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Ostdeutschland:Kommunikative Doublebinds belasten die Diskussion bis heute

"Er protzte mit seinem BMW herum, beschimpfte seine Mitarbeiter als doofe Ossis", hieß es 1991 in der eigens für die Beigetretenen erfundenen Boulevard-Zeitung Super! unter der Schlagzeile: "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen". Die Meldung passte sehr gut zu den gerade entstehenden deutsch-deutschen Wahrnehmungsroutinen. Statt über die tatsächlichen Probleme zu reden, verglich man ununterbrochen Wessis und Ossis, Normalität und Abweichung, und frönte dem etwas heruntergekommenen Genre der Völker- oder Sozialpsychologie.

Damals bildeten sich kommunikative Doublebinds heraus, die bis heute die Diskussion belasten. Wer die Art der Vereinigung kritisierte, wurde als Feind der Einheit bezeichnet. Wer Notlagen in den neuen Ländern beschrieb, stand rasch im Verdacht, die DDR zu verklären. Weil vor allem die PDS die Krise politisch bewirtschaftete, musste sie kleingeredet oder eine Ossi-Mentalität angelastet werden. Ostdeutsche wiederum beklagten einerseits mangelndes Interesse für ihre Lage und reagierten andererseits empört, wenn Berichte über sie nicht ihrem Selbstbild entsprachen. Westdeutsche forderten Dankbarkeit ein, statt froh darüber zu sein, dass Deutschland mit dem Aufbau Ost Reparationen an sich selber zahlen konnte, wie der Sozialdemokrat Klaus von Dohnanyi 1990 schrieb. Damals kam das bis heute gern variierte Argument auf, die Ostdeutschen würden die Liberalisierung der Bundesrepublik bremsen, ihren Fortschritt gefährden, man wäre weiter ohne sie. In diesem Argument ähneln die Ostdeutschen Zuwanderern aus orientalischen Despotien - sie werden die Freiheit nie lernen.

In der aktuellen Debatte fehlt ein präzises Erkenntnisinteresse. Es könnte lauten: Warum bleiben erfahrungsresistente Wahrnehmungsmodelle und Zuschreibungen so stabil? In den Neunzigern erreichten die Transferleistungen in den Osten die stolze Höhe von etwa 140 Milliarden Mark jährlich, etwa ein Drittel des Bundeshaushalts. Immer wieder hieß es, dass die gewünschten Effekte ausblieben, die wirtschaftliche Aufholjagd des Ostens stagnierte früh. Dennoch wurde etwa das 2004 von einem Gesprächskreis um Klaus von Dohnanyi und Edgar Most erstellte Reformpapier "Kurskorrektur beim Aufbau Ost" weitgehend missachtet. Die Fehler der Treuhand lassen sich heute leicht monieren, meist werden sie überzeichnet, und es wird nicht bedacht, dass die Mehrheit in Ost und West den sofortigen Beitritt mit D-Mark und freiem Markt wollte, dass die Märkte im einst sozialistischen Lager zusammenbrachen. Gewiss, die Ganoven und Intriganten der Umbruchzeit warten noch auf ihren Balzac oder einen Fallada. Der nüchterne Blick wird vor allem ein objektives Dilemma registrieren.

Warum fallen politische Kurskorrekturen so schwer? Die Kritiker der Vereinigungspolitik, von Hans-Werner Sinn bis Gregor Gysi, waren doch immer zu hören. Alle Friktionen sind beschrieben worden, aber man blieb auf dem einmal eingeschlagenen Weg. Warum war es so schwierig, sich einzugestehen, dass niemand ein Patentrezept für deindustrialisierte Regionen besaß? Dabei liegen die Fragen auf der Hand. Können das Ruhrgebiet und Brandenburg voneinander lernen? Wollen wir nicht, in der Pause zwischen den Erzählungen über biografische Brüche, die keiner mehr kitten kann, über die absehbaren Finanzprobleme in den fünf einst neuen Ländern streiten? Oder darüber, dass die Einheitskosten zu einem großen Teil über die Sozialversicherungen aufgebracht wurden, also deren viel stärkere Entlastung durch Steuerzuschüsse überfällig ist?

Noch aufschlussreicher wäre ein Blick in die Wirklichkeit, in der es das rein Ostdeutsche wie das rein Westdeutsche nicht mehr gibt. Beides lässt sich nur noch als Erinnerungsgemeinschaft konstruieren. Abgesehen davon, dass Millionen aus dem Osten in den Westen gezogen sind und überall im Osten Wessis arbeiten und leben, ist nicht einzusehen, warum, wer 1989 Mitte zwanzig war, bis ans Ende seiner Tage als Ossi oder Wessi firmieren muss.

Mit dem Label "Ostdeutschland" lässt sich heute lediglich Identitätspolitik betreiben, die jene Misere verfestigt, die anzuklagen sie vorgibt. Es existiert kein politisches Gebilde dieses Namens, keine wirtschaftlich oder kulturell homogene und abgegrenzte Einheit, die so hieße. Selbstverständlich sind die Jahre der Teilung und die Vereinigungskrise nicht spurlos vorübergegangen. Aber schrumpfende Kommunen, ökonomisch abgehängte Regionen, arme Rentner gibt es im gesamten Land. Wer aufrichtig über den "Osten" reden will, landet in einer Reformdiskussion über die gesamte Republik.

Das Label "Ostdeutschland" taugt heute lediglich zu einer diffusen Identitätspolitik

Aber die Rechten, heißt es - und dann werden Zwangsläufigkeiten behauptet, als hätte man Sachsen, Brandenburg, Thüringen schon Monate vor der Wahl aufgegeben, als gäbe es nicht auch dort eine Mehrheit jenseits der AfD. Die gärige "Vogelschiss"-Truppe ist ohnehin nur als gesamtdeutsche Kraft zu verstehen. Es steckt sehr viel mehr vom Geist der alten Bundesrepublik in ihr, als die Suggestion einer besonderen Nähe von Osten und Autoritarismus wahrhaben will.

Dass Ausländer "bettelnd, betrügend, ja auch messerstechend durch die Straßen ziehen, festgenommen werden und nur, weil sie das Wort 'Asyl' rufen, dem Steuerzahler in einem siebenjährigen Verfahren auf der Tasche liegen", behauptete Anfang der Neunziger der West-Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus-Rüdiger Landowsky, der den Bankenskandal und damit die Pleite der Hauptstadt mitzuverantworten hatte. Wäre Helmut Kohl nach den Ausschreitungen nach Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen gefahren, hätte man den Asylstreit nicht schon damals mit hysterischen Panikszenarien geführt, dann müsste der Osten heute nicht als "Dunkeldeutschland" firmieren.

Die Wahrnehmungsschemata der Neunziger, die jetzt reanimiert werden, verewigen die Zweiteilung, indem sie einen Teil Deutschlands als Problemzone abspalten. Sie kennen keine konfliktreiche Vorstellung von Gemeinwohl. So kehrt eine alte Parole in neuem Gewand zurück: "Problem, geh doch nach drüben!" Deutschland hat keinen inneren Orient und braucht auch keinen. Es braucht ein Selbstbild, das seiner Wirklichkeit entspricht.

© SZ vom 09.02.2019/phbo/luch/cat
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