. Zwei Seiten, die mit seiner 14-jährigen Tochter beginnen, die in Manhattan strandet. Auf denen sich zwei Sätze finden, die den ganzen Schrecken dieses Spätsommertages transportieren: "Der Wind weht heute Richtung Brooklyn, und der Brandgeruch hat sich in allen Zimmern des Hauses festgesetzt. Ein entsetzlicher, beißender Gestank: brennende Kunststoffe, Stromkabel, Baumaterialien, eingeäscherte Leichen." Und der mit dem Satz endet: "Und damit hat das einundzwanzigste Jahrhundert endgültig begonnen."

Paul Auster: Mit Fremden sprechen. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2020. Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Robert Habeck, Andrea Paluch, Alexander Pechmann und Marion Sattler Charnitzky. 416 Seiten, 26 Euro.

© SZ/fxs
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