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Patrick Modianos Roman "Unsichtbare Tinte":Das Internet hilft kein bisschen

Wer erinnert sich an die Menschen hinter den Fenstern? Patrick Modiano sucht ihre Spuren, im Roman "Unsichtbare Tinte" im Viertel Grenelle im 15. Arrondissement von Paris.

(Foto: Lionel Bonaventure/AFP)

Patrick Modianos neuer Roman "Unsichtbare Tinte" und die Kunst, den Abglanz aufzuzeichnen, den ein Leben im Gedächtnis von Freunden und Bekannten hinterlässt.

Von Marie Schmidt

Es gibt dieses charakteristische Wetter in Patrick Modianos Romanen: "An einem anderen Nachmittag in Paris, Juli, bei Gluthitze", das "menschenleere Viertel, die Fassade mit den geschlossenen Fensterläden" in einem Licht, so weiß wie ein Blatt Papier. Totale Reizarmut der "metaphysischen Jahreszeit", in der schlagartig die Spur einer vermissten Person auftauchen kann, eine verlorene Erinnerung in einem Namen auf einem Firmenschild, auf einem Foto in einem alten Buch, als Echo eines aufheulenden Motors.

Wie fast immer in Modianos Büchern verschwindet auch im jüngsten Roman "Unsichtbare Tinte" eine Frau. Vielleicht mit Absicht, oder ohne zu wissen, dass sie gesucht wird. Jedenfalls bleibt kaum etwas von ihr zurück, nur ein Ausweis auf den Namen Noëlle Lefebvre, mit dem man ihre Briefe postlagernd abholen kann. Der Ich-Erzähler, junger Berufsanfänger in einer nicht näher bezeichneten "Agentur", geht immer wieder zur Post. Es kommen aber keine Briefe. Er folgt ein, zwei schwachen Hinweisen, vergisst den Fall, wird in den nächsten dreißig Jahren aber immer wieder an die schattenhafte Existenz dieser Frau erinnert. Womöglich geht seine Suche sehr langsam, aber doch einem Ziel entgegen.

Patrick Modiano hat 2014 den Literaturnobelpreis für etwas bekommen, das man tatsächlich sinnvollerweise ein "Werk" nennen kann. Er selbst sagt, es sei "nur eine lange Flucht nach vorn". Eine Flucht in Kreisen, denn in jedem seiner schmalen Romane wiederholt er dieselbe Übung: Die Reste eines Daseins aufzuzeichnen, den Abglanz, den es im Gedächtnis eines Freundes oder Nachbarn hinterlässt.

Mit jedem Zeitsprung, den die Geschichte macht, wird der Erzähler unzuverlässiger

Buch für Buch baut Modiano so einen enormen Erinnerungsraum der verschiedenen Menschenleben auf, die besonders in großen Städten nebeneinanderher gehen, ohne voneinander zu wissen. Von seinem Debüt "Place de l'Étoile" (1968) an hat er für diese Erzählungen unterschiedliche Atmosphären und Techniken entwickelt, hat sie als Film Noir geschrieben, wie in "Hochzeitsreise" (1990), als Autofiktion, etwa in "Ein Stammbaum" (2005), oder als Dokumentation wie in "Dora Bruder" (1997), dem Buch über eine Zeitungsannonce, mit der ein jüdisches Elternpaar während der Okkupationszeit nach seiner Tochter sucht. Bei aller Gefahr, in die sie das Mädchen damit bringen konnten.

In seiner Nobelpreisvorlesung hat Modiano dann das Offensichtliche erklärt, dass nämlich alle seine Geschichten auf die Besatzungszeit zurückgehen, die er selber, 1945 geboren, gar nicht mehr erlebt hat. Er sei aber unter Leuten aufgewachsen, die ihre unmittelbare Vergangenheit "sehr schnell vergessen" wollten, "oder sich nur an alltägliche Einzelheiten erinnern, an solche, die vortäuschen, das Alltagsleben sei im Grunde genommen nicht viel anders gewesen als das Leben in normalen Zeiten." Während doch die Sperrstunden die Stadt ausgeleert hatten und jüdische Menschen verschwunden waren, "ohne irgendeine Spur zu hinterlassen". Aus der "Ur-Nacht" des besetzten Paris, seinem Schweigen und später dem absichtlichen Vergessen, dieser doppelten Auslöschung heraus, schreibt Modiano.

Patrick Modiano

Patrick Modiano wurde 1945 in Boulogne-Billancourt geboren. 1968 erschien sein Debüt "Place de l'Étoile". 2014 bekam er den Literaturnobelpreis.

(Foto: Charles Platiau/Reuters)

In "Unsichtbare Tinte" hat er nun alle historischen Daten getilgt und überhaupt die Erzählung so stark reduziert, dass er das Vergessen selbst nachzubilden scheint. Er gibt dem Roman ein Motto von Maurice Blanchot: "Wer sich erinnern will, muss sich dem Vergessen anheimgeben." Das ist eine Kunst für sich. Mit jedem Anhaltspunkt, den der Erzähler für die Existenz von Noëlle Lefebvre findet, rückt sie ferner, mit jedem Zeitsprung, den die Geschichte macht, wird der Erzähler unzuverlässiger. Womöglich, überlegt er plötzlich, sucht er gar keine Fremde: "Vielleicht war ich ihr begegnet, dieser Noëlle Lefebvre? Es gibt Leerstellen in einem Leben und Aussetzer des Gedächtnisses." Aber selbst ihre Bekannten, die er schließlich ausmacht, scheinen ihr Bild nur zu verdunkeln: "Kann man Zeugen trauen?", fragt Patrick Modiano.

Man könnte sagen, Modiano überschreibt in seinem Alterswerk seine Erinnerungstexte mit Vergessensliteratur. Das wäre schließlich eine wahrheitsgetreue künstlerische Taktik, nicht nur weil die Ur-Nacht des 20. Jahrhunderts immer weiter in die Vergangenheit absinkt. Auch weil die Medien, die Erinnerungsträger in Modianos Romanen, so auffällig materiell und analog sind. Seine Erzähler gehen durch die Straßen von Paris und suchen Menschen und Namen an den Klingelschildern und in Ruinen, finden Notizbücher, Fotografien, alte Akten, wählen Festnetztelefonnummern.

In Modianos Welt sind die wichtigsten Begegnungen noch die zufälligen

Seine Metaphern entstammen einer historischen Welt, in der "sich ein Bild in der Dunkelkammer langsam entwickelt", und ein Skifahrer "für alle Ewigkeit einen ziemlich steilen Hang hinabgleitet, wie der Füller über eine weiße Seite". Das ist nicht versehentlich altmodisch, Modiano provoziert den Kontrast zwischen dem Rasen der Zeit und der Behäbigkeit der alten Aufzeichnungstechniken: "Heute, in einem anderen Jahrhundert, halte ich auf Seite 11 des Clairefontaine-Blocks für einen Augenblick inne mit dem Schreiben."

Dabei ist es nicht so, dass Modiano nicht neugierig wäre. "Ich würde gern wissen", sagte er in seiner Nobelpreisrede, "wie die nachfolgenden Generationen, die mit Internet, Handy, Mails und Tweets geboren sind, durch die Literatur diese Welt ausdrücken werden, mit der jeder ständig 'vernetzt' ist und in der die 'sozialen Netzwerke' jenes Stück Privatheit und Geheimnis antasten, das bis vor kurzem noch unseres war - Geheimnis, welches den Menschen Tiefe verlieh und ein großes Romanthema sein konnte."

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München 2021. 144 Seiten, 19 Euro.

Sein Lebensthema überschreibt nun das Internet, das alles weiß und in dem man Menschen scheinbar leicht finden kann. Wie Modiano es sieht, legt es damit eine weitere, beredte Schicht des Vergessens über die flüchtigen Spuren einzelner Leben. Dieses Vergessen ist auf einer übergeordneten Ebene umso mehr Modianos Thema. Und so kommt das Internet mit komisch gespielter Hilflosigkeit auch in "Unsichtbare Tinte" vor. Genau auf Seite 63 der deutschen Übersetzung von Elisabeth Edl steht: "Heute beginne ich die dreiundsechzigste Seite dieses Buchs und sage mir, das Internet hilft kein bisschen. (...) Der Suchmaschine zufolge gibt es drei Noëlle Lefebvres in Frankreich, doch keine stimmt mit der überein, die postlagernde Briefe erhielt."

Womöglich verblasst Modianos Welt, in der die wichtigsten Begegnungen die zufälligen sind und entscheidende Hinweise im Café in einem am Nebentisch mitgehörten Satz stecken können, im Augenblick noch einmal mehr. Der entleerte Alltag der pandemischen Lockdowns, der Distanz und "nötigen" Kontakte, löscht die meisten Spuren aus, die Modianos Figuren sein Lebenswerk lang gelesen haben. Das Erstaunliche ist, dass es dadurch an unheimlicher, metaphysischer Tiefe nur gewinnt. Er schreibe, sagt Modiano, "von einem Vergessen zum nächsten".

© SZ/crab
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