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"Overgrown" von James Blake:So weit hat es keiner getrieben

"James Blake", das Album mit dem Geisterkopf, wurde 2011 zum Ereignis, zu dem großen Moment, in dem sich das Introvertierte nach außen stülpte und dabei nicht kaputtging. Angeblich verkaufte es sich trotzdem nur 400.000 Mal, ein Zeichen, dass wir im Pop heute mit ähnlichen Mehrheitsverhältnissen operieren wie in der Europäischen Kommission. Auch jetzt bei "Overgrown" wird es genug Leute geben, die sagen, es handle sich mehr um eine Meditationsübung als um ein Pop-Statement. Schlaue Antwort: Es ist natürlich beides. Und, so ungern man es zugibt im Regen der Lobeshymnen: James Blakes neue Platte ist noch besser als die erste. Noch dicker aufgetragen und feiner verstrichen, noch tollkühner komponiert. Noch herzzermörsend trauriger. Noch näher am großen Verschwindibus.

Lustigerweise fällt das in eine Zeit, in der Dubstep - die Londoner Mitternachtsmischung aus Reggae, Hip-Hop und Soul, der Blake seinen frühen Ruhm verdankt - die maximale Sichtbarkeit erreicht hat. Für Harmony Korines Film "Spring Breakers", der derzeit in den Kinos läuft, hat Skrillex die Musik gemacht, ein 25-jähriger Dubstep-Epigone aus Los Angeles. Seine zu schrecklichen Schnapsgrimassen verzerrten Basslinien liegen hier über Bildern vom Teenagerexzess, von säureblauen Stränden, gebräunten Brüsten - während James Blakes "Overgrown" eher wie die Gischt klingt, wie das unendlich verlangsamte Geräusch des Wassers, das in Zeitlupe gegen die Felsen spült.

Extrem unglücklich verliebte Roboter

Wie eine Schubert-Soirée mit Miles Davis am Klavier, eine im verwunschenen Teich versunkene Videospielkonsole oder das Instrumentarium eines verschollenen Symphonieorchesters, das von einem riesigen Basslautsprecher sanft, aber bestimmt zum Vibrieren gebracht wird. Mit einem Soulsänger, der seine Lehre nicht im Kirchenchor gemacht hat wie jeder anständige Bub, sondern in einer Kolonie extrem unglücklich verliebter Roboter.

Das ist unter anderem der Punkt: Natürlich haben schon viele ähnliche Musik gemacht, aber so weit wie Blake hat es keiner getrieben. Auch was die bewusste Abkehr vom Gegenständlichen, Nachvollziehbaren betrifft. Diese Musik, obwohl er sie auch live aufführt, ist eine Wolke, sie kann nur digital entstehen - man hört in ihr förmlich das weiche Gleiten der Maus, das Streicheln des Touchscreens, den sachten Druck der Laptoptasten. Die Möglichkeiten und sicher auch Zufälle, wie man sie kennt, wenn am Desktop zu viele Fenster gleichzeitig offen sind und alle von selbst zu spielen anfangen.

Die Rolle, die er hier als Sänger spielt, also als das, was sonst als letztes großes Ego bleibt, ist für Blake eine genau so multiperspektivische Sache. Manchmal verfremdet sich seine Stimme im laufenden Stück, verdoppelt oder verdreifacht sich, springt zurück in die Einsamkeit. Antwortet oder widerspricht sich selbst, durch irgendeinen digitalen Filter hindurch. Kommentiert den eigenen Song in Gestalt des lallenden, vielköpfigen Eunuchenchores.

Man erinnert sich vielleicht noch an die Zeit Ende der Achtzigerjahre, als der Aufstieg gesichts- und namenloser DJs zur großen popkulturellen Emanzipation erklärt wurde, zum Tod des Autors, zur Befreiung von Frontalunterricht und Personenkult. Dass James Blake im Moment von so vielen Titelblättern schaut, mag dem zwar widersprechen, aber: Mit "Overgrown" erbringt er nun genau diese Leistung für die Songwritermusik. Die Auflösung einer altmodischen Instanz. Keine Maskerade, sondern das Verschwinden des Ichs im Sound, den es macht.

Ein Genie, das die eigene Spur verwischt. Und auf die Art beibringt, wie das mit der wahren Sehnsucht funktioniert. Nicht mehr und nicht weniger.

© SZ vom 06.04.2013

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