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Oscarverleihung:Filmpreis im Stresstest

Bei der 91. Verleihung der Oscars am Sonntag stehen alte Traditionen infrage, die amerikanische Filmakademie will den Preis vor der Irrelevanz retten. Und die Buchmacher sind sich so uneinig wie lange nicht mehr.

Nichts scheint mehr sicher zu sein in diesen wilden Zeiten, aber auf eines kann man sich wohl verlassen: Wenn die Oscar-Show in der Nacht von Sonntag auf Montag losgeht, wird als Erstes eine wallende weiße Männermähne im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Die Band Queen startet die Gala - in der Form, wie sie heute eben noch existiert. Die Hauptlast einer gelungenen Eröffnung liegt demnach auf der unzerstörbaren Lockenpracht von Brian May. Und natürlich auf ein paar sehr erprobten Superhits, die den fünfmal nominierten Film "Bohemian Rhapsody" prägen und der versammelten Filmindustrie im Saal gleich ein gutes Gefühl vermitteln sollen: Wir werden das schon rocken! Und die Champions sind wir sowieso.

Ob das eine gute Idee ist? Eine starke Dosis breitbeinige Zuversicht scheint auf jeden Fall nötig zu sein in einem Jahr, in dem vorab für die Oscars fast alles schiefgelaufen ist. Der Komiker Kevin Hart, der moderieren sollte, sah sich wegen alter Tweets mit Vorwürfen der Homophobie konfrontiert und zog sich zurück. Ein neuer Moderator, der sich der akribischen Analyse seine Twitter-Witze aussetzen wollte, konnte nicht gefunden werden. Jetzt soll die Show quasi führungslos dahinschnurren, wenn sich nicht wilde Gerüchte bestätigen, dass im letzten Moment doch noch Whoopi Goldberg aus der Torte springt, die das Ding schon viermal vorher geschaukelt hat. Anlass ist, dass sie bei ihrem regulären Fernsehjob in den letzten Tagen fehlte - aber vielleicht ist sie wirklich nur krank.

Der Punkt ist: Man traut der Filmakademie von Hollywood, die sich in einem Abwehrkampf gegen drohende Irrelevanz wähnt, inzwischen nahezu jede Panikreaktion zu. Damit die Einschaltquoten der Gala nicht weiter fallen, wurde im August eine neue Kategorie für "Populären Film" verkündet - und dann wegen offensichtlicher Idiotie gleich wieder gestrichen. Dann sollten nicht alle Vorjahresgewinner auf die Bühne dürfen und nicht alle nominierten Songs gespielt werden - nach scharfen Protesten mussten die Planer auch da zurückzucken. Zuletzt verhinderte ein Aufschrei der Branche den Versuch, wichtige Kategorien wie Kamera und Schnitt in die Werbepausen zu verbannen.

Noch gilt der Oscar als wichtigste Auszeichnung im Filmgeschäft. Aber bleibt das auch so?

(Foto: AFP)

Es wird also doch sehr viel beim Alten bleiben im Jahr 2019, außer vielleicht in der allerwichtigsten Frage, wem die Mitglieder der Academy nun letztlich ihre Stimmen geben. Unter dem Druck, schnell weiblicher, diverser und jünger zu werden, wurde die Zahl der Oscarwähler stark aufgebläht, von etwa 6000 auf etwa 9000 Stimmberechtigte in wenigen Jahren. Ob das bei den Nominierungen bereits einen positiven Effekt hatte, ist umstritten, niemand kann ja die Einzelentscheidungen analysieren.

In der Kategorie Regie ist keine einzige Filmemacherin nominiert worden

Befürworter verweisen auf die All-Black-Extravaganza "Black Panther" mit sieben Nominierungen, der zugleich der erste Superheldenfilm in der Kategorie "Bester Film" ist. Im selben Rennen tritt "BlacKkKlansman" an, der Spike Lee auch seine erste Regienominierung überhaupt einbrachte, in einer Kategorie, die noch nie ein schwarzer Regisseur gewonnen hat. Die indigene mexikanische Schauspielerin Yalitza Aparicio aus "Roma" tritt als Beste Schauspielerin an, und Rami Malek, der dank seiner überzeugenden Vorstellung in "Bohemian Rhapsody" in der Riege der Hauptdarsteller mitmischt, hat ägyptische Wurzeln - um nur die wichtigsten Beispiele für wachsende Diversität zu nennen.

Wer noch nicht wirklich an Fortschritte glaubt, kann aber ebenfalls wieder schlagende Argumente ins Feld führen. Keiner der acht Besten Filme wurde von einer Frau inszeniert, keine Regisseurin ist nominiert. Der Film, der das am ehesten hätte ändern können, ist Marielle Hellers "Can You Ever Forgive Me?". Für dieses Werk bekam die Filmemacherin neben Melissa McCarthy (Beste Hauptdarstellerin) und Richard E. Grant (Bester Nebendarsteller) aber "nur" eine Nominierung als Drehbuchautorin.

Der stärkste Effekt der vergrößerten Mitgliederschaft scheint vorerst zu sein, dass sich niemand mehr ganz sicher ist, wie ihre Präferenzen zu lesen sind. Selbst professionelle Oscar-Orakel schwanken diesmal wild hin und her. Einigen können sie sich aber auf Glenn Close als Beste Darstellerin, obwohl ihr Film, "Die Frau des Nobelpreisträgers", sonst völlig unterging. Manchmal setzt sich wohl der Gedanke durch, dass diesmal eine Lebensleistung zu würdigen ist, und das Thema der missachteten Ehefrau passt in die "Me Too"-Ära.

Oscarnacht

Am Montagmorgen erscheint die digitale SZ aktualisiert mit den Gewinnern der Oscarnacht.

Beim Besten Darsteller setzen zwar viele auf Rami Malek und seinen eindrucksvollen Freddie-Mercury-Überbiss, bei den Buchmachern in Las Vegas aber liegt Christian Bale einen Hauch vor ihm - er hat sich etliche Kilos angefressen und völlig verwandelt, um Dick Cheney zu spielen. Solche Transformationen kamen zumindest in früheren Zeiten gut an. Konsens herrscht wieder beim Besten Nebendarsteller, wo Mahershala Ali aus "Green Book" der Favorit ist; bei der Nebendarstellerin schwanken die Prognosen zwischen der schwarzen Schauspielerin Regina King ("If Beale Street Could Talk") und der Britin Rachel Weisz aus "The Favourite". In der Kategorie Regie folgt man dem Mainstream, wenn man auf den Mexikaner Alfonso Cuarón setzt, Wetten auf Spike Lee gelten als womöglich profitable Außenseiterposition.

Die Schlüsselfrage allerdings wird wieder erst ganz am Schluss geklärt sein: Kann Cuarón sich mit seiner in Schwarz-Weiß und für Netflix gedrehten Kindheitserinnerungs-Elegie "Roma" nur als Bester fremdsprachiger Film durchsetzen (wo Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor" kaum Chancen eingeräumt werden)? Oder triumphiert er auch in der Königskategorie Best Picture, was Netflix endgültig als globalen Champion der anspruchsvollen Filmkunst etablieren würde?

Die Buchmacher sehen das als wahrscheinlichsten Ausgang an, aber niemand will ausschließen, dass sich dagegen der Widerstand des klassischen Hollywood formiert hat. In diesem Fall könnte der Sieg an Peter Farrellys "Green Book" gehen. Filme, in denen Schwarz und Weiß für eine bessere Welt ihre Konflikte vergessen, mag die Academy seit dem Sieg von "In der Hitze der Nacht". Das war vor fünfzig Jahren - und wäre ein Zeichen dafür, dass manche Traditionen dann eben doch bestehen bleiben.