Out of Office:Kleine Fluchten

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Out of Office: Nicht nur die eigens für die Ausstellung gefertigte große Wandarbeit stammt von Tina Haase, sondern auch die kleinere "Radierarbeit" (2010).

Nicht nur die eigens für die Ausstellung gefertigte große Wandarbeit stammt von Tina Haase, sondern auch die kleinere "Radierarbeit" (2010).

(Foto: Museum für konkrete Kunst)

Im Ingolstädter Museum für Konkrete Kunst denken 30 Künstler über Arbeitswelt und Büroalltag nach

Von Florian Welle, Ingolstadt

Zeige mir deinen Arbeitsplatz, und ich sage dir, wer du bist. Auf den Fotografien in der Draufsicht zu sehen: Tische. Aus Holz, Glas, Resopal. Mal steht der Bildschirm seitlich, mal mittig. Hier ist die Arbeitsfläche akkurat aufgeräumt, dort herrscht ein Durcheinander aus Post-Its, Stiften, Kalendern. Eigens für die Ausstellung "Out of Office. Büro-Kunst oder das Büro im Museum" haben Angestellte der Stadt Ingolstadt für den Fotografen Gert Schmidbauer ihre Dienstzimmer geöffnet. Vom Oberbürgermeister Christian Lösel bis zur Direktorin des Museums für Konkrete Kunst, Simone Schimpf. Und genau in den Räumlichkeiten der letzteren beziehen gerade 30 Künstler Stellung zur modernen Arbeitswelt.

Diese ist seit Beginn des 20. Jahrhundert in hohem Maß eine Büro- und Verwaltungswelt, in der unser Leben reguliert und normiert wird. Bürokratie bedeutet immer auch Macht. Nicht selten bringt sie das Individuum zum Verschwinden, nicht zuletzt die Mitarbeiter selbst. Schon der Versicherungsangestellte Franz Kafka erfuhr dies am eigenen Leib und erzählte davon in seinen Romanen und Tagebüchern. Dort findet sich die Stelle: "Denke ich daran, so scheint es mir, daß ich es im Bureau auch dann nicht aushalten könnte, wenn man mir sagte, daß ich in einem Monat frei sein werde. Und doch tue ich im Bureau meist meine Pflicht, bin recht ruhig ..."

"Controlling und Ausbruch" heißt der Abschnitt, in den die sehr lohnende Ausstellung mündet und in dem auch Schmidbauers Foto-Serie hängt. Vor allem jedoch finden sich hier Arbeiten von Lilly Lulay. Etwa "Sundowner at the Beach" von 2016, eine Installation, die unsere Sehnsucht, dem Büroalltag zu entfliehen, gnadenlos zerschreddert. Da steht auf einem notdürftig aus Treibholz zusammengezimmerten Gestänge ein Aktenvernichter, der gerade ein Foto mit Meeresansicht in Streifen zerlegt. Wir dürfen "Out of Office" sein, so Lulay, aber nur für kurze Zeit. Aus dem Urlaub zurück müssen wir uns wieder einfügen. Es bleibt die Erinnerung an vergangene Tage.

Das Büro mit standardisierten Abläufen, von der Erfassung eines Vorgangs bis zu dessen Archivierung, ist sowohl für konzeptionell als auch konstruktiv-konkret arbeitende Künstler eine Steilvorlage. Das Office bietet reichlich Arbeits- und Anschauungsmaterial. Das reicht von Mappen, Heftklammern und Linealen bis zu systemimmanenten Strukturen. Diese griff die Kuratorin Theres Rohde für die Ausstellungsarchitektur auf und gruppierte die Kunstwerke in Kapitel wie "Ablagesysteme", "Richtlinien" und "Zeitmanagement". Die ältesten gezeigten Arbeiten stammen von Peter Roehr. In den Sechzigerjahren applizierte er Klebeetiketten so auf Karton, dass man meint, Aktenschränke en miniature zu sehen. Nahezu paradox mutet es an, dass der jung gestorbene Roehr selbst nie ein Atelier besaß. Sein Arbeitsplatz war der Küchentisch der Mutter. Auch Beat Zoderer verwendete dreißig Jahre später für seine "Herma Haftetiketten Serie" Klebeetiketten. Der Schweizer pappte vor dem Hintergrund mathematischer Konstruktionsprinzipien beziehungsweise deren spielerischer Unterlaufung Punkte und Rechtecke zu mono- und polychromen Bildflächen in verblüffenden Formen zusammen.

Wie die großformatige Wandarbeit "Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen?", die die Objektkünstlerin Tina Haase für die Ausstellung schuf, zeigt, eignen sich auch bunte Klarsichtfolien für die Auseinandersetzung mit Fläche, Farbe, Raum und Linie. Den entgegengesetzten Weg ins Kleine und Filigrane schlägt hingegen Fiene Scharp mit ihren Papierschnitten ein. Ihr Werkzeug ist das Cuttermesser, mit dem die Berliner Künstlerin Millimeterpapier zuschneidet. Büroarbeit sollte effizient sein. Scharps Herangehensweise ist das Gegenteil davon und stellt das Diktat eines Kosten-Nutzen-Denkens in Frage.

"Out of Office" bietet Nachdenkliches, bringt einen aber auch immer wieder zum Schmunzeln. Über jeden Künstler kann man sich in Aktenmappen informieren. Für diese füllten sie Personalbögen zu Leben und Werk aus. Es gibt ernste und weniger ernste Antworten zu lesen. So schreibt Dirk Krecker, der viel mit der guten alten Schreibmaschine hantiert, über die Bedeutung des Büros für ihn: "I'm out of Office and into Rock'n Roll".

Out of Office. Büro-Kunst oder das Büro im Museum. Bis 10. September, Museum für Konkrete Kunst, Tränktorstr. 6 - 8, Ingolstadt

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