Parteien:Ländliche Lebensmodelle sind von großer Bedeutung

Matthias Kuert Killer ist einer der Väter, die für ein moderneres Familienrecht kämpfen. Zwanzig Tage Väterzeit fordert der Gewerkschafter in einer Kampagne, die vor allem herzige Bilder von jungen Männern mit ihren Kindern zeigt. Bisher steht einem Mann in der Schweiz nur ein freier Tag zu, wenn seine Frau ein Kind bekommt.

"Die Argumente, die uns entgegengehalten werden, sind sehr typisch für unser Land", sagt Matthias Kuert Killer, der als Vater von drei Kindern teilzeitbeschäftigt ist. "Wir hören immer wieder, freie Tage für Väter seien zu teuer." Ein Scheinargument, glaubt der dreifache Vater. An dem Tag, an dem ihre Initiative im Parlament zurückgewiesen wurde, weil sie mit 200 Millionen Franken zu teuer sei, seien den Bauern neue Steuererleichterungen, Kostenpunkt 400 Millionen Franken, zugesprochen worden.

"Die Landwirtschaft hat für fast jeden Schweizer einen starken Identifikationswert", glaubt Matthias Kuert Killer. Bäuerliche Eigenständigkeit und Selbstversorgung seien auch heute noch wichtig für die schweizerische Mentalität. Vom Staat Unterstützung für andere Lebensmodelle einzufordern sei wenig akzeptiert.

Weinende Kinder hinter Gittern: Solche Bilder setzen sich durch

Ähnlich sieht das Politikwissenschaftler Hermann, der sich in seinem Buch "Was die Schweiz zusammenhält" mit diesen Fragen auseinandersetzt. "Kennzeichnend für die Schweiz ist die dezentrale Organisation und die große politische Bedeutung der ländlichen Kantone", sagt Hermann. Anders als in vielen Nachbarländern sei die Industrialisierung eher dezentral abgelaufen. Statt eines städtischen Proletariats hätten sich ländliche Nahrungsmittelproduktion, Feinmechanik und Heimarbeit ausgebreitet. Da auch keine großen Fürstenhäuser existierten, kam es nicht zu einer Konzentration von Wissen und Wohlstand in den Städten. Die Landkantone, von denen einige bis heute keine Städte haben, sind von vergleichsweise hoher Bedeutung - und damit auch ländliche Lebensmodelle.

Matthias Kuert Killer erinnert sich an eine Abstimmung vor einigen Jahren, damals ging es darum, die externe Kinderbetreuung zentral vom Bund aus zu organisieren. "Die Gegenkampagne hat mit weinenden Kindern hinter Gittern geworben - und setzte sich durch."

In Deutschland, wo Elternzeit und Kita-Plätze seit Jahren akzeptiert sind, ist das kaum vorstellbar. Ein anderes Beispiel: Im Frühjahr dieses Jahres wurde die bekannte Sportmoderatorin Steffi Buchli von einem Shitstorm erfasst, nachdem sie dreieinhalb Monate nach der Geburt ihrer Tochter wieder in den Beruf einstieg - mit einer 80-Prozent-Stelle. "Was bitte ist gut daran, den Sohn schon mit vier Monaten zu vernachlässigen, ihn allein zu lassen?" So fragte ein typischer Kommentar. Die Antwort: Hunderte Likes.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Begeisterung der Rechtskonservativen aus dem Ausland nachvollziehbar: die Schweiz als 1950er-Jahre-Alpenidyll. Und eigentlich könnte die SVP diese Vorbildfunktion auch gefahrlos annehmen.

"Unser Problem mit den rechten Bewegungen in den Nachbarländern liegt vor allem in deren Staatsverständnis", sagt ein SVP-Nationalrat. Die SVP stehe schließlich auch für Freihandel, niedrige Steuern und wenig staatliche Einmischung. Beim Front National, bei der FPÖ und auch bei Teilen der AfD sei das anders. "Dort sehen wir nationale und sozialistische Tendenzen" sagt der Politiker, bemüht, beide Worte auseinanderzuhalten. "Ich will den Staat abschaffen", sagt er dann, und muss selber lachen. Nein, nicht abschaffen. Aber zu viel Staat sei schlecht. Auch, wenn er eingesetzt würde, um konservative Werte zu belohnen. Das AfD-Parteiprogramm mit seinen Familienprämien gehe ihm daher oft zu weit.

Ein schwieriger Spagat für die SVP

Man sei jederzeit bereit, die direkte Demokratie im Ausland zu bewerben, erklären SVP-Vertreter und äußern gleichzeitig Sorgen: Was, wenn der Gastgeber aus dem Ausland am nächsten Tag Aussagen tätigt, die "national und sozialistisch" sind? Ein schwieriger Spagat, zumindest in der Theorie. In der Praxis scheint es, als würde es der SVP nicht mehr reichen, als Idyll zu gelten - das zeigen sowohl der Auftritt von Freysinger in Berlin als auch die Publikationen von Roger Köppel, der sich in der Weltwoche fast obsessiv für den Brexit und den Wahlkampf von Donald Trump begeistert.

Christoph Blocher, der am Freitag zunehmend verzweifelt die Schweizer Karte spielte und den Ausländer Alexander Gauland aufforderte, deutsche Fragen doch bitte bei sich zu Hause zu diskutieren, scheint nicht mehr so recht den Ton anzugeben. Und Gauland? Der gab kurz nach der Sendung der Schweiz am Sonntag ein Interview. Dort wurde er auch zu seinem Verhältnis zu Christoph Blocher gefragt. Ja, selbstverständlich, man habe sich kurz unterhalten, sagt Gauland. "Ich habe gefragt, wie alt er ist und wie es um seine Gesundheit steht."

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