Mit dem Clean Chic leben wir jetzt schon einige Jahre, womöglich ist er als Gegengift zur hygienisch ungewissen Lage der Corona-Pandemie entstanden: Man kleidet sich hell, gerade auch dort, wo es unvernünftig ist. Mütter auf dem Spielplatz, urbane Highperformer, Sportler hüllen sich in flauschige Stoffe und puffige Daunen, Eierschalenfarben und Beige, höchstens so dunkel wie ungefärbte Wolle, bitte kein grelles Weiß.

Mode:Fifty shades of beige
Eine Influencerin verklagt eine andere Influencerin, weil diese ihren „Vibe“ gestohlen habe. Was ist das eigentlich? Und: Ist es überhaupt vom Urheberrecht geschützt?
Die Möblierung eleganter Lobbys oder von Instagram-Stars frequentierter Cafés spielt im selben Spektrum, die Materialien sind poröser Sandstein, polierter Beton und Treibholz, das dem Anschein nach einige Zeitalter lang von gesundem Meerwasser hell gewaschen worden ist. Ganz mit dieser ästhetischen Palette arbeitet auch ein Roman, der in diesem Frühjahr erschien, Christian Krachts „Air“: Gleich auf der ersten Seite war der „Himmel ohne bestimmte Farbe“, denn das spielt auf den sturmgewohnten Orkney-Inseln, die Innenräume sind betont reizarm gestaltet, ein „silbergrauer Laptop stand auf dem hell gebeizten Holztisch“.
Coud Dancer „vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Entspannung“, passt aber wohl nicht zu eher rosigen Hauttönen
In einer entscheidenden Wendung der Handlung ergeht der Auftrag an den Helden, einen von Leben und Geschmacksverfeinerung erschöpften Innenarchitekten, das „perfekte Weiß“ zu finden. Mit ihm soll ein Rechenzentrum ausgemalt werden, also der physische Ort der Daten-„Cloud“, der Wolkenmetapher entsprechend gestaltet: „Ja, ja, da war er der Richtige. Einmal Weiß, natürlich, bitte sehr. Nicht zu beige, nicht zu eierschalenfarben, nicht zu blaukalt wie Schneeweiß. Keine Eisfarbe.“
Die weltexklusive Zuständigkeit für diese Herausforderung beansprucht jetzt, gegenüber der deutschsprachigen Fiktion etwas verspätet, die Firma Pantone für sich. Dieser US-amerikanische Produzent von Farbschemata, der seit dem Jahr 2000 eine mit viel Marketing-Prosa grundierte „Farbe des Jahres“ kürt.
2026 wird das „Cloud Dancer“ sein, gibt Pantone bekannt, „ein edles Weiß, das als Symbol für beruhigende Einflüsse in einer Gesellschaft dient, die den Wert der stillen Reflexion wiederentdeckt“. Es ist eine in leichtem Greige abgetönte Schattierung, könnte man sagen, nachdem noch im Vorjahr „Mocha Mousse“, ein etwas uneindeutiges Braun, die Erinnerung an Schokolade und Kaffee mit dem erdigen Eindruck eines Spaziergangs in der Natur verbinden sollte. Nun kommt dazu die Farbe eines, wie Christian Kracht sagen würde, „steingrauen“ Winterwetters.

Christian Krachts Roman „Air“:Ein luftiges Märchen vom Sterben
Der frühere Popliterat Christian Kracht betrachtet das Altern seiner Kunst - und schreibt zum Trost ein Kinderbuch von Astrid Lindgren als Roman für Erwachsene neu: „Air“ ist ein spielerisches, melancholisches Vergnügen.
Pantone allerdings erklärt beide Farben nicht als „kalt und steinern und sauber“, wie Kracht die Umwelt seines Romans. Sondern mit einer Semantik der Behaglichkeit, Weichheit, des Schützenden: „Durch seine sanfte, wolkige Ausstrahlung fügt sich PANTONE 11-4201 Cloud Dancer in luftige, bauschige Silhouetten, übergroße Polsterungen und abgerundete Formen ein und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Entspannung“, heißt es zur Frage, wie man „Cloud Dancer“ trägt (allerdings dem Augenschein nach besser nicht mit allzu sehr kontrastierenden rosigen Hautfarben): „Texturen wie mit Daunen und Schaumstoff gefüllte Stoffe, flauschiger Pelz, Plüsch und weiche Wolle schmiegen sich sanft an.“
Zwischen dem Kalt-Sauberen und dem Wollig-Warmen des Beige-Grau-Braun-Spektrums, in dem sich unsere Zwanzigerjahre gerne sehen würden, ist der kleinste gemeinsame Nenner doch offensichtlich der: Sie sind Gefühlswelten entfernt von der flimmernden Neonhölle der global digitalisierten Wirklichkeit.

