"Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre:Irgendwann wird es unnötig selbstreferenziell

Springer kommt in "Panikherz" allerdings nicht vor. Das Elternhaus sehr wohl. Gleich zu Beginn beschreibt er die Betulichkeit der bildungsbürgerlichen Eltern mit einer Verachtung, die wohl auf eine Fährte führen soll. Er verrennt sich allerdings schon auf den ersten Seiten in Manierismen, die er über die gesamte Länge des Buches verteilt. Zum einen streut er wie manisch Textzeilen seines Idols und späteren Freundes Udo Lindenberg ein. Das gerät rasch zur kryptischen Selbstreferenzialität. Zum anderen konstruiert er mit Versalien, Gänsefüßchen, Gedankenstrichen und Ausrufezeichen ein Satzbild permanenter Empörung, das in einer SMS funktioniert, aber nicht auf 564 Seiten.

Nötig hätte er die Kunstgriffe nicht. Das zeigt sich in den Beschreibungen seiner Kindheit und Jugend. Wenn man die freudlosen Mahlzeiten in solchen Pastorenfamilien erlebt hat, wenn man die Beklemmung deutscher Klein- und Mittelstädte kennt, erkennt man auch heute noch, wie enorm scharf Stuckrad-Barre beobachten und beschreiben kann. Das kann unerbittlich sein. Oder auch sehr lustig.

Gleich auf den ersten fünf Seiten steht eine Szene mit Udo Lindenberg bei der amerikanischen Einreisebehörde am Flughafen von Los Angeles, die auch in einer amerikanischen Comedy-Serie funktionieren würde. Und es gibt so schöne Passagen wie die Beschreibung des Hotels Château Marmont in West Hollywood, in dem er sich vom Entzug erholt.

Alle Fährten des Drogenromans führen in den Abgrund

Fährten gibt es viele in diesem Buch. Das Elternhaus. Die "Lichter der Großstadt"-Sentimentalität. Die bedingungslose Verehrung prominenter Ersatzväter wie Udo Lindenberg, Helmut Dietl und Thomas Gottschalk. Und alle Fährten führen in den Abgrund.

Nun sind Drogenbücher ein besonders schwieriges Genre. Zum einen, weil sich der Autor nicht schonen darf, um glaubwürdig zu bleiben. Zum anderen, weil es eigentlich nur zwei Blaupausen für Drogenbücher gibt. Die eine ist Hunter S. Thompsons "Angst und Schrecken in Las Vegas", die andere Christiane F.s "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Die meisten, die sich an das Thema wagen, wären gerne Thompson, der den Rausch als letztgültigen Akt der Auflehnung interpretierte. Doch das wird immer schwieriger, weil Drogen längst keine Kultur mehr sind, sondern nur noch eine epidemische Krankheit.

Auch "Panikherz" leidet an den notorischen Schwächen des Genres, am Selbstmitleid und an der Überschätzung des Autors, wie viele Details und Wegstrecken er den Lesern zumuten kann, ohne sie zu langweilen.

Es gelingt ihm nicht, einen neuen Ton zu finden

Und wie alle Bücher über schwere Krankheiten und Traumata würde man auch "Panikherz" gerne der objektiven Bewertung entziehen, weil sich da doch jemand traut, seine schwächsten Momente zu beschreiben und dann auch noch Schlüsse daraus zieht wie: "Ich selbst kannte mich einfach zu gut, um mich zu mögen." Oder die bittere Erkenntnis: "Die vielleicht deprimierendste Eigenschaft einer Drogensucht ist, dass sie zu einem wirklich spießigen Leben führt. Wenn wir Spießertum definieren als eine totale, zwanghafte Regelmäßigkeit, die nichts so fürchtet wie Varianten und Abwechslung."

Aber Benjamin von Stuckrad-Barre ist eben kein Popstar, der über seinen Absturz schreibt, sondern ein Autor, der es vor fast zwei Jahrzehnten fertiggebracht hat, einen neuen Ton zu finden, der vielen viel bedeutete. Und es gibt neben den Manierismen einige Gründe, warum das in "Panikherz" nur punktuell gelingt.

Die Ironie Stuckrad-Barres wurde zu oft kopiert, um noch aktuell zu sein

Zum einen findet er keine Linie. Das Buch hangelt sich von Satz zu Satz, von Szene zu Szene, die einzeln oft brillant sind, als Ganzes aber nicht vom Fleck kommen. Das Ungreifbare wird zur Unentschlossenheit. Zum anderen hat ihn das Schicksal des Pioniers ereilt. Zu viele Epigonen haben versucht, seinen Ton und seinen Blick zu imitieren. Die Blätter und Blogs sind voll von Autoren, die glauben, ein "ey Mann"-Ton und ein wenig Hipster-Ressentiment reichten schon, um sich als literarischer Journalist zu qualifizieren. In den sozialen Netzwerken ist das schließlich zur hohlen Jagd nach Pointen geworden.

Er selbst beschreibt das in seinem Buch "Panikherz" sogar am besten, und zwar in einer Szene, in der er hört, wie ein Fremdenführer vor seinem Rekonvaleszenzhotel Château Marmont den Touristen über Mikro von all den Stars erzählt, die dort gestorben sind. "Diese Bustouren sind eine Verdinglichung der unangenehmsten Internet-Begleiterscheinung, dieses Hähähä, diese Freude an fremder, bestenfalls berühmter Leute Verfehlungen, Verlusten und Peinlichkeiten, und die sich darüber ergießende Ressentiment-Gülle, das Digital-Tourette der mit Witzelzwang-Pseudonym operierenden Schreibtisch-Mut-Deppen. Die Suchbegriffshitparaden sind Rankings aktueller Schadenfreude-Adressen." So aber wird Ironie zum Anachronismus.

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