Patrick Süskind zum 70. "Ich will nichts erleben! Ich bin Schriftsteller!"

Öffentliche Abbilungen seiner selbst sind selten. Archivaufnahme von 1986

(Foto: sz photo; Bearbeitung SZ)

Der berühmteste Literat, der es beständig schafft, nicht berühmt zu sein: Patrick Süskind wird 70 Jahre alt.

Von Marie Schmidt

Der berühmteste Schriftsteller, der es beständig schafft, nicht berühmt zu sein, ist Patrick Süskind. Angesichts der Gepflogenheiten heutiger Literaturvermarktung erscheint es als unwahrscheinlich, wie Süskind gezielt ein paar bleibende literarische Werte gesetzt und sich dann der Sekundärverwertung seiner Bedeutung komplett entschlagen hat: keine Interviews, Fernsehauftritte und Preisreden gibt es aus den letzten Jahrzehnten. Und so kann er als ziviler Mensch in München leben. Wo das besonders erstaunlich ist, weil da ja eigentlich ein jeder irgendwer ist und gekannt werden will.

Süskind nicht. Die Spuren zu dem, was man über ihn weiß, hat er spärlich gelegt. Etwa in ein Nachwort zur Autobiografie seines Freundes Helmut Dietl, eine der raren Stellen, an denen Süskind über sich spricht. Und auch nur, um zu sagen, wie anders als der glamouröse Dietl er sei: "Ich komme vom Land. Geboren auf einem Bauernhof, aufgewachsen im Wald und unter Bäumen am See. Da gab es (damals!) keine Cartierfeuerzeuge und keine Nerzjacken und keinen goldenen Mercedes".

Die Bescheidenheit dieser Herkunft hat er um des Kontrastes willen wohl etwas vereindeutigt. Da wäre ja auch noch seine "Geschichte von Herrn Sommer", die in einer Landschaft wie der Gegend um Ambach am Starnberger See spielt, wo Süskind am 26. März 1949 geboren wurde. Sie handelt von einem Jungen aus einer bildungsbürgerlichen Familie, der viel auf Bäume klettert, weil man da in Ruhe gelassen wird. Patrick Süskinds Vater, Wilhelm E. Süskind, war Autor und Journalist und lange Jahre Redakteur der SZ. Der Vater in der Geschichte lehnt das Fernsehen ab und das Schlimmste für ihn sind Stereotype, abgenutzte Redensarten.

"Ein Kontrabass ist mehr, wie soll ich sagen, ein Hindernis als ein Instrument."

In diesem Buch gibt es die unvergessliche Szene, in der der junge Ich-Erzähler zu spät zur Klavierstunde kommt und sich dann auch noch verspielt. F statt Fis. Die Klavierlehrerin haut auf die schwarze Taste, niest, haut noch mal hin und eine "Portion schleimig frischen Rotzpopels" bleibt auf der richtigen Note zurück. Der Klavierschüler fängt von vorne an, die gefährliche Stelle rückt näher, "der liebe Gott schwieg und tat nichts" und dann: ",Fis jetzt!' schrie es neben mir ... und ich, im klarsten Bewusstsein dessen, was ich tat, mit vollkommener Todesverachtung, spielte F. -"

So komisch diese Geschichte für jeden ist, der unter musikalischer Früherziehung gelitten hat, so ernst ist sie. Weil sie zeigt, wie unversehens Menschen einander zur Qual werden können, wie fatal die Distanzlosigkeit der Welt ist. Und schon mit seinem Debüt, dem Theatermonolog "Der Kontrabaß", hat Süskind ja einen von seiner Mitwelt gequälten Mann aufgestellt: "Ein Kontrabass ist mehr, wie soll ich sagen, ein Hindernis als ein Instrument." 1981 wurde das Stück mit Nikolaus Paryla uraufgeführt, der bald achtzig wird und es heute noch spielt.

Mit Helmut Dietl verband Süskind inzwischen eine große Freundschaft. Sie redeten, wie er nach Dietls Tod im Jahr 2015 schrieb, "über alles". Und dabei entstand manches, das nicht verwirklicht wurde, wie eine zehnteilige Fernsehserie über Ludwig II., die man doch verdammt gerne gesehen hätte. 1983 aber trat im Bayrischen Fernsehen ihr "Monaco Franze" in die Welt: ein Stenz. Das sei kein Macho schrieb Süskind: "Eine erotische Niederlage erschüttert das Weltbild des Matscho im innersten Kern, denn er ist Ideologe. Für den Stenzen als Pragmatiker des Humanen ist sie dagegen eine durchaus vertraute Möglichkeit, die den Reiz des Spiels erst ausmacht." Solche expliziten Überlegungen standen hinter dem Gesellschaftsbild des "Monaco Franze" und später der Serie "Kir Royal" (1986), und deswegen vielleicht werden diese Filme nicht alt, selbst wenn man sie längst auswendig kann.

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"Erleben? Ich will nichts erleben! Ich bin Schriftsteller!"

Während die Freunde an "Kir Royal" arbeiteten, erschien Süskinds Roman "Das Parfum" (1985) - und blieb neun Jahre auf der Bestsellerliste, wurde über 20 Millionen Mal verkauft und in 48 Sprachen übersetzt. Süskind brachte die Leserlichkeit einer linearen Erzählung in den Postmodernismus. Es ist ein Buch für Genussleser, aber auch die Literaturwissenschaft hat dies und das darin gesehen. Die Figur des Jean-Baptiste Grenouille, der den absoluten Geruchssinn hat, aber selber keinen Körpergeruch, der als verbrecherisches Genie die Leute um den Verstand bringt, ist jedenfalls ein Kind der Nachkriegszeit. Es geht da um die Frage, wie es zur Verführbarkeit der Masse kommt. Und auch der Herr Sommer in Süskinds Kindheitsgeschichte, ein Mann, der bei Wind und Wetter durch die Landschaft rennt, weil er es in geschlossenen Räumen nicht aushält, war ja ein Kriegsversehrter, ohne dass das ausgesprochen worden wäre.

Und wo von der Nachkriegsgeneration die Rede ist: 1989 hörte Patrick Süskind in Paris die Nachricht von der Grenzöffnung der DDR und dann die Selbstbehauptungsreden deutscher Politiker im Radio. Vor den Kopf gestoßen schrieb er: "Das Verhältnis zu dem Staat, in dem wir lebten - nämlich der Bundesrepublik -, war zunächst zurückhaltend skeptisch, später aufmüpfig, dann pragmatisch und zuletzt, vielleicht, sogar von distanzierter Sympathie geprägt." Im Einig-Vaterland-Getöne des Jahres 1990 fühlt er sich aus der Zeit gefallen und blieb mit seiner skeptischen Distanz doch historisch im Recht.

Zwei weitere Drehbücher hat er mit Helmut Dietl geschrieben, in denen noch der lässige bundesrepublikanische Geist weht. In "Rossini - Oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" gibt es eine Schlüsselfigur, einen neurotisch auf Abstand bedachten Dichter, der angesichts einer schönen Italienerin, die sich zu ihm ins Bett legen will, aufheult: "Erleben? Ich will nichts erleben! Ich bin Schriftsteller! Io sono scrittore. Io scrivo, non vivo!" Glücklich, wer so etwas lächelnd von sich sagen kann. Heute wird der nach wie vor in München und am Starnberger See lebende Schriftsteller Patrick Süskind siebzig Jahre alt.

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