"Franziska" am Theater Bremen:Wo Frauen sich den Kopf anstoßen

Lesezeit: 2 min

Theater Bremen

Eine Zombie-Apokalypse der Warenfetische? Nein, das sind die Poserinnen in Pınar Karabuluts Inszenierung "Franziska".

(Foto: Jörg Landsberg)

Pınar Karabulut inszeniert Frank Wedekinds Emanzipationsstück "Franziska" als Plastiktheater in einer rosa Barbiewelt. Was soll das?

Von Till Briegleb

Als Frank Wedekind 1912 seine Faust-Satire "Franziska" veröffentlichte, ging es ihm um eine Fantasie über Frauen, die selbstbestimmt leben wie Männer. Die Hauptfigur geht einen Teufelspakt ein, dass sie zwei Jahre als Mann alle Freiheiten des wilhelminischen Zeitalters kosten darf, die Frauen vorenthalten waren. Was gutgeht, bis sie schwanger wird. Letztlich war das wilde Stück ein Schwabinger Versprechen für den Rest der spießigen deutschen Nation, denn in München, wo Wedekind lebte, konnten Frauen in den Kreisen der Boheme vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur im Fasching die Hosen anhaben und das Patriarchat ignorieren. In der Reihe von Wedekinds Skandalstücken jener Jahre wie "Lulu" (eigentlich: "Die Büchse der Pandora") und "Frühlings Erwachen" war diese Parodie mit emanzipatorischer Botschaft (die freilich im klassischen Familienidyll endet) eines der eher weniger beanstandeten Stücke.

Wenn nun eine Regisseurin 110 Jahre später aus dem Stoff eine neue Fassung erstellt mit dem Anspruch, Wedekinds männlichen Feminismus mit Themen der weiblichen Gegenwart kurzzuschließen, dann würde man eines ganz bestimmt nicht erwarten: eine rosa Barbie-Welt voller Puppenwesen, wo Frauen nicht durch die Tür gehen können, ohne sich den Kopf anzustoßen. Vielleicht hat Pınar Karabulut in Reclams Schauspielführer gelesen, dass Wedekind Menschen als "Marionetten einer Idee" dargestellt hat, jedenfalls inszeniert sie ihr "modernes Mysterium" über den weiblichen Faust am Theater Bremen als ein Marionettentheater für Menschen ohne Idee.

Theater Bremen

I′m a Barbie girl in a Barbie world: Das Bühnenbild zur Bremer "Franziska" ist eine Puppenstube in der Schachtel.

(Foto: Jörg Landsberg)

Eine Ansammlung grell kostümierter Aufziehpuppen, die sprechen wie Charaktere prähistorischer Computerspiele und sich bewegen wie Poserinnen aus miesen TikTok-Videos, bemühen sich 90 Minuten lang, möglichst seelenloses Plastiktheater zu zeigen. Es beginnt auf einer großen rosa Torte mit einer Showeinlage, die aussieht, als würde ein Madonna-Konzert von einem sozialistischen Staatssender nachgestellt werden. Dann hebt sich der Deckel und eine perfekt vergrößerte Puppenstube im bunten PVC-Stil klappt auf, das Ding schaut aus wie eine dieser "Polly Pocket"-Schatullen des Spielwarenherstellers Mattel. In dieser Pop-up-Kulisse für Vorschulkinder des 20. Jahrhunderts stolpern Karabuluts Sprechautomaten in abgehackten Bewegungen und mit hölzernem Sprachduktus herum, als sei die Inszenierung ein Workshop über Fremdscham.

Was will die Regisseurin bezwecken? Alle Menschen sind Trottel? Hoffentlich nicht

Vielleicht kann ja ein Mann als Rezensent die versteckten feministischen Botschaften nicht verstehen, die Karabulut mit ihrem schlechten Schauspiel als System (und den Hauptdarstellerinnen Fania Sorel, Annemaaike Bakker und Mirjam Rast) vermitteln möchte. Aber vom Standpunkt der Gleichberechtigung aus männlicher Perspektive kann man tatsächlich nur bemerken, dass Feminismus hier bedeutet, die offensive Reproduktion weiblicher Dümmlichkeitsstereotypen mit Trippelschritten, weit aufgerissenen Augen und affektierter Anmachstimme geschlechtsspezifisch zu spiegeln. Die Männer in diesem Kasperletheater maximaler Künstlichkeit sind von der gleichen Reime aufsagenden Teletubbie-Expressivität wie die Frauen, nur verkleidet in einen extravaganten Tunten-Chic, der wie ein fernes Echo der Verwandlungskunst Leigh Bowerys aus dem Londoner Nachtleben der Achtziger wirkt.

Handwerklich sind die Entwürfe für Bühne (Johanna Stenzel) und Kostüme (Aleksandra Pavlović) inspiriert und fantasievoll, dazu wirklich aufwendig umgesetzt. Nur was und wie mit diesen Zitaten einer plakativen Oberflächenkultur gespielt wird, ist leider komplett schablonenhaft und hohl. Die Prostitution der Darstellenden als Produkte wirkt kein bisschen kritisch oder provokant, die totale Affirmation von Geschlechterstereotypen aus dem Werber-Gehirn der Fünfzigerjahre wie eine unbeabsichtigte Zombie-Apokalypse der Warenfetische.

Was die Regisseurin, die Teil des "Leitungsteams" der Münchner Kammerspiele ist, mit dieser Walpurgisnacht des Kitsches konzeptionell bezweckt hat, bleibt das "moderne Mysterium" dieser Kostümschlacht. Dass alle Menschen Trottel sind, hoffentlich nicht. Auch wenn ihr Pakt mit dem Klischee genau das zu sagen scheint.

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