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Dresdner Schloss:Feiern als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Rundgang in Paraderaeumen der SKD

Das Audienzgemach der Paraderäume im Dresdner Schloss.

(Foto: Oliver Killig)

In Dresden sind die Paraderäume Augusts des Starken kunstvoll rekonstruiert worden. Und anders als bei den aktuellen Berliner Großprojekten hielten sich die Kosten sogar im Rahmen.

Ganz am Ende der Flucht von Paraderäumen, die sie jetzt im Dresdner Schloss wieder hergestellt haben, steht er dann auf einmal selbst, und zwar beinahe leibhaftig: Friedrich August I., wie er als Kurfürst von Sachsen hieß, hatte schon zu seinen Lebzeiten eine Figurine von sich anfertigen lassen, die ihn in effigie als König von Polen zeigt, wo er August II. hieß. Das war ja schon logistisch nicht einfach, in Personalunion gleich zwei Reiche zu regieren, und das polnische umfasste damals immerhin auch Litauen und die Ukraine. Aber wenn es einer konnte, wenn einer eigentlich überhaupt alles konnte, dann dieser Mann - das ist jedenfalls die Botschaft all der vorangegangenen Räume.

Das Deckengemälde im Audienzsaal hatte ihn als "Hercules Saxonicus" verherrlicht, komplett neu gemalt nach rechtzeitig vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg angefertigten Farbfotos. Im wieder erstandenen Turmzimmerchen lag das angeblich von Augusts Hand zerbrochene Hufeisen, das ihn auch ohne allegorische Überhöhung als Mann von Leibeskräften auswies, die ihm später den Spitznamen "August der Starke" einbrachten.

Feiern ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, hätte man in Sachsen gesagt

Die Zahl von 354 unehelichen Kindern hingegen galt zwar schon damals als missgünstige Propaganda aus dem Umfeld seiner Gegner. Aber dass das Deckengemälde im Schlafzimmer tatsächlich eine Aurora zeigt, nämlich als Allegorie des Tagesanbruchs: Das erinnert immerhin daran, dass exakt so ja seine erste Mätresse geheißen hatte, nämlich Aurora von Königsmarck, und das wiederum war nun bekanntlich nicht die letzte schöne und kluge Frau aus Norddeutschland, die es dem Sachsen angetan hatte, wie etwa die Porträts der notorischen Gräfin Cosel belegen.

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Die Diplomatie der materiellen Verausgabung, wie sie sich in den Paraderäume August des Starken zeigt, gibt den Besuchern des Dresdner Schlosses bis heute zu denken.

In den wieder neu eingerichteten Vorzimmern hatten allerlei edelsteinverzierte Degen und Säbel August zumindest symbolisch als kühnen Kriegsherrn vorgestellt, das Porzellanzimmer hingegen als schönheitssüchtigen Sammler von Fragilitäten, der lieber ein Regiment Dragoner an den Kurfürstenkollegen in Brandenburg verkaufte, wenn er dafür im Gegenzug ein paar hüfthohe chinesische Vasen bekam. Und die mythische Verehrung und Verklärung, die dieser Herrscher bis heute hier genießt wie keiner anderer, hat nicht zuletzt mit solchen scheinbaren Schnapsideen zu tun, denn die Soldaten hätten auch zu friedlicheren Zeiten in Berlin nun einmal nie solange überlebt wie die sogenannten Dragonervasen in Dresden, wo sie Jahr für Jahr von Touristentrauben umdrängelt und bewundert werden.

Die Erkenntnis vor der lebensechten Puppe im letzten Raum nun jedoch: Dieser größte Gigant der sächsischen Geschichte maß trotzdem nur etwa 1,70 Meter. Das war für damalige Verhältnisse zwar nicht unbedingt klein für einen Mann. Aber dafür war sein Kopf wiederum bemerkenswert groß.

Ein Abguss, der schon zu Lebzeiten angefertigt wurde, zeigt August mit recht mürrischer Miene, was vielleicht nicht erstaunlich ist, wenn einer so lange heißes Wachs im Gesicht ertragen muss. Erstaunlicher ist, wie ähnlich dieses Gesicht den idealisierten Porträts trotzdem ist: der große, schwungvolle Mund, die großen Augen, die große Nase, die beiden Raupen als Augenbrauen: alles im Prinzip schon so wie auf den Gemälden des Hofmalers Louis de Silvestre, nur mürrischer eben und ohne Allonge-Perücke, so dass der Abguss des kurfürstlich-königlichen Kopfes im Einzelnen aussieht wie eine Kanonenkugel von der Festung Königstein. Als Bestandteil der Figurine im polnischen Krönungsornat aber wirkt er wie der Kopf eines Kindes, das mit wütender Entschlossenheit König spielt. Und dass es so ein bisschen wohl auch war, zeigen die entschiedenen Züge ins Märchenschlosshafte, die uns hier jetzt mit so viel Sorgfalt wieder vor Augen gestellt worden sind.

Zweite Erkenntnis in diesem Zusammenhang: August war ausweislich seiner penibel restaurierten Prunkgewänder auch nicht immer so beleibt wie zum Schluss, als er nach einem der Leben der durchaus dienstlich veranlassten Ausschweifungen an der Diabetes verstarb, denn sonst hätte es ihm die goldenen Knöpfe von den anfangs noch einigermaßen taillierten Wämsen gefeuert, die allerdings zu besonders festlichen Anlässen auch abgenommen und durch solche aus Diamanten oder ähnlichem ersetzt werden konnten.

Ein solcher besonders festlicher Anlass war zum Beispiel die Hochzeit seines Sohnes Friedrich August II. mit der habsburgischen Erzherzogin Maria Josepha vor genau dreihundert Jahren. Es handelte sich um Hochzeitsfeierlichkeiten, bei denen ganz klar eine Person im Vordergrund stand, und das war weder die Braut noch der Bräutigam, sondern dessen Vater, der sich hier der Tatsache würdig erweisen musste, durch diesen Schachzug seiner Dynastie am Ende sogar die Aussicht auf die Kaiserkrone zu eröffnen.

Die Feierlichkeiten im September 1719 dauerten vier Wochen an, und eigens dafür hatte August die Paraderäume ausbauen lassen: um sich vor der kaiserlichen Verwandtschaft in seinem kurfürstlichen Schloss in jeder Hinsicht als königlich zu präsentieren. Dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, ist ein Satz, der nicht ohne Grund aus Preußen stammt; in Sachsen stünde an der Stelle des Krieges das Feiern von Festen und das geradezu manische Anhäufen schöner, kunstvoller, vor allem aber teurer Dinge zur Beeindruckung von Gästen.

Größte Paradoxie dieser opulenten Inszenierung: die Kosten hielten sich im Rahmen

Man kann diese Diplomatie des Geldes statt der Stärke beinahe schon als Vorschein bundesrepublikanischer Glaubenssätze sehen. Jedenfalls ist es der exakte Gegensatz zu dem, wofür dann Friedrich II. in Preußen stehen sollte, nachdem er sich in seiner Jugend vom Luxus und den Frivolitäten des Dresdner Hofes beschämt gefühlt hatte und die ganze Pracht wohl auch deswegen schließlich bombardieren ließ.

Wenn in Sachsen heute so oft ostentativ wurscht ist, was in Berlin für richtig gehalten wird, man im Zweifelsfall aber eher für das Gegenteil ist, dann rührt das ganz sicher nicht zuletzt auch aus diesen Tiefen der gemeinsamen Geschichte. Die Paraderäume im wieder aufgebauten Dresdner Schloss markieren jedenfalls nicht nur die geografische, kunsthistorische und mentale Mitte zwischen Paris und Wien. Und es ist geradezu rührend, in diesen Räumen mit anzusehen, wie August immerzu ins Versailles seiner Jugenderinnerungen zurück will, während sein für alles mögliche zuständiger Graf Wackerbarth strikt die Moden der Hofburg im Blick hat - derselbe Wackerbarth übrigens, der in Augusts Auftrag auch die "Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit" ins Leben rief, um mit dem Nachbarn im Norden pokulierend besser zu Rande zu kommen, was im Erfolgsfall Deutschland und der Welt womöglich viel Leid erspart hätte.

Am Ende war es aber gerade die Erfolglosigkeit, die dem Dresdner Schloss heute zu Gute kommt und es deutlich weiter von Berlin entfernt sein lässt als die zwei Autobahnstunden glauben machen wollen. Während dort nämlich ästhetisch betont schlicht gehaltene Bauprojekte (Museum des 20. Jahrhunderts, Staatsoper, James-Simon-Galerie) regelmäßig um ein Vielfaches teurer werden als geplant, wird das Dresdner Schlossbauprojekt durch ein wiederum nahezu preußisch strenges Baumanagement am Ende kaum mehr gekostet haben als 1997 vom Kabinett bewilligt.

Und während in Berlin die Rekonstruktion des Stadtschlosses aus verschiedenen, also letztlich auch im Triumph des Militarismus über das sächsische Lustbarkeitsprinzip wurzelnden Gründen massiv umstritten ist, gab es in Dresden seit dem Wiederaufbaubeschluss von 1986 keine wesentlichen Widerreden, allenfalls heftige Diskussionen über das Wie. Am Ende haben sie sich für einen Weg entschieden, der das Überlieferte inszeniert, ohne zu kaschieren, dass die Gegenwart gebaut hat.

So kommt es jedenfalls, dass an diesen Eröffnungstagen Dirk Syndram als Schlossdirektor von beglückten Besuchern um gemeinsame Fotos gebeten wird, als wäre er Augusts Stellvertreter im Diesseits. Und anders als der hat er zu mürrischen Gesichtsausdrücken nun auch gerade wirklich keinen Anlass.

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