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Oscarverleihung 2010:Eine Frage der Ehrung

Erzählerischer Mut oder gigantischer Kommerz, das 500-Millionen-Dollar-Spektakel oder der Underdog? Die Oscarverleihung wird zeigen, wo es mit Hollywood hingehen soll.

Aus deutscher Sicht ist natürlich klar, worum es geht, wenn am Sonntagabend im Kodak Theatre in Los Angeles die Oscars vergeben werden: Man muss zwei Österreichern die Daumen halten. Zum einen Michael Haneke und seinem historischen Drama Das weiße Band, immerhin eine deutsche Produktion. Und zum anderen natürlich Christoph Waltz, dem aussichtsreichsten Kandidaten für den Oscar als bester Nebendarsteller.

Waltz könnte für seine Rolle als fies-charmanter SS-Standartenführer Hans Landa in Tarantinos Inglourious Basterds gewinnen - in Babelsberg gedreht und damit auch irgendwie fast ein deutscher Film. Das weiße Band war lange Favorit in der Kategorie für den besten fremdsprachigen Film, seit dem Festival in Cannes trat er immer wieder gegen Jacques Audiards Knastdrama Ein Prophet an - und hat meistens gewonnen. Aber bei den Baftas, den britischen Filmpreisen, war vergangene Woche Ein Prophet der Sieger - und das Rennen ist somit wieder offen.

Was die Hauptkategorien betrifft, wird einem die Entscheidung, wem man Glück wünschen soll, in diesem Jahr ungewöhnlich schwer gemacht. Das beginnt schon mit der Zahl der Kandidaten: Erstmals gibt es zehn Nominierungen für den Besten Film, die Abstimmungsmodalitäten wurden geändert - und nach einigen Jahren, in denen es keine klaren Favoriten gab, gibt es in diesem Jahr so eine Art Favoritenflut. James Camerons Avatar und Kathryn Bigelows Tödliches Kommando - The Hurt Locker haben jeweils neun Nominierungen, Inglourious Basterds acht und Jason Reitmans Up in the Air immerhin sechs.

Es gilt als einigermaßen wahrscheinlich, dass der Oscar für den besten Hauptdarsteller trotzdem an einen ganz anderen Film geht: an das kleine Countrymusik-Drama Crazy Heart, in dem Jeff Bridges einmal mehr beweist, dass er einer der besten Schauspieler ist - und weil das bisher nie honoriert wurde, haben Konkurrenten wie George Clooney, für Up in the Air, und Morgan Freeman, für seinen Mandela in Eastwoods Invictus, schlechte Chancen.

Im Kino ist alles erlaubt

Um das große Abräumen konkurriert eine eklektische Auswahl, in der fast alle gegenwärtigen Strömungen des Hollywood-Kinos vertreten sind: Avatar ist ein klassisches Breitwand-Epos in der Ben Hur-Tradition, The Hurt Locker ein modernes Actiondrama mit aktuellem politischen Bezug, es geht um den Irakkrieg.

Up in the Air und Inglourious Basterds sind im Grunde beide aus der großen Independent-Ära der Neunziger geboren. Die Independents haben damals versucht, allen voran Tarantino selbst, das amerikanische Kino aus der Filmgeschichte heraus neu zu erfinden, immer nach der Devise, dass im Kino zunächst einmal alles erlaubt ist - und so hat er ja im Grunde auch seine Basterds gemacht.

Jason Reitman, der in den Neunzigern noch ein Schulkind war, führt eher die Tradition der Ostküsten-Intellektuellen weiter, die Suche nach einem Kino, das nicht von anderen Filmen, sondern von der Welt erzählt. Die Entscheidung der Academy-Mitglieder wird verraten, auf welchem Weg Hollywood sich selbst zur Zeit, nach der Finanzkrise, wähnt: ob die Zukunft noch Platz hat für Experimente und erzählerischen Mut, oder ob man sein Heil allein in technischer Erneuerung und gigantischem Kommerz sucht - dafür steht Avatar. James Camerons 500-Millionen-Dollar-Spektakel in 3D ist mindestens, je nach Zählweise, der erfolgreichste der letzten zehn Jahre.

Doch oft hat die Academy auch ein Herz für die Underdogs. The Hurt Locker von Camerons Ex-Ehefrau Kathryn Bigelow war nicht gerade ein Kassenknüller, und schon die Finanzierung muss mühsam gewesen sein. Es geht um ein Team von Bombenspezialisten in Bagdad, um Männer, die permanent ihr Leben riskieren und das nur schaffen, weil sie aus ihrem suizidalen Job ein cooles Spiel machen. Bigelow ist, wie auch Cameron, zusätzlich für den Regie-Oscar nominiert, als vierte Frau in 81 Oscar-Zeremonien, und gewänne sie, wäre sie glatt die erste. Steht man also auf der Seite der Missachteten - dann ist eigentlich völlig klar, wem man am Sonntagabend den Sieg wünscht.

Das ist schlechter Stil

Aber Bigelows Produzent Nicolas Chartier hat die Sache unnötig kompliziert gemacht: Weil er offensichtlich wenig Vertrauen in seine Außenseiterchancen hatte, verschickte er im Vorfeld der Abstimmung im Februar Emails an Academy-Mitglieder mit der Aufforderung, für Hurt Locker zu stimmen und nicht für einen 500-Millionen-Dollar-Film. War schon klar, welchen Film er damit meint, aber Chartier setzte noch einen drauf - es folgte eine weitere E-Mail mit der Bitte, auf dem Stimmzettel The Hurt Locker auf Platz 1 zu setzen und Avatar auf Platz 10. Die Academy reagierte mit Entgeisterung - das ist nicht einfach nur schlechter Stil, eine solche Beeinflussung von Mitgliedern ist laut Statut verboten.

Er habe das als erstmals Nominierter nicht gewusst, entschuldigte sich Chartier - man möchte fast behaupten, das könne nicht sein Ernst sein. Hat er am Ende diese Kontroverse nur angezettelt, damit er am Montag einen Grund für die nun doch recht wahrscheinliche Niederlage benennen kann?

Auf jeden Fall hat Nicolas Chartier damit geschafft, sich selbst aus der Oscar-Zeremonie zu verbannen - die Academy hat ihm den Besuch der Veranstaltung am Sonntagabend wegen Regelverletzung untersagt. Und am Montag wird voraussichtlich noch etwas anderes passieren, das dem Image des Films ebenfalls bereits geschadet hat - da wird ein Irakkriegsveteran Klage gegen die Produzenten einreichen.

Worum es geht? Selbstinszenierung

Der Drehbuchautor und Journalist Mark Boal hatte den Soldaten bei seinen Recherchen unter den Bombenspezialisten der Army kennengelernt - und der Kläger behauptet nun, The Hurt Locker sei sozusagen die Geschichte seines Lebens, viele Details seien direkt von ihm übernommen worden. Man muss den Hurt Locker-Schöpfern eines lassen: Der Film macht jetzt, anderthalb Jahre nach seiner Fertigstellung, wesentlich mehr von sich reden als seinerzeit, als er im Kino lief.

Am Ende hat der verbannte Chartier einfach nur verstanden, worum es bei den Oscars wirklich geht: um Selbstinszenierung, um die größte Show des Jahres. Ob man gewinnt, ist zweitrangig, solange man einen spektakulären Auftritt hatte. Was Chartier nun auf jeden Fall entgeht, ist ein halbes Stündchen im Green Room, hinter der Bühne des Kodak Theatre, in den sich die Oscar-Gäste auf einen Drink zurückziehen können und die Show auf dem Bildschirm weiter anschauen. Ein Rückzug à la Hollywood, echte Selbstdarsteller machen keine Pausen: an der Tür gibt es eine Make-Up-Station, und der Raum selbst ist voller Spiegel.