Pariser Bistro Ein Ort der Existenz

Marc Augé: Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung. Aus dem Französischen von Felix Kurz. Matthes & Seitz, Berlin 2016, 118 Seiten, 15 Euro.

Eine Bühne, auf der jeder - bei einem Wein oder einem Espresso - seine persönlichen Auftritte improvisieren darf: Das ist das Pariser Bistro. Der Anthropologe Marc Augé hat ihm eine lebhafte Liebeserklärung gewidmet.

Von Cornelius Wüllenkemper

"Bananen überwinden Grenzen einfacher als Menschen. Schon verrückt, dass der Mensch Gesetze macht, mit denen er den Bananen den Vortritt gegenüber sich selbst lässt." Mit seinen seit 1987 in kiloschweren Bänden annähernd jährlich erscheinenden "Brèves de comptoir" (deutsch: Tresenwitze) hat der französische Journalist Jean-Marie Gourio dem Bistro ein preisgekröntes Denkmal gesetzt. Wer das Absurde, die Poesie, den Humor, die politischen Stimmungen und philosophischen Schwingungen in der französischen Gesellschaft vermessen wolle, der müsse sich einfach an einen der Tausenden Tresen des Landes stellen: "Das Bistro bringt die Leute dazu, rauszugehen. Und wenn man rausgeht, bedeutet das, dass man Leute trifft und dass man die anderen mag! Wo sonst als im Café sollte man denn herumnörgeln?"

Nach den Pariser Anschlägen von 2015 verordnete sich Gourio, der Ende der Siebzigerjahre leitender Redakteur des Charlie Hebdo-Vorgängers Hara-Kiri war, eine "Schweigeminute, die endgültig ist". Dass das Bistro als Ort der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung in Frankreich unterdessen eine umso wichtigere Rolle spielt, ist jetzt höchst amüsant und quasi wissenschaftlich grundiert in "Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung" des Anthropologen und Ethnologen Marc Augé nachzulesen.

Für Augé, den langjährigen Direktor der Pariser Elitehochschule für Sozialwissenschaften EHESS, ist das Bistro zunächst einmal ein "Ort" im anthropologischen Sinne - im Gegensatz zu den inflationär zunehmenden "Nicht-Orten", die er in seinem gleichnamigen Essay vor Jahren beschrieb: Anonyme, identitätslose Flughäfen, Hotelketten, Schnellzüge, Wartehallen oder Shopping-Malls. Das Bistro, das sich etymologisch aus dem altrussischen "bystro" (deutsch: "schnell") ableitet, ist dagegen nicht nur in aller Welt zum Symbol für den "Lebensstil à la française" geworden, sondern bietet zugleich eine "Bühne des alltäglichen Schauspiels" der sozialen Interaktion. In kursorischen, locker aneinandergereihten, oft autobiografisch illustrierten Betrachtungen zeigt Augé, wie das Bistro "auf ein äußerst merkliches und drängendes Bedürfnis nach Kontakt" antwortet und dabei die Routine des Alltags räumlich und zeitlich strukturiert: Während sich die ältere Generation gern schon morgens ein Gläschen Côtes-du-Rhône genehmigt, schaut die Mutter mit ihrem Schulkind auf eine Tasse chocolat chaud vorbei, kippt der Geschäftsmann am Tresen einen Espresso, bevor er in den Gängen der Métro verschwindet. Das Bistro ist für den Anthropologen Augé der Ort der sozialen Distinktion und zugleich der kollektiven Identität schlechthin: "Die anderen existieren, ich habe sie getroffen. Im Bistro."

Die "Éloge du bistrot parisien" erschien in der Originalausgabe bereits im März 2015, also einige Monate bevor islamistische Terroristen vor den Cafés und Nachtclubs des 10. und 11. Pariser Arrondissements und in der Vorstadt Saint-Denis ihre brutalen Anschläge auf das Herz des französischen Selbstverständnisses ausführten. Umso berührender lesen sich heute Augés schnörkellose Sätze über diese "Inseln des Friedens", auf denen man in einer Mischung aus Komödie und Tragödie oberflächliche Beziehungen pflegt und sich in "nichtssagenden Worten und vielsagendem Schweigen" Sätze und Ideen zuspielt wie Aufwärmbälle beim Tennis. Augé sieht das Bistro gar als "romanesken Ort", an dem man Fragmente von Geschichten erlebt oder zu hören bekommt und das paradoxe Bedürfnis von An- und Abwesenheit befriedigt wird, weil die Kunden "zu Hause und auswärts" sind, "aufgenommen und nicht weiter beachtet" zugleich. Der Wirt, der an der Bar die Wünsche der Kunden und die Erfordernisse des Betriebs je nach Tageszeit aufeinander abstimmt, fungiert dabei als Meister einer Bühne, "auf der jeder mehr oder weniger talentiert und überzeugt seinen Auftritt improvisiert. Eine herrliche Täuschung." Wie viele französische Soziologen und Historiker glänzt Marc Augé durch die Fähigkeit, als erfahrener Wissenschaftler und literarischer Geschichtenerzähler zugleich aufzutreten.

Natürlich ist das reichlich angestaubte Frankreich-Klischee hier in jedem Satz mitgedacht. Immerhin machte schon Jean-Paul Sartre die Thesen seines Hauptwerkes "Das Sein und das Nichts" am Verhalten des Kellners fest, in dessen Café er zu schreiben pflegte: "Sein ganzes Verhalten wirkt auf uns wie ein Spiel . . . Aber was spielt er? Man braucht ihn nicht lange zu beobachten, um sich darüber klar zu werden: Er spielt Kellner sein." Marc Augé geht mit dem recht ausgebeuteten Erbe der Intellektuellen von Saint-Germain, das dort heute nur noch die Kaffeepreise in exorbitante Höhen treibt, federleicht um. Der vorgestanzten Nostalgie, die die Schlupfwinkel von Existenzialisten und Surrealisten in touristischen Normen sakralisiert, setzt er am Ende einen flammenden Appell entgegen: "Schriftsteller aller Länder, rettet uns, beschreibt uns, berauscht euch!"