Pablo Trapero über das argentinische Trauma "Wir wissen alle, dass Flüchtlinge seit acht Jahren im Mittelmeer ertrinken"

Beten mit einem Mörder (Guillermo Francella als Arquímedes Puccio, Mitte): "Wenn sich jemand zum Komplizen eines Übeltäters macht, dann in aller Regel deswegen, weil sich für ihn daraus ein Vorteil ergibt."

(Foto: Prokino Filmverleih)

Ist denn der spektakuläre Sprung von Alex vom fünften Stock im Treppenhaus des Gerichtsgebäudes ein Thrillerelement oder eine wahre Begebenheit?

Beides. Als die Familie Puccio Anfang der Achtzigerjahre aufflog, war das ein großes Medienereignis in Argentinien. Ich war damals erst 13 Jahre alt, doch ich kann mich noch sehr gut erinnern, denn die Geschichte war einfach so unglaublich. Einige Jahre später gab es dann wieder viel öffentlichen Wirbel um die Puccios, eben wegen dieses Sprungs von Alejandro.

Warum war es Ihnen wichtig, den Film mit dieser Wahnsinnsaktion abzuschließen? Nur, um den Fakten gerecht zu werden?

Nicht unbedingt. Für mich leitet die Szene den Epilog ein - den Abspann, der das weitere Schicksal der Familie erzählt. Denn durch Alejandros Sprung werden Vater und Sohn getrennt, vorher waren sie stets ein ungleiches Tandem. In der Szene bricht es auseinander. Die Entzweiung der beiden sagt aus meiner Sicht viel über jedes Vater-Sohn-Verhältnis aus. Das heißt nicht, dass man als Sohn Selbstmord begehen muss, doch vor der Herausforderung einer Beziehung, die sich ständig verändert, stehen jeder Vater und jeder Sohn. Erst lernt der Sohn vom Vater und wird von ihm angeleitet, doch irgendwann einmal lehnt sich der Nachkomme gegen die tradierte Haltung des Vaters auf. Das ist ein universelles Thema, dass als Ende gut gepasst hat.

Sie sprechen vom Epilog des Films, wodurch sich die Frage nach dem Prolog aufdrängt. Irgendwie fehlt der in Ihrem Film, der die Familiensage in ihrer verbrecherischen Hochphase erzählt - die ganze Vorgeschichte jedoch auslässt. Wie konnte es aus Ihrer Sicht zu diesem monströsen Fall kommen?

Die Antwort kann erneut der "Film noir" geben. Generell gesprochen, kam in diesem Genre immer wieder zum Ausdruck, dass es sinnlos und schädlich ist, die Augen vor den Gegebenheiten zu verschließen. Wenn sich eine Gesellschaft, eine Familie oder ein Individuum weigert, etwas Schlechtes, wie zum Beispiel eine Diktatur realistisch wahrzunehmen, wird das Elend nicht einfach verschwinden, sondern sich noch schlimmer, gewaltsamer und brutaler entfalten.

Das müssen Sie erläutern.

Lassen Sie es mich an einem Beispiel verdeutlichen: Als wir "El Clan" im vergangenen Jahr in Venedig vorstellten, ging gerade das Foto des ertrunkenen Jungen am Strand von Bodrum um die Welt. Die Politiker waren perplex. Sie sprachen darüber so, als ob sich eine solche Tragödie zum allerersten Mal zugetragen habe. Dabei wissen wir alle, dass Flüchtlinge seit acht Jahren im Mittelmeer ertrinken. Doch die Verantwortlichen ignorierten das - bis es durch dieses ikonografische Foto unübersehbar wurde. Dasselbe ließe sich über die Anschläge von Paris oder die Amokläufe in den USA sagen. Die Realität fordert uns auf, ihr unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Verweigern wir das, wird sich die Wirklichkeit als noch größeres Desaster präsentieren.

Wie lange hat die Familie Puccio ihre Augen vor den Untaten des Familienoberhauptes verschlossen?

Viele Jahre. Arquímedes hat ein sehr langes Sündenregister und war praktisch sein ganzes Leben lang in zwielichtige Geschäfte verwickelt. Er arbeitete schon in den späten Sechzigerjahren, noch in der Regierungszeit von Juan Peron, für den Geheimdienst. In den Jahren der Diktatur ließ er Menschen verschwinden und danach blieb er dabei.