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"Paradise Lost" beim Filmfest München:In der Vorhölle

Eine so unmittelbar starke Wirkung hätte man dem Kino gar nicht mehr zugetraut - in unserer bildergesättigten Zeit: Das Dokumentarfilm-Projekt "Paradise Lost: Purgatory" holte in den USA einen verurteilten Mörder aus der Todeszelle. Das Filmfest München zeigt die beunruhigende Doku, die in diesem Jahr für den Oscar nominiert war.

Martina Knoben

Wahrscheinlich verdankt Damien Echols sein Leben tatsächlich einem Film. Die Justiz von Arkansas hätte ihn längst hingerichtet, und er wäre heute kein freier Mann, wenn Joe Berlinger und Bruce Sinofsky nicht 1995 ihre Dokumentation "Paradise Lost: The Child Murders at Robin Hood Hills" gedreht hätten.

Sehen so kindermordende Monster aus? Die "West Memphis Three" im Jahr 1993 bei ihrer Verhaftung: Jessie Misskelley, Damien Echols und Jason Baldwin (von links).

(Foto: Polaris/StudioX)

Der Film erregte weltweit Aufsehen, die Filmemacher blieben dran und brachten 2000 eine Fortsetzung heraus - und nun, mit "Paradise Lost: Purgatory" findet nicht nur ihr Langzeitprojekt einen Abschluss, sondern auch ein Gerichtsverfahren voll haarsträubender Fehler. Eine so unmittelbar starke Wirkung hätte man dem Kino gar nicht mehr zugetraut - in unserer bildergesättigten, skeptischen Zeit.

Damien Echols wurde verurteilt, weil er im Mai 1993 in Arkansas drei achtjährige Jungen bestialisch ermordet haben soll, zusammen mit seinen Freunden Jessie Misskelley und Jason Baldwin. Die beiden zum Zeitpunkt der Tat minderjährigen Mitangeklagten wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Beweise für die angeblichen Taten der "West Memphis Three", wie die drei später genannt wurden, gab es keine. Es gab einige Indizien, ein zweifelhaftes, unwirksames Geständnis des geistig zurückgebliebenen, damals siebzehn Jahre alten Misskelley - und es gab Bilder.

Im Prozess wurden merkwürdig verrenkte, weiße kleine Körper in einem Abwasserkanal gezeigt - es waren die Kinderleichen. Diese Videoaufnahmen der Polizei waren so verwackelt, unscharf und vage, dass sie nicht nur einen Tatort, sondern das Böse an sich zu zeigen schienen; sie waren andererseits explizit und grausig genug, eine Dringlichkeit zu implizieren: Die Schuldigen einer solchen Tat mussten gefunden und bestraft werden, und zwar schnell.

Erinnerung an die Figur des Antichristen

Wäre die manipulative Kraft der Bilder auch dem Richter und den Geschworenen damals bewusst gewesen - vielleicht hätten sie den "West Memphis Three" achtzehn Jahre hinter Gittern erspart.

Dazu passte, dass die Täter ein Bild abgaben, das perfekt die Ängste der damaligen Zeit bediente. Sie trugen Schwarz und hörten Musik von Bands wie Metallica. Echols Vorname Damien erinnerte an die Figur des Antichristen im Kinoschocker "Das Omen". Er hatte seine langen Haare schwarz gefärbt - und ja, er sah diabolisch aus, als er in der Gerichtsverhandlung scheinbar unbeteiligt auf dem Stuhl fläzte.

Ein Buch zu okkulten Praktiken hatte er mit einem Pentagramm verziert; es diente als Beweisstück der Anklage und sollte belegen, dass Echols und seine Freunde Satanisten waren. Man vermutete, dass die Kindermorde zu einem Ritual gehörten; einem Jungen waren die Genitalien verstümmelt worden, die Kinderkörper schienen wie von Krallen zerkratzt zu sein.

Kühler Blick

In "The Child Murders at Robin Hood Hills" ist das alles dokumentiert, ohne Kommentar und Erklärung. Mit dem kühlen Blick einer polizeilichen Spurensuche hatten Berlinger und Sinofsky ihre Indizien zusammengetragen, ihre Kamera schien überall dabei zu sein: Wenn die Familien der Opfer ihren Verlust beklagen, wenn die Väter in verzweifeltem Zorn auf einen Kürbis schießen und die Täter verwünschen. Oder wenn die Angeklagten mit ihren Verteidigern und ihren Eltern sprechen.

Auch beim Prozess gegen die Jugendlichen durften Berlinger und Sinofsky drehen. Ihr Dokumentarfilm war auch deshalb hochspannend, weil alles offen zu sein schien, als die Dreharbeiten begannen - und weil die Schuldfrage auf verstörende Weise unbeantwortet blieb: Waren diese drei Jugendlichen, denen die Kamera so oft so unangenehm nahekam, tatsächlich kindermordende Monster? Oder wurden sie Opfer eines Hasses, der Schuldige brauchte und sie unter den Armen und Unangepassten der Stadt finden wollte?

Diese Frage steht nun seit fast zwanzig Jahren im Raum, und sie wird auch in "Paradise Lost: Purgatory" nicht abschließend beantwortet. Der Film war in diesem Jahr für einen Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert, eine Opferfamilie hat gegen diese Würdigung heftig protestiert.

Die Regisseure, die die "West Memphis Three" seit ihrer ersten Dokumentation begleitet haben, rollen in "Purgatory" die Vergangenheit noch einmal auf: die furchtbaren Morde, den unfairen Prozess, die harten Urteile gegen drei Jugendliche. Und sie zeigen die Welle an öffentlicher Unterstützung, die die "West Memphis Three" nach der Ausstrahlung der ersten "Paradise-Lost"-Folge durch HBO erfuhren.

Prominente wie Johnny Depp, Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder oder Natalie Maines von den Dixie Chicks setzten sich an die Spitze dieser Bewegung. Zwar hatten Berlinger und Sinofsky die Schuldfrage nicht klären können, eines aber hatte ihr Film unzweifelhaft vor Augen geführt: Dass der Prozess gegen die "West Memphis Three" nicht fair war. Oder, wie Baldwin es in "Purgatory" formuliert: "Wir galten als schuldig, bis zum Beweis des Gegenteils".

Den Schwung und diabolischen Sog des ersten Teils hat "Purgatory" nicht mehr, der Film kann und darf ihn auch nicht haben. Die Rückblenden auf einen fast zwanzig Jahre zurückliegenden Fall und die Protestbewegung gegen den vermuteten Justizirrtum vermitteln vielmehr auch dem Zuschauer eine Ahnung davon, was es bedeutet, in der Vorhölle eines zweifelhaften Urteils festzustecken, das trotz neuer Beweise nicht mehr überprüft wird.

Joe Berlinger und Bruce Sinofsky dokumentieren das nicht nur; ihre Trilogie ist Teil des Wahrheitsfindungs-Prozesses geworden. Erschütternd in "Purgatory" sind die Bilder der im Gefängnis erwachsen gewordenen Verurteilten: Achtzehn Jahre, ihr halbes Leben, verbrachten Echols, Misskelley und Baldwin hinter Gittern. Achtzehn Jahre lang beteuerten sie ihre Unschuld und kämpften für einen neuen Prozess. Dass sie diesen zwar nicht bekamen, aber heute trotzdem frei sind - das ist die bittere Pointe von "Purgatory", die alle Skepsis gegenüber der amerikanischen Justiz bekräftigt.

Die Frage nach Wahrheit wird zur Farce

Berlinger und Sinofsky hatten "Purgatory" schon abgedreht, als sich diese Wende ankündigte. Eigentlich hatte der Oberste Gerichtshof für alle drei Verurteilten eine Anhörung angeordnet, die darüber entscheiden sollte, ob das Verfahren wieder aufgenommen werden muss; Anlass war eine DNA-Analyse, die die Verurteilten entlastete, den Stiefvater eines der ermordeten Jungen aber belastete.

Statt den Prozess neu aufzurollen, bot die Staatsanwaltschaft den Verurteilten jedoch einen Deal an: Damien Echols, Jessie Misskelley und Jason Baldwin sollten anerkennen, dass die Anklage ausreichend Beweismaterial für ihre Verurteilung gesammelt hatte und auf schuldig plädieren.

Dafür würden sie freikommen, ihre Strafe gälte als abgesessen - und sie könnten weiterhin ihre Unschuld behaupten. Ein windiges, äußerst unbefriedigendes juristisches Manöver, das den Verurteilten weitere Tage im Gefängnis ersparten sollte und der amerikanischen Justiz eine absehbare Blamage. Die Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit wurde damit endgültig zur Farce. Die "West Memphis Three" nahmen an.

Der "Fall" mag damit abgeschlossen sein, die Produktion von Bildern aber geht weiter. Zwar planen Berlinger und Sinofsky keine vierte "Paradise-Lost"-Folge mehr, andere Filme zum Thema - "Devil's Knot" von Atom Egoyan und der von Peter Jackson produzierte "West of Memphis" - aber sind schon gedreht.

Dreimal im Cinemaxx: So 14 Uhr, Mo 19.30 Uhr, Mittwoch, 17 Uhr.

© SZ vom 29.06.2012/pak

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