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Paperbacks des Monats:Neue Taschenbücher

Evelyn Waugh berichtet von der Krönung Haile Selassis aus Addis Abeba, Anna Lowenhaupt Tsing stidoert den Matsutake-Pilz, von dem wir alle noch viel lernen können, Philip K. Dick erzählt von einem veritablen Topfheiler.

Pomp und tödliche Langeweile - Evelyn Waugh in Addis Abeba

Evelyn Waugh. Expeditionen eines englischen Gentleman. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Diogenes, Zürich 2019. 331 Seiten, 14 Euro.

Scoops waren nicht ganz einfach für Journalisten in den Pre-Mail-Zeiten, aktuelle Berichte zu Tagesereignissen, sensationell und möglichst vor allen andern. Am besten, man schrieb das schon mal, bevor die Events stattfanden, von denen sie handelten, und kabelte es gleich an die Zeitung. Evelyn Waugh machte das nicht. Der eher lustlose Oxfordianer, Romanautor ("Brideshead Revisited", fürs TV erfolgreich verfilmt), Reiseschriftsteller, war - nicht gerade gentlemanlike - unbeherrscht und gern zu Bosheit und Provokation bereit. Im Oktober 1930 wurde er nach Addis Abeba geschickt, um von der Krönung Haile Selassies zu berichten, für die Times und den Daily Express. Es gab allerhand Hektik und Pomp, den Eklektizismus der grenzenlosen Macht, die Karosse von Wilhelm II. und ein weißes Habsburgergespann, Getrommel und eine Fliegerstaffel. Waughs Bericht kam wohl hoffnungslos zu spät, aber zurück in England machte er sich daran, alles aufzuschreiben in diesem Buch, das im Original "Remote People" heißt. Darin erzählt er auch von einem Ausflug zum Kloster Debre Libanos und von einer rauen Klettertour, die mit Fetzen, Schweiß und Blut endete. (Bei einem zweiten Auftrag in Addis Abeba 1935 für die Daily Mail, das erzählt Rainer Wieland in seinem schönen Nachwort, erfuhr er zwar rechtzeitig, wann der italienische Duce den Krieg gegen Äthiopien starten wollte, aber aus Angst vor der Konkurrenz übermittelte er den Scoop auf Lateinisch - der dienshabende Redakteur hielt's für einen blöden Scherz ...)

Mitten in der gemächlichen Erzählung der Denkwürdigen legt Evelyn Waugh den Antrieb seines Schreibens offen: einen tiefen "Horror der Langeweile". Und er bringt Beispiele, in denen diese Langweile sich manifestiert, am schrecklichsten in den Selbstmörderbriefen von Männern mittleren Alters: "Wie satt ich das alles habe! Ich kann nicht mehr. Ich höre auf. Gestern ist die Uhr kaputtgegangen, und dem Milchmann schulden wir vier Shilling. Sag Ruby, der Schlüssel zum Kohlenkeller liegt oben unter dem Hut ..." Fritz Göttler

Eine aussterbende Art

Philip K. Dick: Der galaktische Topfheiler. Aus dem Englischen von Joachim Pente. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2019. 176 Seiten, 10 Euro.

Joe Fernwright ist Topfheiler in Cleveland. Im Englischen klingt das noch schöner: "pot healer", als wäre er Cannabis-Heilpraktiker. So einer wäre in den dystopischen und bisweilen psychedelischen Welten von Science-Fiction-Guru Philip K. Dick (1928 - 1982) sicherlich gut aufgehoben. Doch Joe Fernwright repariert dem Wortwitz zum Trotz Keramikgeschirr. Im Jahr 2046 ist das ein profanes Relikt aus einer Zeit, in der noch nicht alles aus Plastik war - und Joe eine aussterbende Art. Er verfällt in eine Depression, aus der ihn nicht einmal "das Spiel" herausholen kann - dafür werden Buchtitel so lange durch Übersetzungscomputer gejagt, bis sie als Denksportaufgabe für Intellektuelle wieder herauskommen. Dicks 1969 zuerst erschienenem Kurzroman "Der galaktische Topfheiler" merkt man die 50 Jahre nicht an, die er auf dem Buckel hat. Denn das totalitäre, jede Individualität und Spontaneität unterdrückende System wirkt beklemmend gegenwärtig. Ein archäologischer Riesenauftrag gibt Joe Fernwright wieder Lebensmut und macht seine Reise zu einer Allegorie auf Kreativität und Kunst als Notwendigkeiten einer gesunden Gesellschaft. Sofia Glasl

Prall vital

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten. Roman. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2019. 528 Seiten, 13 Euro.

Eine Zeit des Umbruchs, Teresa Gianelli spürt es: Sie wird ein jüngeres Geschwister bekommen, alles wird anders. Dass es auch allgemein anders wurde im Argentinien nach Perón, dass eine Militärdiktatur Terror verbreiten würde, ahnt noch niemand, einzig zwei Polizisten stören wiederholt den Frieden. María Cecilia Barbetta stammt aus Argentinien und schreibt so überbordend und mitreißend, wie von lateinamerikanischen Autoren be- kannt. Aber hier ist es das deutsche Original, Barbetta fährt einen Wortschatz auf, wie er nur noch selten aktiv ist. Zu Beginn trägt die 12-jährige Teresa eine fluoreszierende Madonnenfigur von Haus zu Haus und überlässt sie jeweils leihweise, damit sich Erleuchtung verbreite. So erhält sie Zugang zu den unterschiedlichsten Familien und Charakteren. Etwa ein Maler, auf dessen Bildern Teresas beste Freundin ihre Mutter mit Liebhaber sieht. Die folgende Erregung weitet sich auf das gesamte Viertel aus, Kinder werden Detektive, die Alten zeigen wildesten Aberglauben. Über allem regiert Barbettas Liebe zu ihren Figuren. Deren Schrullen sieht und zeichnet sie mit Humor, und ihr Vergnügen an der Sprache ist ansteckend. RUDOLF VON BITTER

Ein Pilz erklärt die Welt

Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt. Aus dem Englischen von Dirk Höfer. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 445 Seiten, 15 Euro.

Um die Komplexität unserer extrem ausdifferenzierten Welt fassbar zu machen, gibt es einen simplen, aber sehr wirksamen Trick: Man widmet sich intensiv einem einzelnen, unscheinbaren Element, bis miteinander verwobene Strukturen zutage treten. Die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing aus Santa Cruz, Kalifornien, beherrscht das meisterlich, wie ihre Studie über den Matsutake zeigt. Der vor allem in Japan begehrte Pilz erzielt unfassbare Preise, ist nicht kultivierbar und wächst gewissermaßen in den Ruinen kaputtindustrialisierter Landschaften, er wird so zum Symbol einer Zeit, in der die Apokalypse bereits täglich stattfindet. Tsing schreibt unterhaltsam und entgegen akademischen Sitten angenehm subjektiv, ihr Nachspüren noch der unscheinbarsten Verästelung ist auch eine persönliche Reise. Sie verfällt geradezu einem Pilzfieber, reist um die Welt und folgt den Spuren von Sammlern, Fachleuten und Händlern. So formuliert sie nicht nur eine fundierte Kritik an der derzeitigen Ausrichtung globaler Kapital- und Warenströme, sondern plädiert hellsichtig für eine dem 21. Jahrhundert angemessene Weise, unsere Welt wahrzunehmen. Volker Bernhard

Dem Ruhm entkommen

Arnold Bennett: Lebendig begraben. Aus dem Englischen von Peter Naujack. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2019. 224 Seiten, 12,90 Euro.

Ruhm hat schöne, aber auch lästige bis widerwärtige Seiten, wenn etwa die Fans ihr Idol fast auffressen, oder kein Schritt des oder der Gefeierten mehr unbeobachtet und unkommentiert bleibt, also Privatleben unmöglich wird. Der Maler Priam Farll wird mit einem anfangs geschmähten, doch dann als Sensation entdeckten Porträt eines Polizisten, dem regelmäßig weitere Begeisterung auslösende Gemälde folgen, berühmt. Aber Priam wird gequält von enormer Schüchternheit und entzieht sich so konsequent der Öffentlichkeit, dass keiner sein Konterfei kennt. Als plötzlich sein Diener Henry Leek stirbt, nutzt Priam die Chance zum Identitätstausch: der Tote wird das Malergenie, während Henry Leek Priams Gestalt annimmt. Priam scheint nun frei, doch bald tauchen die Tücken und Unwägbarkeiten des echten und des Henry-Leek-Lebens auf, etwa in Gestalt der resoluten Alice Challice. Die beiden heiraten sogar, bis eine erste Mrs. Leek auftaucht mit drei Kindern ... Arnold Bennett (1867 - 1931) rechnet in dieser vielfältigen Verkleidungs- und Verwicklungskomödie mit Kunstmarkt, Presse und der sie tragenden Gesellschaft ironisch-witzig ab. Harald Eggebrecht

Die Stadt und der Stift

Guntram Vesper: Nördlich der Liebe und südlich des Hasses. Gesammelte Prosa. btb, München 2019. 688 Seiten, 16 Euro.

"Frohburg" ist Guntram Vespers Meisterwerk, 1000 Seiten stark, 2016 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Und doch haben damit Vespers Tiefenbohrungen in das Wesen der Kleinstadt, in der er 1941 geboren wurde und wo er bis zur Flucht in den Westen 1957 gelebt hat, nicht ihre einzige Form gefunden. Der schreibbesessene Autor, das zeigt der Band mit der gesammelten Prosa deutlich, hat zeitlebens aus seinem "fast uferlosen Frohburgarchiv" geschöpft, wie es 2008 in "Bullenbuch und Mordgeschichte" heißt. So ist ein Netz an Texten entstanden, in denen er sich an seiner Herkunft abarbeitet, unter jeweils genauer Angabe von Zeit und Ort. Bereits mit sieben Jahren dichtete er: "Vielleicht, kann doch sein, daß es auf undurchsichtige verwickelte Weise die Stadt und ihre Bewohner waren, die mir den Stift so früh in die Hand drückten ..." Der vorliegende Band umfasst die Prosabücher "Kriegerdenkmal ganz hinten" (1970) und "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" (1979), dazu Texte von 1985 bis heute. Schon ein Satz aus "Kriegerdenkmal" beinhaltet den ganzen Vesper: "Was erzählt wird, ist lange vorbei und fängt gerade erst an." Florian Welle