"Paterson" im Kino Zen-Kunst im Zeitalter der Blockbuster-Hektik

Schönste Alltäglichkeit: Adam Driver als dichtender Busfahrer Paterson.

(Foto: Mary Cybulski; Weltkino)

In seiner Tragikomödie "Paterson" erzählt Jim Jarmusch aus dem Alltag eines dichtenden Busfahrers. Ein eleganter, wunderbarer Film über die alltäglichen Dinge.

Filmkritik von Fritz Göttler

Ein Mann und seine Stadt. Paterson steht auf dem Linienbus, den der Held dieses Films tagsüber steuert, in seiner Tagesschicht. Paterson, die kleine Stadt in New Jersey, die eine der ersten amerikanischen Industriestädte war, heute eher provinziell ausschaut, und Paterson heißt auch der junge städtische Angestellte am Steuer. Beim Fahren macht er die seltsamsten Beobachtungen, auf den Straßen draußen und an den Passagieren drinnen, und in den Pausen schreibt er kleine Gedichte, die von diesen Beobachtungen gespeist sind, über Streichhölzer zum Beispiel, die schönen Ohio Blue Tips. Und wir schauen und hören ihm beim Schreiben zu.

Es ist ein ziemlich verrückter Film, den Jim Jarmusch hier präsentiert, selbst auf dem Filmfestival in Cannes, wo der Kinoindividualismus stets fröhliche Urstände feiert, stach er dieses Frühjahr gehörig heraus. "Paterson" ist ganz und gar unspektakulär, die Stadt, der Mann, der Film, es gibt keine aufregenden Ereignisse, keine Aggression, keine Gewalt auf den nächtlichen Straßen, wie man sie aus dem Amerika der letzten Monate kennt, nicht mal besonders viele Menschen gehen dort. Einmal gibt es, in der Kneipe, die Paterson jeden Abend aufsucht, einen dramatischen Auftritt mit Pistole, aber der ist völlig fake, gespielt, es geht um frustrierte Liebe.

"Paterson" ist Kino im Urzustand, wie es Jarmusch am liebsten macht

Adam Driver spielt Paterson, der junge Mann aus der TV-Serie "Girls", der junge Musiker in "Inside Llewyn Davis" von Ethan und Joel Coen und der Böse unter dem schweren, schwarzen Helm in der neuen "Star Wars"-Serie. Es ist eines der wenigen Male, sagt Jim Jarmusch, dass ich ein Drehbuch schrieb, ohne zu wissen, wer die Rolle spielen würde. Aber Driver ist großartig, athletisch und sensibel zugleich, und dass er eine Zeit lang bei den Marines war, hat Jarmusch gefallen.

Es ist Kino im Urzustand, wie es Jarmusch am liebsten macht, ein Kino, in dem es nicht ums Erzählen, sondern ums Beobachten geht, um Wiederholung und Variation. Gern folgt man Paterson auf dem täglichen Weg in die Arbeit und dann wieder nach Hause, seine Arbeiter-Lunch-Blechdose in der Hand, immer die gleichen Straßen, die gleichen Backsteinhäuser und Drahtzäune, eine Unterführung. Minimal sind die Unterschiede, die Verzögerungen, die Abweichungen, deshalb haben die Kritiker in Cannes und danach natürlich Minimalismus konstatiert. Und der Film tut alles, um diesen viel zitierten Schlagwortbegriff mit Auge und Herz zu reflektieren. Wenn Paterson morgens das kleine Fertighaus verlässt, rückt er den Pfosten des Briefkastens gerade, wenn er abends zurückkommt, ist der Pfosten wieder schief.

Patersons Frau Laura, mit der er ein subtiles glückliches Leben führt, wird gespielt von der iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani, sie ist die wandelnde Metamorphose und arbeitet - auch ganz schön minimalistisch - am liebsten mit Schwarz und Weiß. Jeden zweiten Tag streicht sie die Wohnung neu, dekoriert sich mit entsprechenden Kleiderstücken, auch die Gitarre, die sie spielen lernt, hat schwarz-weiße Rauten: Nashville, here I come. Laura ist davon überzeugt, dass ihr Paterson bestimmt ein großer Dichter ist, so groß wie William Carlos Williams, der Dichter, der in der Stadt lebte und als Arzt praktizierte und das große Gedicht mit dem Titel "Paterson" geschrieben hat in den Jahren nach Kriegsende. Viele der Filme von Jim Jarmusch scheinen inspiriert zu sein von dieser Lyrik, die, in ruheloser Sprunghaftigkeit, die Passaic Falls vor der Stadt reflektieren. Man muss es nicht kennen, sagt Jarmusch, um sich den Film anzuschauen, aber es wäre schön, wenn mancher Zuschauer nach dem Film das Buch lesen würde: "Strenge der Schönheit ist, was wir suchen. Aber wie wollen wir Schönheit finden, wenn sie jenseits allen Einspruchs eingesperrt ist im Geist?"

Die Diskretion, mit der Jarmusch filmt, gehört zu den wunderbaren Geheimnissen des Kinos

Die Materialität und Schönheit des geschriebenen Worts, das Schreiben als Action wird in diesem Film zelebriert, was fantastisch wirkt in einer Welt, die für Formen immer weniger Interesse hat, sondern nur noch für Meme. Ein schneller Blick und schon wird weitergeklickt zum nächsten Eintrag. Auch im Kino tut sich Fantastisches, es gibt tatsächlich dort "Island of Lost Souls" zu sehen, einen Horrorfilm mit Charles Laughton und Bela Lugosi von 1932.

Laura glaubt daran, dass man seine Träume verwirklichen kann, als sie eines Morgens Paterson erzählt, sie hätte diese Nacht geträumt, sie hätten Zwillinge, und schon sieht Paterson den Tag über lauter Zwillinge auf den Straßen. Laura will, dass er seine Poesie der ganzen Welt schenkt, sie nicht eingeschlossen lässt in seinem secret notebook - man mag dabei an Peter Handke denken, der in einer schönen Szene im Porträtfilm von Corinna Belz, der gerade in unseren Kinos läuft, ein sehr dickes, sehr dicht vollgekritzeltes Notizbüchlein in seiner Hosentasche verstaut. Ein praktisches Werkzeug, das Dichten als Handwerk.

Die schöne Alltäglichkeit von "Paterson" ist amerikanischer Zen - den Begriff hat man bei vielen früheren Jarmusch-Filmen schon verwendet. Eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt, die scheinen auf besondere Weise verfügbar und dienstbar zu sein, hat Roland Barthes in seinem "Reich der Zeichen" geschrieben, und das gilt auch für den Film von Jim Jarmusch, "wie ein höflicher Gastgeber, der es Ihnen gestattet, sich mit Ihren Eigenheiten, Werten und Symbolen bei ihm niederzulassen". Die Diskretion, mit der Jim Jarmusch filmt, gehört zu den wunderbaren Geheimnissen, die das Kino auch heute noch bereithält, im Zeitalter der permanenten Blockbuster-Übersteigerung und -Überforderung. Nochmals Roland Barthes: "Sie haben das Recht, sagt der Haiku, belanglos, knapp und gewöhnlich zu sein."

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Paterson, USA 2016 - Regie, Buch: Jim Jarmusch. Kamera: Frederick Elmes. Schnitt: Affonso Gonçalves. Mit: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Barry Shabaka Henley, Cliff Smith, Chasten Harmon, William Jackson Harper, Masatoshi Nagase, Rizwan Manji, Kara Hayward, Jared Gilman, Method Man, Sterling Jerins. Weltkino, 118 Minuten.