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Partylife im Bildband:Triff sie hart!

Aus dem Party-Werk von Bronson van Wyck: Ein sechzigster Geburtstag 2016 in Greenwich.

(Foto: Landon Nordeman)

Bilder aus dem Leben des akribisch verschwenderischen Partyplaners Bronson Van Wyck.

"Obacht vor den Menschen der Nacht!", so sagen erfahrene Clubgänger, Tresenhänger und Eulenkenner, die jene zweite Wirklichkeit bewohnen, welche die erste mühelos ersetzt, doch mit Mühe nichts zu tun haben will. Denn in dieser schrillen, schillernden, lauten Wirklichkeit der Nacht gibt es nichts außer drei Kategorien: den Gast, den Gastgeber und vielleicht noch ein Thema der Party. Ihr Anlass ist dann schon weniger wichtig. Denn, wie sagte Karl Marx so richtig: "Die Partygänger haben nichts (...) zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen."

Gut, so sagte er es nicht, er sprach von Proletariern, aber er könnte das Nachtvolk, das ja irgendwie auch an seiner Nacht arbeitet, gemeint haben. Denn, wie eben dieser Marx ja auch an anderer Stelle ausführte: "Die Party ist eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, eine Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln." Ja, ja, ja! Auch hier sprach Marx nicht wirklich von Party, sondern von Arbeit, aber, Hand aufs Herz, Partys sind doch Arbeit. Schwerstarbeit, jedenfalls wenn man in die Kategorie der Gastgeber fällt. Oder etwa nicht?

Bronson van Wyck, ein Mann mit fast schon nachtsichtigem, unbedingt feierfestem Namen, ist Zeremonienmeister, hauptberuflich, und er ist extrem erfolgreich. Die Betonung liegt auf extrem. Er organisiert die rauschendsten Bälle, Geburtstagspartys und Hochzeiten, die der globalisierte Geldadel und Jetset, aber auch die Pop- und Influencer-Emporkömmlinge - alter wie neuer Reichtum also - sich vielleicht wünschen, aber nicht im Ansatz auszudenken vermögen.

Wo immer die Happy Few der Luxusindustrie sich zu ihren Get-togethers und vor allem danach auch treffen, dort, wo nur die allerdicksten Klunker Luft schnappen, da hat van Wyck, ein Mann, der von sich bescheiden sagt, er wolle nicht für einen Entertainment-Experten gehalten werden, den Parcours zuvor gepflügt, geputzt und gestriegelt und sowieso lückenlos gestaltet. Kein Motto, kein Thema, kein Anlass ist ihm zu klein, zu groß, zu besoffen oder bedröhnt, um nicht zur großen Bühne mit allem Fantasiekonfetti der mondänen Welt oder dem brokatschweren Bedeutungsgerassel des schwärzesten Noir geadelt zu werden. Dazu natürlich Luftballons, Lampions und falsche Tiger. Die Band tanzt auf den Tischen. Alles sorgsam bedacht und beackert!

Wie man noch das grässlichste Party-Disaster als Epiphanie des Allzumenschlichen erlebt

Der Mann lebt gewisserweise in professionell prickelnder Champagner-Laune bei erlesenstem Geschmack, dazu da, ein Feuerwerk an (teuren) Ideen zu entfachen. Dahinter, so sagt er, stehe eine Zen-Philosophie, die er sich zurechtgelegt hat. Man solle "sein Leben doch wie ein loses Kleidungsstück tragen", dann erfahre man noch das grässlichste Party-Disaster als Epiphanie des Allzumenschlichen. Das Schlimmste sei ja immer die Absage eines liebenlieben Geladenen, ausgerechnet am Tag des Ereignisses, aber wenn man sich einmal der Aufgabe verschrieben habe, seinen Gästen das Geschenk von Wohlgefühl und Behaglichkeit zu machen, dann brauche man dafür nur ein wenig Verständnis, keinen Groll. Das erleichtere doch jedermanns Leben.

Tiefe Einblicke in die kleinrädrige Maschinerie und abgestimmte Feinmechanik dieser Überfeste, die das New Yorker Feier-Imperium des Bronson van Wyck weltweit ausrichtet, sind einem unglaublichen Bildband zu danken, die der Maître de Plaisir gemeinsam mit dem Phaidon-Verlag herausgebracht hat.

Unglaublich ist dieser Band, weil darin nicht nur die Opulenz aller von ihm ausgerichteten Festsorten in köstlichsten Bildern dokumentiert ist, sondern vor allem, weil van Wyck, ein aus Arkansas stammender Yale-Absolvent, sein Metier darin minutiös und mit historischen Verweisen nach den unterschiedlichsten nur denkbaren Anlässen durchdekliniert: Da gibt es die Jahrestage und Geburtstagspartys für 90-Jährige (Beispiel: D. D. Ford), man sieht Met-Galas (etwa mit Anna Wintour, Melania und Donald Trump), dann viele Hochzeitseskapaden zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Er richtete schon Parfüm-Launches auf dem Dach des Rockefeller Centers mit Panoramaschaukel aus, seine Kostümdinners in Rokoko-Anmutung folgten dem Motto: "Auch zu viel des Guten kann wundervoll sein."

Charity-Events und Fundraisings dürfen dafür etwas untertourig dem Appell zu "eleganter Einfachheit" folgen, etwa bei einer Trinkwasser-Wohltätigkeit zugunsten ärmerer Länder. Dann wollen großflächigere Weihnachtsfeiern durchstanden sein oder banalere Bälle ("Breaking Bread"), die eine lebende Anakonda oder ein tieffliegender Helikopter aber noch immer in Schwung gebracht haben. Sorgsam bedacht werden müssen natürlich auch die gefährlichen, weil absturzgefährdeten After-Partys, diese festeren Feste nach dem Fest.

Von der Einladung bis zur Choreografie des frühmorgendlichen Rausschmisses aus der Küche

Es ist völlig egal, welches Sujet van Wyck bei seinen Partys dann bedient, immer hält er sich an diesen Grundsatz (und den muss man im Original zitieren): "Start easy on the eyes and let the plot thicken! Or hit them hard from the very beginning!" (Sehr frei übersetzt: Man kann ein Fest sich langsam entwickeln lassen oder von Anfang an bestimmen, wo es langgeht.)

Der Mann nimmt seine Arbeit von der Gestaltung der Einladung bis zur Choreografie des frühmorgendlichen Rausschmisses aus der Küche sehr ernst, fast schon pedantisch ernst, sonst würde nichts so leicht wirken. Doch es steckt ja auch viel Arbeit in den Festen, viel Liebe zum Detail auch beim konkreten Programmablauf eines Abends - alle zwanzig Minuten eine Abwechslung! - mit all seinen geplanten Überraschungen, Köstlichkeiten und Erbauungen. Und van Wyck verrät, wie man noch die mürrischen Jungs von Earth, Wind & Fire auf die Bühne bekommt, wenn man ihnen die richtige Musik in ihre Garderobe dröhnt.

Übrigens: Auch ein Gast hat Pflichten, etwa die, einer Einladung zeitnah zuzusagen. Und dann muss er natürlich helfen, das Fest besser zu machen. In Bronson van Wycks Worten: "Such dir den größten Versager im Raum aus, den, mit dem niemand redet. Geh hin zu ihm, sprich mit ihm, mach seine Nacht besser. Denn er ist ja nicht ohne Grund auf derselben Party wie du, dein Gastgeber wird es dir danken. Solltest du den größten Versager im Raum nicht finden können, dann musst du dein eigenes Leben upgraden in einer Weise, bei der dir dieses Buch nicht helfen kann."

Denn, wie sagte schon Marx so richtig: "Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr Gleichgewicht, bis sie sich um die Sonne der Party dreht." - Oder so ähnlich.

Bronson van Wyck: Born To Party, Forced to Work: 21st Century Hospitality. 256 Seiten, 350 Abb., Phaidon Verlag, London 2019. 69,95 Euro.