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Partnersuche im Internet:Sag mir, welches Buch du liest

Die Literatur ist eine erfahrene Kupplerin. Deshalb kann man sich jetzt im Internet anhand seines Lieblingsbuches den perfekten Partner auswählen.

Lothar Müller

Das ist natürlich eine ganz wunderbare Idee: Eine Partneragentur aufmachen, bei der die Leute sich durch kleine kommentierte Listen ihrer Lieblingsbücher vorstellen. Dieses "dating by the book" gibt es seit kurzem für englischsprachige Leser im Netz, und womöglich ist für einige der vielen Liebhaber von Hundert Jahre Einsamkeit, die sich alsbald auf dieser Website einfanden, bereits die Zweisamkeit angebrochen. Bücher sind ideal zum Gesprächanknüpfen, sagt der Gründer der Seite alikewise.com, egal, ob online oder im realen Leben. Es kann sogar Vorzüge haben, sich zunächst online darüber aufklären zu lassen, warum die Lektüre von Das Drama des begabten Kindes das Leben eines vierundvierzigjährigen Mannes in West Chester, PA, grundlegend geändert hat.

Illuminati

Ist ein Buch von Dan Brown nur etwas für Menschen "mit einem tiefen Fundament im christlichen Glauben"? Und passen Menschen, die seine Bücher mögen, deswegen alle zusammen?

Die Literatur ist eine erfahrene Kupplerin. Gern macht sie ein bisschen Werbung für sich selbst, wenn sie eine der zahllosen Geschichten zum besten gibt, in denen klopfende Herzen beim Umblättern von Buchseiten zueinander finden. Aber wie jede Kupplerin hat sie nicht das Wohl ihrer Kunden, sondern ihr eigenes im Auge. Sie macht das Bett für Nabokov-Liebhaber, nur um ihnen eine Ehehölle zu bereiten. Sie lässt ganze Heerscharen von Bewerbern mit dem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins winken, nur um es ihnen anschließend schwer zu machen, und wenn sie Serienkiller-Süchtige einander in die Arme sinken lässt, engagiert sie die Langeweile als heimliche Trauzeugin.

Sie treibt Leute, die Dan Browns "da Vinci-Code" lieben, in die Illusion, dies Buch sei nur etwas für Menschen "mit einem tiefen Fundament im christlichen Glauben". Und natürlich macht sie sich ein diebisches Vergnügen daraus, die berühmtesten Ehebruchsromane der Weltliteratur als Köder der Paarbildung auszuwerfen. Einfach nur, weil das die interessanteren Geschichten ergibt.

Aber weil Kupplerinnen diskret sind, stehen zwar Madame Bovary und Anna Karenina sichtbar in den Regalen, aber ganz gegen den Markttrend kaum Ratgeber. Vor allem keine Ratgeber darüber, wie man am besten im Internet einen Partner findet. Oder wie man durch ausgefallene Lektüre Aufmerksamkeit erweckt. Stattdessen flüstert eine geheime Stimme den Leuten mit den ausgefallenen Bücherlisten Sätze zu, die garantiert misstrauisch machen: "Diese Buchauswahl ist nicht daraufhin berechnet, dich zu beeindrucken."

Nein, es stimmt nicht ganz, dass die Ratgeber in den Bücherregalen der Bewerber zu kurz kommen. Ein junger Mann aus Sydney empfiehlt sich als Leser ("Just finished it!") von Pierre Bayards Buch Wie man über Bücher redet, die man nicht gelesen hat. Gibt es einen idealeren Partner innerhalb des Prinzips "dating by a book?"

© SZ vom 28.08.2010/kar

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