"Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre:Die Spießigkeit der Drogensucht

Benjamin von Stuckrad-Barre - der deutsche Schriftsteller wird für die Sonntagszeitungs-Literaturbeilage '20 Autoren unter 40' porträtiert

Fast wie ein Popstar: Benjamin von Stuckrad-Barre.

(Foto: Julia Zimmermann)

In "Panikherz" schreibt Benjamin von Stuckrad-Barre über seine Drogensucht und Genesung im Hollywood-Hotel "Château Marmont".

Buchkritik von Andrian Kreye

Es ist eine hübsche vorgezogene Pointe, dass die Aufregung um Benjamin von Stuckrad-Barres Buch "Panikherz" schon vor dem Erscheinen keine rechte Richtung findet. Um genau dieses Ungreifbare ging es ja der jungen deutschen Literatur in den späten Neunzigerjahren, als Schriftsteller wie Christian Kracht, Judith Hermann oder Florian Illies vorübergehend wie Popstars behandelt wurden. Sie konnten mit Provokation kokettieren, mit Gefühligkeit oder Deutungshoheiten, ohne konsequent eine Haltung entwickeln zu müssen. Dafür beherrschten sie Ironie, Stil und Pose in Perfektion.

Für ihre Leser waren diese Autoren aber nicht nur "eine neue Generation, die lustvoll erzählt", wie es im Spiegel damals hieß. Sie waren mit Pop aufgewachsen. Die Last der Geschichte war für sie Schulstoff. Mit der spröden Nachkriegsliteratur konnten sie nichts anfangen.

Leseprobe

Deswegen war die viel gescholtene Oberflächlichkeit dieser neuen Literatur ein Befreiungsmoment aus den Innerlichkeits- und Moralzwängen, die nach 1968 zum Dogma geworden waren. Und keiner inszenierte sich damals so konsequent als Popstar wie Benjamin von Stuckrad-Barre. Seine Bücher hießen "Soloalbum" (1998), "Live-Album" (1999) oder "Remix" (1999), er gab Lesungen in Konzerthallen und pflegte einen beachtlichen Drogenkonsum.

Das neue Album ist ein Krankenbericht

Das war nicht nur Pose. Nur wenige konnten so scharf beobachten und formulieren wie er. Seine Texte verhandelten vielleicht Banalitäten, waren oft egomanisch. Aber es ging nicht um Inhalte. Es ging um die Zuspitzung eines Sprachgefühls und einer Ironie, die so viele teilten und so wenige beherrschten. Dann kam der Absturz.

Über all das hat er nun nach jahrelanger Pause ein Buch geschrieben. In der Fernsehsendung "Das Literarische Quartett" stritten sie neulich darüber. Maxim Biller fand das Buch "moralisierend" und "ekelhaft", Eva Menasse "herzanrührend" und "witzig". Im Spiegel porträtierte Thomas Hüetlin Stuckrad-Barre auf vier Seiten wie einen Popstar. Die Welt hob ihn mit einem Foto auf den Titel und schrieb von "seinem neuen Roman".

Sie hatten alle recht. Nur mit dem Roman lagen sie etwas schief. "Panikherz" ist ein Krankenbericht. Oder um im Pop-Genre zu bleiben, ein "Confessional Album", wie man die musikalischen Offenbarungen nennt, mit denen sich Stars aus den Trockengebieten der Rekonvaleszenz zurückmelden.

Die Leuchtturmfigur des neuen, hippen Springerverlags

Es war allerdings konsequent, Stuckrad-Barre auf dem Welt-Titel zu zeigen. Seit 2008 ist er beim Springer-Verlag unter Vertrag. Und er ist dort nicht nur irgendein Autor. Er war eine der ersten und eine der größten Trophäen einer Charme-Offensive, bei der Springer sich mit Literaten und Popjournalisten eine Berlin-Mitte-Hipster-Aura zusammenkaufte, mit der er seinen Ruf als Verlag der Witwenschüttler und Revanchisten hinter sich lassen wollte. Stuckrad-Barre war da eine Leuchtturmfigur, die schon mit ihrem Namen dafür sorgte, dass es plötzlich schick war, für Springerblätter zu schreiben. Eine Zeit lang lieferte er auch seine besten Texte für die Zeitungen und Zeitschriften dort.

Für Stuckrad-Barre selbst war das mit Springer, wie er mal erzählte, eine späte Trotzreaktion gegen seine Herkunft aus einer linksliberal bewegten Pastorenfamilie in der Provinz. Wenn man die ersten Kapitel von "Panikherz" liest, ahnt man, wie es seinen Eltern gehen musste, als er zum 100. Geburtstag des Verlagsgründers ein Theaterstück über selbigen schrieb, das bei der Jubelfeier aufgeführt wurde. Aber wie soll man auch eine Elterngeneration provozieren, die einen Exklusivanspruch auf das Rebellentum hat?

Irgendwann wird es unnötig selbstreferenziell

Springer kommt in "Panikherz" allerdings nicht vor. Das Elternhaus sehr wohl. Gleich zu Beginn beschreibt er die Betulichkeit der bildungsbürgerlichen Eltern mit einer Verachtung, die wohl auf eine Fährte führen soll. Er verrennt sich allerdings schon auf den ersten Seiten in Manierismen, die er über die gesamte Länge des Buches verteilt. Zum einen streut er wie manisch Textzeilen seines Idols und späteren Freundes Udo Lindenberg ein. Das gerät rasch zur kryptischen Selbstreferenzialität. Zum anderen konstruiert er mit Versalien, Gänsefüßchen, Gedankenstrichen und Ausrufezeichen ein Satzbild permanenter Empörung, das in einer SMS funktioniert, aber nicht auf 564 Seiten.

Nötig hätte er die Kunstgriffe nicht. Das zeigt sich in den Beschreibungen seiner Kindheit und Jugend. Wenn man die freudlosen Mahlzeiten in solchen Pastorenfamilien erlebt hat, wenn man die Beklemmung deutscher Klein- und Mittelstädte kennt, erkennt man auch heute noch, wie enorm scharf Stuckrad-Barre beobachten und beschreiben kann. Das kann unerbittlich sein. Oder auch sehr lustig.

Gleich auf den ersten fünf Seiten steht eine Szene mit Udo Lindenberg bei der amerikanischen Einreisebehörde am Flughafen von Los Angeles, die auch in einer amerikanischen Comedy-Serie funktionieren würde. Und es gibt so schöne Passagen wie die Beschreibung des Hotels Château Marmont in West Hollywood, in dem er sich vom Entzug erholt.

Alle Fährten des Drogenromans führen in den Abgrund

Fährten gibt es viele in diesem Buch. Das Elternhaus. Die "Lichter der Großstadt"-Sentimentalität. Die bedingungslose Verehrung prominenter Ersatzväter wie Udo Lindenberg, Helmut Dietl und Thomas Gottschalk. Und alle Fährten führen in den Abgrund.

Nun sind Drogenbücher ein besonders schwieriges Genre. Zum einen, weil sich der Autor nicht schonen darf, um glaubwürdig zu bleiben. Zum anderen, weil es eigentlich nur zwei Blaupausen für Drogenbücher gibt. Die eine ist Hunter S. Thompsons "Angst und Schrecken in Las Vegas", die andere Christiane F.s "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Die meisten, die sich an das Thema wagen, wären gerne Thompson, der den Rausch als letztgültigen Akt der Auflehnung interpretierte. Doch das wird immer schwieriger, weil Drogen längst keine Kultur mehr sind, sondern nur noch eine epidemische Krankheit.

Auch "Panikherz" leidet an den notorischen Schwächen des Genres, am Selbstmitleid und an der Überschätzung des Autors, wie viele Details und Wegstrecken er den Lesern zumuten kann, ohne sie zu langweilen.

Es gelingt ihm nicht, einen neuen Ton zu finden

Und wie alle Bücher über schwere Krankheiten und Traumata würde man auch "Panikherz" gerne der objektiven Bewertung entziehen, weil sich da doch jemand traut, seine schwächsten Momente zu beschreiben und dann auch noch Schlüsse daraus zieht wie: "Ich selbst kannte mich einfach zu gut, um mich zu mögen." Oder die bittere Erkenntnis: "Die vielleicht deprimierendste Eigenschaft einer Drogensucht ist, dass sie zu einem wirklich spießigen Leben führt. Wenn wir Spießertum definieren als eine totale, zwanghafte Regelmäßigkeit, die nichts so fürchtet wie Varianten und Abwechslung."

Aber Benjamin von Stuckrad-Barre ist eben kein Popstar, der über seinen Absturz schreibt, sondern ein Autor, der es vor fast zwei Jahrzehnten fertiggebracht hat, einen neuen Ton zu finden, der vielen viel bedeutete. Und es gibt neben den Manierismen einige Gründe, warum das in "Panikherz" nur punktuell gelingt.

Die Ironie Stuckrad-Barres wurde zu oft kopiert, um noch aktuell zu sein

Zum einen findet er keine Linie. Das Buch hangelt sich von Satz zu Satz, von Szene zu Szene, die einzeln oft brillant sind, als Ganzes aber nicht vom Fleck kommen. Das Ungreifbare wird zur Unentschlossenheit. Zum anderen hat ihn das Schicksal des Pioniers ereilt. Zu viele Epigonen haben versucht, seinen Ton und seinen Blick zu imitieren. Die Blätter und Blogs sind voll von Autoren, die glauben, ein "ey Mann"-Ton und ein wenig Hipster-Ressentiment reichten schon, um sich als literarischer Journalist zu qualifizieren. In den sozialen Netzwerken ist das schließlich zur hohlen Jagd nach Pointen geworden.

Er selbst beschreibt das in seinem Buch "Panikherz" sogar am besten, und zwar in einer Szene, in der er hört, wie ein Fremdenführer vor seinem Rekonvaleszenzhotel Château Marmont den Touristen über Mikro von all den Stars erzählt, die dort gestorben sind. "Diese Bustouren sind eine Verdinglichung der unangenehmsten Internet-Begleiterscheinung, dieses Hähähä, diese Freude an fremder, bestenfalls berühmter Leute Verfehlungen, Verlusten und Peinlichkeiten, und die sich darüber ergießende Ressentiment-Gülle, das Digital-Tourette der mit Witzelzwang-Pseudonym operierenden Schreibtisch-Mut-Deppen. Die Suchbegriffshitparaden sind Rankings aktueller Schadenfreude-Adressen." So aber wird Ironie zum Anachronismus.

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