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Panama Papers:Mann mit Hut, heiß begehrt

Amedeo Modiglianis Gemälde eines sitzenden Mannes ist vermutlich NS-Raubkunst. Doch der Kunsthändler-Clan der Nahmads enthält es den Erben vor.

(Foto: oh)

Im NS-Raubkunstfall um ein Bild Modiglianis ist ein neues Indiz aufgetaucht. Doch die Besitzer - der Kunsthändler-Clan Nahmad - sträuben sich.

"Volé", "gestohlen" steht auf dem französischsprachigen Zettel, zweimal unterstrichen. Und: "Modigliani. Der Familie Stettiner entwendet. Wird in Amerika gesucht." Als Datum ist der 26. April 1950 vermerkt, dazu findet sich eine Abbildung des von Amedeo Modigliani gemalten Porträts eines Mannes mit Hut, Schnurrbart und Stock, um das in den USA ein langwieriger Rechtsstreit tobt.

Den Zettel mit der Abbildung entdeckten Rechercheure im Pariser Wildenstein Institut. Nach Ansicht der Klägerseite belegt die Notiz, dass es sich bei dem Werk um NS-Raubkunst handelt, nämlich um das nach dem Ersten Weltkrieg gemalte Bild, das der jüdische Kunstsammler Oskar Stettiner verloren hatte, nachdem er Ende 1939 aus Paris geflohen war. Stettiner musste seine Schätze in Paris zurücklassen, forschte aber gleich nach dem Krieg nach dem Modigliani-Bild. Die französischen Behörden bestätigten ihm seinen Rechtsanspruch. Gefunden aber wurde es zu Stettiners Lebzeiten nicht.

Die Recherchen der Süddeutschen Zeitung und anderer Medien in den Panama Papers hatten 2016 ergeben, wer heute das Gemäldes besitzt: die Kunsthändlerfamilie Nahmad. Sie verbirgt sich offenbar hinter einer in Panama angesiedelten Briefkastenfirma namens International Art Center S.A., die das Werk 1996 im Auktionshaus Christie's für 3,2 Millionen Dollar ersteigert hatte. Seither weiß Stettiners Enkel und Erbe Philippe Maestracci, mit wem er es zu tun hat: mit einem der mächtigsten Clans des internationalen Kunsthandels. Maestracci hat mit dem Fall die kanadische Recherche-Firma Mondex beauftragt, welche die Nachforschungen übernimmt, den Rechtsstreit begleitet und dafür im Erfolgsfall einen höheren Anteil am Erlös des Bildes verlangt.

Die Nahmads verweigern bislang eine Rückgabe. Ihr Anwalt bezweifelt laut dem Fachblatt Art Newspaper die Beweiskraft des neu gefundenen Dokuments, man wisse nicht, wer die Notiz über den Raub des Gemäldes geschrieben habe, die Authentizität lasse sich nicht feststellen. So reagiert die Familie schon seit Jahren auf alle neu aufgetauchten Puzzlesteine, die zusammen genommen ein immer klarer werdendes Bild ergeben: Bisher spricht alles dafür, dass das Werk im Besitz der Nahmads jenes ist, welches Stettiner einst verlor.

So ist auf der Rückseite der Holztafel ein altes Schild angebracht, auf dem der Name Stettiner noch erkennbar ist. Stettiner hatte offenbar selbst Kontakt zu dem Künstler, ein historisches Foto zeigt die beiden zusammen mit dem Bruder des porträtierten Mannes mit Hut. Ein weiteres Foto belegt, dass Stettiner 1930 das Gemälde der Venedigbiennale ausgeliehen hat, was durch Korrespondenzen gestützt wird - damit existiert auch ein Bildbeweis, es kann sich bei Stettiners Stück also nicht um ein ganz anderes Porträt Modiglianis handeln.

Zudem äußerte sich inzwischen die Witwe des Enkels desjenigen Mannes, der das Werk 1944 in Paris erstanden hat. Sie räumte ein, dass die Tafel bis zur Versteigerung 1996 im Familienbesitz geblieben war - und strafte damit ihren angeheirateten Großvater Lügen. Der hatte nach dem Krieg gegenüber den französischen Behörden angegeben, das Gemälde weggegeben zu haben.

Unter diesen Umständen werden die Nahmads das Gemälde kaum mehr selbst zu einem höheren Millionenbetrag verkaufen können. Sie täten gut daran, das Bildnis des Mannes mit Hut freiwillig herzugeben - und würden damit Maßstäbe setzen für den Umgang mit NS-Raubkunst in privaten Sammlungen.

© SZ vom 13.01.2020
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