Ukrainisches Tagebuch (XLVIV):Keine Menschen - keine Probleme

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Ukrainisches Tagebuch (XLVIV): Oxana Matiychuk ist Germanistin und arbeitet am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an der Universität Czernowitz im Westen der Ukraine.

Oxana Matiychuk ist Germanistin und arbeitet am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an der Universität Czernowitz im Westen der Ukraine.

(Foto: Universität Augsburg/Imago/Bearbeitung:SZ)

Ein halbes Jahr Krieg: Ein paar sarkastische Überlegungen zu Korruption, Vernichtungskrieg und dem stalinistischen Antihumanismus.

Gastbeitrag von Oxana Matiychuk

Eigentlich wollte ich meinen Text anders anfangen. Bis ich den Aufruf von sechzehn Handwerkern aus Sachsen-Anhalt an den Bundeskanzler gelesen hatte. Man fordert den kompletten Stopp der Russland-Sanktionen, weil man soFnst den schwer erarbeiteten Lebensstandard in Deutschland verlieren könnte. Natürlich stehen sechzehn Stimmen stellvertretend für viel mehr Deutsche insbesondere und Westeuropäer insgesamt, wahrscheinlich für Millionen, wie die Unterzeichner selbst schreiben. Sie reihen sich den Stimmen zu, die zu den "Verhandlungen" und "Zugeständnissen" aufrufen und behaupten: "Es ist nicht unser Krieg." Die Ukraine sei keine "lupenreine Demokratie". Das ist sie in der Tat nicht. Die Frage, wie viele lupenreine Demokratien in der Welt zu finden sind, sei hintangestellt. Vermutlich kommt es nur auf die Betrachtungsweise an. Ich kann mich entsinnen, dass der Oberbefehlshaber der Russischen Föderation auch schon mal als "lupenreiner Demokrat" bezeichnet wurde. Folglich müsste die Gesellschaftsordnung in dem von ihm geführten Land dieser Definition, wenn nicht ganz, dann inzwischen größtenteils entsprechen? Immerhin ist der Mann bald zwanzig Jahre an der Macht, man hat ihn vieles machen lassen. Sein Land kann Öl und Gas ohne Ende liefern, wenn man nach seinen Regeln zu spielen bereit ist, dann auch recht günstig. Darauf kommt es an, nicht auf ein Nachbarland des mächtigen Geschäftspartners, das er seit nun sechs Monaten versucht, auszulöschen.

Man beruft sich auf den Korruptionsindex der Ukraine von Transparency International, Platz 122 ist wahrhaftig kein ehrwürdiger. Wenn ich ein wenig zuspitze, so komme ich auf die Formulierung, dass diese Tatsache wohl als Legitimation - oder zumindest als ein Baustein dazu - dafür reicht, warum ein Land für sein Verbrechen, für einen Vernichtungskrieg, das es gegen ein anderes führt, nicht bestraft werden sollte. Als Nächstes wäre dieser möglicherweise sogar zu rechtfertigen? Wäre die Vernichtung der ukrainischen Bevölkerung denn nicht auch eine Form der Korruptionsbekämpfung? Keine Menschen, keine Probleme.

Kommt das jemandem bekannt vor? Der Satz, der einem noch größeren Führer als dem aktuellen Oberbefehlshaber, nämlich Josef Stalin, zugeschrieben wird, stammt höchstwahrscheinlich nicht von ihm, sondern vom russischen Schriftsteller Anatolij Rybakow (1911 - 1998), bekannt durch seinen Roman "Die Kinder vom Arbat" (1987). In diesem Werk lässt Rybakow Stalin den Satz sagen und äußert sich in seinem letzten, "Roman der Erinnerung" (1997), auf eine Nachfrage dazu, dass es zwar seine künstlerische Freiheit war, dem Führer die Worte in den Mund zu legen, aber das "stalinistische Prinzip" genauso funktionierte. Dass die politische Führung Russlands sich an den Führungsprinzipien des "Vaters der sowjetischen Völker" ein Vorbild nimmt, wird heute wohl niemand bezweifeln. Und wenn man schon bei "Führern" ist, so weiß Deutschland, dachte ich, besser als ein anderes Land, wie viel Zugeständnisse und Verhandlungen bringen, wenn man einen Größenwahnsinnigen an der Macht hat.

Wer sind die Russen, die derzeit überhaupt noch in Nato-Staaten einreisen?

Aus meiner Perspektive als Ukrainerin fühlt sich das Ganze nun folgendermaßen an: Man ist nicht gewillt, etwas für ein massiv angegriffenes Land auf dem gemeinsamen europäischen Kontinent zu opfern, weil es korrupt ist. Man findet aber offensichtlich nichts Anstößiges daran, mit einem internationalen Verbrecher, der - wenn man schon Transparency International bemüht - einen noch fragwürdigeren Platz 136 einnimmt, weiterhin Geschäfte zu machen.

Aber es sind nicht nur die steigenden Energiepreise auf der Tagesordnung, die Deutschland und andere EU-Länder beschäftigen. Ein aktueller Diskussionsgegenstand ist das Einreiseverbot für russische Touristen. Ein paar besonders "russophobe" Schengen-Staaten diskutieren gar nicht, sondern handeln und setzen die Visumsvergabe aus. Das ukrainische "linguistische Bataillon" reagiert mit einem Witz, der auf einem Wortspiel basiert und sich in etwa so übersetzen lässt: "Die Ukrainer dürfen visumsfrei reisen, die Russen dürfen visumsfrei bleiben." Dabei sollte man die Situation doch aus einem anderen als einem russophoben Blickwinkel betrachten. 70 Prozent der Russen würden laut Umfragen sowieso nicht ins Ausland reisen, weil sie in ihrer Heimat alles haben. Die bereits Sanktionierten kommen eh nicht infrage. Die Asylsuchenden sollen aus humanitären Gründen aufgenommen werden. Es bleiben die waghalsigen, die neugierigen, die risikobereiten, die unter Umständen nur reisen wollen, um sich zu vergewissern, ob außerhalb der russischen Welt ein Leben möglich ist. Sie trauen sich in die Nato-Länder (Schengen-Länder sind nun mal fast alle Nato-Mitglieder), während sich ihr Heimatland aus guten Gründen seit Jahren durch das Bündnis bedroht fühlt. Zuletzt so stark, dass es sogar eine präventive "Spezialoperation" in der Ukraine startet - bevor die in Uniformen der illegalen ukrainischen Nazigruppierungen gekleideten Nato-Soldaten samt ebendiesen Gruppierungen Russland angreifen. Man muss sich also der Tatsache bewusst sein, dass sich russische Touristen im europäischen Westen praktisch tief im Lager des Feindes befinden: Ob sie sich nun in Karlovy Vary pflegen lassen, sich auf dem Kudamm im KaDeWe ein wenig Luxus gönnen oder in Saint-Tropez den Meeresblick genießen wollen (auf der Krim dürfte es in den kommenden Wochen ungemütlich werden). Sollte ihr Mut nicht durch die Genehmigung ihrer Visaanträge entsprechend honoriert werden? Wer weiß, ob ein paar von ihnen nicht einen Denkanstoß bekommen, der ihr Weltbild ein wenig verändert? Und, letztendlich: Alle Schengen-Länder gehören doch der Zivilisation an, die sich der Humanität verpflichtet hat.

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