Patricia Highsmith in Selbstzeugnissen:Viel zu viele Martinis

Portrait of Patricia Highsmith, le 25 mai 1976 !AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright:

Feldforscherin in eigener Sache: die amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith.

(Foto: imago stock&people via www.imago-images.de/imago images/Leemage)

Zwischen Frauen, Erfolgen, Dreiecksbeziehungen, Selbsthass und Misanthropie: Eine fabelhafte Ausgabe ihrer "Tage- und Notizbücher" zeigt das schöpferische und zerstörerische Leben der Patricia Highsmith.

Von Maike Albath

Ihr größter Feind war ein Dackel. Patricia Highsmith hasste kaum jemanden so inbrünstig wie den Hund ihrer Geliebten Ellen Hill, der nachts ins Bett sprang, nur fraß, wenn seine Herrin neben ihm saß, Kleiderbügel herunterriss und aus Protest mitten ins Zimmer schiss. Es fehlte noch ein Biss in den Manuskriptstapel - dann hätte sie ihn erdrosselt.

"Merkwürdige Eifersucht auf den Dackel, weil er auch in Ellen verliebt ist und die gleiche Unsicherheit, das gleiche Bedürfnis nach ständiger Bestätigung kundtut", hielt die Schriftstellerin am 1. Dezember 1951 hellsichtig in ihrem Tagebuch fest und brachte damit ihre eigene Unersättlichkeit auf den Punkt. Dabei gab es eigentlich keinen Grund zu jammern. Ihr Debüt "Zwei Fremde im Zug" hatte ihr im Vorjahr einen bemerkenswerten Erfolg und Vorschüsse beschert, Alfred Hitchcocks Verfilmung war angelaufen, für ihren zweiten Roman "Salz und sein Preis" über eine lesbische Liebesbeziehung musste sie zwar den Verlag wechseln, hatte ihn aber untergebracht.

Statt weiter ihren ungeliebten Job als Comictexterin in New York auszuüben, war sie nach Europa gekommen. Wegen der Soziologin Ellen Hill blieb sie zuerst eine Weile in München, folgte ihr dann nach Triest, schließlich über Umwege nach Paris, den Dackel im Schlepptau. Zufrieden, so kann man ihren Aufzeichnungen entnehmen, war sie nicht, sondern zerrüttet von Streit, permanenten Ortswechseln und viel zu viel Martini. Ob Geld, Liebe, Zuwendung, Zeit zum Schreiben und vor allem Ruhe, an allem schien es zu mangeln.

Die Notizen haben etwas Bulimisches und sie erzeugen einen voyeuristischen Sog

Wie es um Patricia Highsmiths Innenleben zwischen 1941 und 1994 tatsächlich bestellt war, wie ihr Alltag aussah und was sie umtrieb, kann man jetzt erstmals in einer glänzend edierten Auswahl ihrer "Tage- und Notizbücher" erfahren. Der Band setzt in New York ein, spiegelt ihre Pendelbewegungen zwischen den USA und Europa ab 1951, führt nach England, wo sie sich zwischen 1963 und 1966 bemühte, heimisch zu werden und eine ganze Schneckenkolonie züchtete, verlagert sich dann nach Frankreich und schließlich in die Schweiz, wo sie ab 1981 ihre späten Jahre verbrachte und 1995 starb.

Sie war eine manische Archivarin und Anhängerin von Listen, deswegen verblüfft es nicht, dass ihre Kladden 8000 Seiten umfassen. Sie teilen sich auf in 38 Arbeitshefte mit Skizzen für Figuren und Handlungsabläufe, Bewertungen von Lektüren, Materialien für Projekte sowie 18 Tagebücher mit eher biografischen Details und noch unausgegorenen Gedanken. Die Herausgeberin Anna von Planta und ihre Mitarbeiterinnen haben es geschafft, aus diesem Wust ein lesbares Buch von 1370 Seiten zu machen. Der Band ist nicht nur ein aufschlussreiches kulturgeschichtliches Dokument, sondern vor allem das Selbstporträt einer schillernden und widersprüchlichen Schriftstellerin.

Wie eine Soziologin betreibt Patricia Highsmith in ihren Heften Feldforschung in eigener Sache: Jede noch so katastrophale Erfahrung lässt sich für einen Roman ausschlachten. Und obwohl die Aufzeichnungen in ihrer Fülle etwas Bulimisches besitzen, gerät man in einen eigentümlichen voyeuristischen Sog. Die "Tage- und Notizbücher" liefern schließlich auch eine faszinierende psychosexuelle Entwicklungsgeschichte und ein Beispiel für den Umgang mit Geschlechterrollen.

Patricia Highsmith in Selbstzeugnissen: Patricia Highsmith: Tage- und Notizbücher. Herausgegeben von Anna von Planta. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz, Pociao, Anna-Nina Kroll, Marion Hertle und Peter Torberg. Diogenes, Zürich 2021. 1376 Seiten, 32 Euro

Patricia Highsmith: Tage- und Notizbücher. Herausgegeben von Anna von Planta. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz, Pociao, Anna-Nina Kroll, Marion Hertle und Peter Torberg. Diogenes, Zürich 2021. 1376 Seiten, 32 Euro

Zuerst also das Leben der Boheme im New York der 1940er-Jahre, das den größten Teil des Buches ausmacht und knapp 700 Seiten umfasst. Allein aus den Namen der Lokalitäten ließe sich ein Stadtplan erstellen: Mittagessen im Del Pezzo oder Chateaubriand, abends ins Nino's, Hapsburg House, Port Arthur, Spivy's oder das Village Vanguard; auch die Carnegie Hall, das Museum of Modern Art, die Wakefield Gallery und die Theater gehörten zu den wöchentlichen Anlaufstellen.

Highsmith erwähnt die politischen Zuspitzungen höchstens am Rande, sie ist vor allem mit sich selbst beschäftigt, verleibt sich systematisch sämtliche Klassiker ein, entdeckt Flaubert, Kafka, T. S. Eliot, Julien Green und Sigmund Freud, absolviert ihre Kurse in Anglistik, Stückeschreiben, Latein und anderen Fächern am Barnard-College und leitet stolz das Literaturmagazin Barnard Quarterly. Sie ist verblüffend ehrgeizig; eine schlechte Note empfindet sie als Affront. Um sich in Fremdsprachen zu üben, sind manche Einträge auf Deutsch, später Französisch, Spanisch und Italienisch verfasst. Es gelingt ihr, erste Geschichten an Zeitschriften zu verkaufen: "Ich werde fast überwältigt, erdrückt, erschlagen - von all den wundervollen Dingen, die ich noch tun, machen, denken, erschaffen, planen, lieben, hassen, genießen, erleben muss", hält sie 1942 voller Zukunftslust fest.

Wie oft in Tagebüchern entstehen mitunter bizarre Reibungen zwischen Ereignissen mit historischer Tragweite und privaten Bemerkungen. Am 23. September desselben Jahres erwähnt Highsmith, dass die Russen "den Krieg allein ausfechten" und am zweiunddreißigsten Tag der Belagerung von Stalingrad um einzelne Stockwerke kämpfen. "Habe eine schreckliche Erkältung & kann kaum atmen", geht der Eintrag weiter und endet mit der Feststellung: "Ich bin glücklich. Ein langes, langes Glück", weil ihre Bewerbung bei Times Inc. auf Interesse stieß. Schlafen? Nicht nötig, stattdessen schlägt sie sich die Nächte in Bars um die Ohren und landet in unzähligen Betten. Sie schwärmt für die Kunstkritikerin Rosalind Constable, die ihr ästhetisches Empfinden prägt. Alkohol gehört immer dazu, was ihr zwar auffällt, aber nicht als größeres Problem empfunden wird.

Männer "zu küssen, ist immer, als würde man eine gebratene Flunder küssen"

Mit ihrer schmalen Gestalt und dem dunklen Haarschopf ist Highsmith eine betörende Erscheinung und schlägt Männer und Frauen in den Bann. Sie lebt ihre Sexualität genussvoll aus, empfindet sie aber dennoch als verkehrt. "Kreativ zu sein, ist die einzige Ausrede, der einzige mildernde Umstand dafür, homosexuell zu sein", bemerkt sie im Juli 1943. Als ihre Mutter ein paar Monate später äußert, wie gern sie die Tochter mit Ehemann und Familie sehen würde, stellt Highsmith fest: "Aber ich bin nicht nach der Natur." Schon im Jahr zuvor hatte sie sich lakonisch zu Männern geäußert: "Sie zu küssen, ist immer, als würde man eine gebratene Flunder küssen, ganz egal, wessen Mund es ist."

Highsmith zieht trotzdem eine Ehe mit ihrem schwulen Freund Rolf Tietgens und später mit dem Schriftsteller Marc Brandel in Betracht, vielleicht um ihre Mutter zu beruhigen. Selbstkritisch reflektiert die junge Frau die Mechanismen ihrer Liebesgeschichten: Sie verliert die Lust, wenn sie sich einer Geliebten allzu sicher glaubt und unterläuft ernsthaftere Bindungen mit Affären. Vor allem Dreiecksbeziehungen werden zum Treibstoff ihrer schöpferischen Arbeit. 1948 macht sie einen Versuch, ihre Neigungen mit einer Psychoanalyse zu kurieren. Das Ergebnis ist der Roman "Salz und sein Preis", den sie unter einem Pseudonym veröffentlicht und vor ihren Eltern geheim hält.

Highsmith hat ein benutzerisches Verhältnis zu anderen Menschen, und die "Tage- und Notizbücher" künden von einer beständigen Verhärtung. Ihr innerer Zustand scheint trotz zahlreicher Liaisons vor allem in Europa zu kippen. Schon 1950 zieht sie sogar therapeutische Maßnahmen gegen ihre Trinkgewohnheiten in Erwägung, bringt aber dann keine Kraft dafür auf und lässt die Dinge über Jahrzehnte laufen. Zwar schließt sie immer wieder enge Freundschaften - mit Wolfgang Hildesheimer, der sie in seinem BMW mit roten Ledersitzen nach Ambach kutschiert, mit Arthur Koestler, mit dem sie einen fatalen Versuch im Bett unternimmt, "eine elende, freudlose Episode", später mit der Schauspielerin Jeanne Moreau -, aber sie empfindet sich schon mit Mitte dreißig als alte Frau und ist bedacht auf ihre Ungestörtheit.

In wenigen Fällen habe man ihr aus redaktioneller Pflicht "eine Bühne" verweigert

Trost bringt nur der Schaffensrausch: "Die Sätze dieses Buches gehen auf Papier nieder wie Nägel. Es ist ein wundervolles Gefühl", heißt es im Mai 1954. Obwohl sie schriftstellerisch große Erfolge feiert, den Hochstapler Tom Ripley erfindet und alle zwei Jahre einen Roman veröffentlicht, kommt sie privat kaum zur Ruhe. Sie bezieht mehrfach neue Häuser, schlägt sich mit Handwerkern herum, fühlt sich durch Nachbarn gestört, entwickelt eine tiefe Abneigung gegen Frankreich und seine Steuergesetze.

Vor allem in ihrer politischen Haltung wird die in ihrer Jugend bei linken Studentenverbänden engagierte Highsmith immer reaktionärer. Ihre zunehmenden antisemitischen Ausfälle, die Joan Schenkar in ihrer Biografie "Die talentierte Miss Highsmith" (2009) mit Briefen belegte, lassen sich auch aus einer grundsätzlichen Paranoia erklären. In den "Tage- und Notizbüchern" bemerkt man im letzten Drittel eher eine allgemeine Menschenfeindlichkeit. Sie möge eigentlich niemanden, stellt sie schon im Januar 1967 fest, und würde ihre letzten Werke vermutlich Tieren widmen.

Die Aufzeichnungen werden in den 1980er-Jahren spärlicher und beziehen sich vor allem auf ihre Arbeit; tatsächliche Entgleisungen gibt es keine. So getreu man sie habe abbilden wollen, heißt es im Vorwort der Herausgeberin, in wenigen Fällen habe man ihr aus redaktioneller Pflicht "eine Bühne" verweigert. Eine kluge Entscheidung, denn es hätte zu einer skandalisierenden Lektüre geführt und das Bild von Highsmith verengt. Dass sie sich buchstäblich um den Verstand gesoffen hatte und mit extremistischen Äußerungen provozierte, wusste man schon aus Marijane Meakers Erinnerungen "Meine Jahre mit Pat" (2005). Im Alter ähnelte Patricia Highsmith immer stärker einer ihrer garstigen Figuren, die das Leben nur noch in Gesellschaft von Katzen ertrugen. Einen Hund hätte sie mit Sicherheit vergiftet.

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