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60 Jahre Oulipo:Hoch und Vivat, Tusch, Glückwunsch und Gratulation

Oulipo Georges Perec Literatur

George Perec, Autor des Romans "La disparition" (deutsch "Anton Voyls Fortgang"), der ganz ohne "e" auskommt, den häufigsten Buchstaben des Alphabets.

(Foto: imago stock/imago/Leemage)

All das ganz im Stil von Anton Voyl: das Tagungsprotokoll, das das "e" ganz und gar umschifft.

Von Alex Rühle

Gratulantin im Anzug tritt aufs Podium. Im Saal sitzt das Publikum im Corona-Abstand. Na ja, Publikum klingt fast zu pompös. Sind nämlich nicht mal zwanzig Mann im Auditorium (aufgrund von Hauptstadt-Chaos à la Humboldt-Forum gab's kurzfristig Switch vom FU-Komparatistik-Institut ins Rathaus von Marzahn).

Gratulantin mit Vibrato und Pathos: Vorhang auf für Oulipo!

Mann im Angorapulli mit Blick aufs Handy, das Antlitz blau vom Display-Licht, raunt Sitznachbarn zu: Gibt's dazu'n Instagram-Account?

Gratulantin: Gründung in Paris am 24.11.1960.

Proll aus Spandau, ruft laut: Ja und? Was war da?

Gratulantin: Nun mal halblang, kommt ja schon: Oulipo ist Sprachslalom und Wortakrobatik, Fusion aus Form und Inhalt, Stilübung als Ultimativprogramm.

Handy-Mann, kühl: Ah, gibt'n Wiki dazu. Inkl. Zitat auf Französisch: "Il n'y a pas un mot fortuit, car tout y a, illico, sa justification, donc sa signification." Zu Dt. in kurz und circa: Nichts ist darin Zufall.

Volkshochschul-Stammkundin haucht: Ah, Paris! So richtig mit Chardonnay, Nikotinsucht und Koks im Marais?

Bukowski-Fan stöhnt: Oh Gott. Französisch? So in Richtung Post-sonst-Was? Strukturalismus, Foucault, Cixous, Diskursdiffusion?

Gratulantin: Na ja, avantgardistisch ist das schon, sogar durch und durch.

Bukowski-Fan: Das klingt so hoffnungslos nach Kunstkrampf. Wozu?! L'art pour l'art? Quatsch im Quadrat? Formalismushorror?

Gratulantin: Das war von Anfang an Programm: Roman mit Klimax und Naturnachahmung, Drama mit Katharsis, Lyrik-Klingklang - all das war nach '45 und Holocaust nur noch Antiquitätsschrott. Traditionshumbug, Tand, Schund und Kitsch, s. auch Adornos Auschwitz-Diktum.

Punk im Parka: Klingt doch toll! So in Richtung "Mach kaputt, was dich kaputtmacht."

Proll aus Spandau: Halt's Maul, du Siffkopp.

Volkshochschul-Stammkundin: Apropos Lyrik - ich bin Autodidaktin und hab da so... (kruscht im Rucksack rum und holt "Lissabon-Zyklus" mit lila Illustrationsplakat raus)

Proll: Au Mann, das gibt's doch gar nicht. Hau bloß ab!

Volkshochschul-Stammkundin schluchzt: Ich bin fassungslos. Das ist so brutal und kalt und ignorant. (ab)

Gratulantin: Das war wirklich boshaft.

Proll: Ach ja? (stolz) Toxisch, wa?

Gattin: Nu lass ma, Hartmut...

Proll: Warum? Ick fühl mir jrad pudlwohl. (Tut ängstlich) Oh, war das orthographisch falsch? (Höhnisch) Na und?

Gratulantin, halblaut zu sich: War mir klar, ihr wollt ja gar nicht wirklich.

Bukowski-Fan: Gott, nun wird das auch noch larmoyant.

Gratulantin: Nur illusionslos und pragmatisch. (Rauscht nun im Autobahnmodus durchs Manuskript) Oulipo ist stilistisch und formal unglaublich fruchtbar, mal als Krimi, mal als Lyrik, Manual, Roman. Da wird Form zum Inhalt, Alltagsbanalität und Ödnis qua Sprachmutation zu Klangglanz und Witz. Ob nun Palindrom, Lippogramm, Anagramm und Akrostichon, Isogramm...

Das Klima im Publikum kippt dramatisch. Unmutswirrwarr, Lärm und Zorn von da und dort: Hä? Protz nicht so rum mit Fachvokabular! Brauch ich Latinum? Ist doch Stuss und Schwachsinn.

Tourist aus Montana: Why should anybody do this? Sounds all so silly.

Mann im Angorapulli (fröhlich und im Mutmachton): Also ich find das unorthodox und pfiffig. Bin wirklich ganz Ohr.

Proll, pampig: Ich will Ouliporno.

Gattin zischt: Hartmut, schäm dich!

Gratulantin (scharf): Gut, dann mal klipp und klar: Ich bitt' um Mäßigung, Umgangsform, Fair Play und Tonfallmodulation, sonst mach' ich sofort das Licht aus.

Linguistik-Doktorand hält Schild hoch "APOSTROPH = BILLIGTRICK!"

Gattin (laut und doch höflich): Tschuldigung, noch mal für uns Normalos: Was ist nun Sinn und Auftrag von Oulipo?

Gratulantin (schnäuzt sich kurz und strafft sich dann): Ja. Sorry. Ich war wirklich zu kurz und zu knapp. Noch mal ausführlich: Oulipo ist das Labyrinth, das du dir baust, auf dass du dir danach mit List und Müh qua Sprachfundus und Synonymvorrat das Lösungsloch hindurchgräbst. Oulipo ist Wortschatzübung und Grammatikschach. "Inspiration" ist doch wirklich oft nur Synonym für Impulsschwall. Oulipo will grad nicht so hopplahopp drauflos und schlicht gradaus. Schluss mit Automatismus und Psychomonolog vom Autor-Ich. Motivationskick durch Kombinatorik!

Gymnasiast: Ist das Abiturstoff?

Gymnasiastin: Glaub nicht. (Gymnasiast und Gymnasiastin sofort ab)

Mann im Angorapulli klappt das Handy zu: Gibt's dazu so'n Who is Who?

Gratulantin: Italo Calvino war mit im Club. Duchamp auch. Doch vollständig... ähm, also das kann ich grad nicht, das Tabu macht's mir unmöglich... (blickt sich um) Oh was'n Glück, schaut nur hinab, Johanna Horst zählt das fast in toto auf, incl. Voyl-Autor. Sogar Gründungsstar Raymond kommt nachnämlich vor! (Ruft hinab) Großartig. 1000 Dank.

Mann im Angorapulli: Was mich wirklich daran stört: Das klingt so monoton, humorlos und apodiktisch. Wo sind da noch Romantik und Pathos?

Gratulantin (schaut ihn zunächst spöttisch an, dann): Kommt drauf an. Gibt ja sowas... Ich sag mal Zwangsspaß.

Mann im Angorapulli: Quasi im Houdini-Stil?

Gratulantin: Nicht ganz. Houdini schlüpft ja sofort aus'm Band. Oulipo lässt das Band drumrum und schaut, was dann noch sprachlich und an Handlung möglich ist.

Mann im Angorapulli kommt richtig in Plausch-Stimmung: Ich fühl mich schon ganz wuschig.

Gratulantin duckt sich kurz ins Off, holt Parfüm raus und sprüht sich Patschuliduft ans Kinn. Mann im Angorapulli schaut solang im Handy, was Gratulantin sonst so macht, Vita, Publikationslinks usw.

Gratulantin ist zurück, wirft Grafik an Auditoriumswand: Noch mal in Form von Bsp.:

  • Isogramm = Boxkampfjuryschützling, Plüschfigurwand, Süßmilchprodukt. D.h. nichts kommt 2 mal vor. Capito?
  • Pangramm = ABC total in 1 Wort.
  • Anagramm: Misch, was du grad hast, und voilà, aus Alt mach Tal. Gras - Sarg. Sport - Prost. Kim Kardashian - I am a kind shark. Palindrom - Aprilmond.
  • Apropos Palindrom: Das gibt rückwärts und vorwärts Sinn (na ja...), also sowas z.B.: Anni roch Corinna. Na, Fakir, Paprikafan? Ida war im Atlas, Abdul lud Basalt am Irawadi.
  • Und bzgl. Lippogramm: Das ist Schwund als Programm. Das Skript, das du grad anschaust, ist vollumfänglich lipogrammatisch. Kulminationspunkt und absolut famos ist "La disparition" (dt. "Anton Voyls Fortgang"), das Auslassungs-Opus mit Ultra-Zwang, da null mal Hauptvokal im Buch - was wirklich knifflig, ja fast unmöglich ist. Und doch macht G.P. daraus 320 S.!)

Linguistik-Doktorand hält stumm Schild hoch: INITIAL-TRICK IST AUCH BILLIG. AUSLASSUNG DITO.

Optimist: Ach komm, das Anton-Voyl-Ding ist doch wirklich Pipifax.

Bukowski-Fan: Boah, bist du naiv. Nur zu. Das schaffst du nicht.

Optimist: Wetten? Sehr gerne. Eben erst entdeckte...

Disqualifikationsgong tönt durchs Auditorium, Optimist trollt sich voll Groll, Bukowski-Fan mimt dazu hämisch Applaus. Mann aus Spandau nutzt das Tohuwabohu sofort aus. Laut: Na, ich sach ma janz sachlich Buh statt Applaus. (Zur Gattin) Los komm, Abflug. Im Abgang: Ich hol uns Currywurst mit Mayo. Und mir noch Alkohol. Tschöh mit ö.

Gattin: Nix da. Ich mach uns Kürbisrisotto und Avocadomus. Dazu Vitaminsaft aus Zitrusfrucht. Du wirst sonst zu dick.

Mann (traurig): Ooch, gibt's nicht mal Hack dazu? Toast Hawaii als Kompromiss? Das ist mit Ananas. (wird unhörbar)

Gratulantin: Halt! Stopp! Als Kunstprogramm tanzt doch im Anschluss noch das Waldorf-Trio aus Hamburg-Wilstorf das Vokal-Rondo aus A, I, O und U!

Linguistik-Doktorand stürzt panisch raus, Bukowski-Fan folgt ihm.

Gratulantin: Na ja, dann halt nicht. (räumt ihr Manuskript ab)

Mann im Angorapulli brummt sanft in Richtung Gratulantin: Nun sind nur noch wir da.

Gratulantin (schaut sich kurz um, kommt dann vom Podium): Ja. Du und ich.

Mann (sonor): Ludwig-Arno.

Gratulantin: Paluongia.

Ludwig-Arno, baff: Äh, was? Wirklich? Das klingt ja total nach Fantasy.

Paluongia haucht: Rätoromanisch. Ich komm aus Maloja.

Ludwig-Arno: Hast du Hobbys?

Paluongia: Ich sing im Chor. Sopran.

Ludwig-Arno: Ach was! Ich auch. Als Bass. Was probt ihr grad?

Paluongia: Matthäus-Passion.

Ludwig-Arno: Gibt's ja gar nicht! Wir auch! (zu sich) Ist das noch Zufall? No way. Das ist Fügung! Schicksalszwang!

Paluongia (summt:) "O Haupt voll Blut und Wund..."

Ludwig-Arno abrupt: Du singst so schön.

Spontankuss, Vorhang, Ringtausch, Trauung. Romantiktrip nach Thailand. Danach Bungalow in Grünwald, Audi Quattro, Jaguar, bald schon Zwillingsglück. Und all das nur dank Oulipo!

II. AKT: Mitmachaktion, absolut gratis!

So, und nun Schluss mit Vortragsmonolog und dafür Vorhang auf fürs Publikum!

Schickt uns was! Lyrik ist okay, Kurzkrimi und Drama auch. Was ihr wollt. A und O ist nur: Mit Vokalslalom a la "Anton Voyls Fortgang".

Digital-Publikation (Auswahl!) am Montag, 30.11., mittags um zwölf. Gibt Klicks zuhauf! Spontan-Ruhm und Instagram-Applaus, Suhrkamp ruft an, Hollywood buhlt bald um Zuschlag, Amazon auch... Das wird so großartig.

Zuschrift an (Sorry für 6 x Vokal-Fauxpas im Finish, so'n Mist):

sz-feuilleton@sueddeutsche.de

Anm. d. Red.: Zwar ist uns kein "e" in den Text gerutscht, aber ein falsches Datum für die Digital-Publikation der Leser-Lyrik. Wir meinen Montag, 30.11. und bitten den Fehler zu entschuldigen.

© SZ/fxs
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