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Pandemisches Tagebuch:Missbrauchte Schülerinnen

In Japan hat die Nachfrage nach Schwangerschaftsberatungen für Schülerinnen zugenommen. Manchmal fragt man sich, ob man sich mehr vor Corona oder vor den Menschen fürchten muss.

Gastbeitrag von Sayaka Murata

Das Virus trifft die ganze Menschheit. Einige Orte erfasst es früher, andere später. Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Japan.

Außer in acht Präfekturen, zu denen auch Tokio gehört, ist der Ausnahmezustand in Japan aufgehoben. Täglich werden die neuen Infektionszahlen veröffentlicht. Für Tokio wurden gestern fünf bestätigte Ansteckungsfälle gemeldet. Die Meinungen darüber, ob man die Beschränkungen auch in Tokio zeitnah lockern solle oder ob es noch zu früh sei, gehen auseinander.

Einige Freunde, die ihre Tätigkeit nur begrenzt von Zuhause ausüben können, gehen bereits seit ein paar Tagen wieder zur Arbeit. Als ich aus dem dringenden Bedürfnis nach Sonnenschein kürzlich einen Spaziergang unternahm, war ich erstaunt, wie viele Menschen wieder in Kostüm, Anzug und mit Mundschutz unterwegs waren. Offenbar hatte die Lage sich verändert, während ich mich in meiner Wohnung eingeigelt hatte. Ich arbeite noch immer fast nur zu Hause. Zum Einkaufen gehe ich statt in den Supermarkt meist spät abends in einen Konbini. Die Supermärkte in der Stadt sind eng und überfüllt, und die Gänge so schmal, dass man den Abstand von zwei Metern kaum einhalten kann.

Unter Tokiotern war bis vor Kurzem die Mutmaßung verbreitet, sich eventuell das Virus eingefangen zu haben, und man verhielt sich entsprechend. "Ich habe ein bisschen Fieber", sagte der ein oder andere Freund. "Die Symptome sind zu schwach für einen Test, aber ich bleibe lieber mal brav zu Hause, falls es doch Corona ist." Oder es hieß: "Ich hatte im März so eine komische Erkältung. Ob das Corona war?" Auch ich lebte in der Vorstellung, das Virus jederzeit verbreiten zu können. In dieses Leben bricht nun plötzlich das Wort "Lockerung" ein und stiftet Verwirrung. Am meisten fürchte ich mich davor, meine Eltern oder nahestehende Personen anzustecken und zu verlieren, weshalb ich es problematisch finde, darauf zu vertrauen, das Virus nicht zu haben.

Schmerzlich ist auch der Gedanke, dass, wie in den Nachrichten stand, die Nachfrage nach Schwangerschaftsberatungen für Schülerinnen der Mittel- und Oberstufe zugenommen hat. In den sozialen Netzwerken heißt es dazu, es komme nur deshalb zu mehr Missbrauch, weil betroffene Kinder aufgrund der Ausgangsbeschränkungen nicht mehr die Flucht ergreifen könnten. Wahrhaftig eine bittere Vorstellung, dass Kinder, die sich bisher "draußen" in Sicherheit bringen konnten, jetzt eingesperrt sind. Ich fürchte mich vor dem Virus, doch meine Angst vor den Menschen wird beständig größer.

Sayaka Murata ist eine japanische Schriftstellerin. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

© SZ vom 22.05.2020

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