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Oscars:Harmonie-Rhapsodie

Ein unmoderierter Abend ohne klaren Sieger, bei dem die Netflix-Produktion "Roma" im letzten Moment von der Buddykomödie "Green Book" gebremst wird - das war die 91. Oscarverleihung.

Reed Hastings, der Gründer des Streaming-Giganten Netflix, ist für seine Winner-takes-it-all-Mentalität bekannt. Die 91. Oscarverleihung im Dolby Theatre in Los Angeles sollte sein Abend werden, der Moment seiner endgültigen Machtergreifung in Hollywood. Dafür hatte er Millionen in die Werbung gesteckt, um seine Produktion "Roma" zum besten Film zu machen, und dafür hatte er die Oscar-Kampagnen-Strategin Lisa Taback, der man im Filmgeschäft wahre Wunderdinge zutraut, extra vom Markt weggekauft und in seine Firma geholt.

Geholfen hat es am Ende nichts, es gewann der Konkurrent "Green Book". Und obwohl die etwa 9000 Mitglieder der Academy ihre Entscheidung natürlich nicht untereinander abstimmen können, spricht viel dafür, dass sie mit dieser Wahl auch die Tradition der großen Leinwand sichern wollten, die Netflix mit seinem Kino-im-Wohnzimmer-Modell derzeit angreift. "Green Book" ist ein klassisches Buddy Movie über eine Freundschaft zwischen Schwarz und Weiß im rassistischen Süden der Sechzigerjahre, so klassisch, dass böse Zungen nun sagen, die Achtzigerjahre-Kinoschnulze "Driving Miss Daisy" habe quasi zum zweiten Mal den Oscar gewonnen.

Mit einem echten Jubelruf verkündete Samuel L. Jackson den Sieg seines Freundes Spike Lee

Das ist nicht ganz fair, "Green Book" weiß seine beiden Hauptfiguren, ihre Stärken und Defizite sehr viel smarter gegeneinander auszubalancieren als frühere Melodramen über die Freundschaft zwischen den Rassen. Vor allem hat es der Film geschafft, sich trotz einer Welle schlechter Presse zu behaupten. Im Vorfeld tauchten alte rassistische Tweets eines der Drehbuchautoren auf, dann musste sich der Regisseur Peter Farrelly für Penis-Streiche aus seiner Vergangenheit entschuldigen, schließlich zweifelte die Familie des verstorbenen, im Film porträtierten Piano-Virtuosen Don Shirley die Wahrhaftigkeit der Geschichte an und sah sein Erbe beschädigt.

Oscars 2019 - 91. Academy Awards

Weil kein Moderator zu finden war, eröffneten die Veteranen von „Queen“ die Oscar-Show – und Freddie Mercury grüßte aus dem Jenseits.

(Foto: Invision/AP)

Wenn man allerdings weiß, wie hart Oscar-Kampagnen-Strategen für ihr Geld arbeiten, und wie sehr es dabei dazugehört, auch Recherchen über die Konkurrenz zu beauftragen, um diese in der Presse denkbar schlecht aussehen zu lassen - dann wirkt dieser Sieg im Nachhinein fast wie eine Unabhängigkeitserklärung der Academy. Wir urteilen hier immer noch über die Filme selbst, scheinen die Oscar-Wähler zu sagen - und "Green Book" hat uns halt einfach gefallen. So ging dann ein Abend zu Ende, der ohne Moderator auskam - Kevin Hart hatte zurückgezogen, als er wegen homophober Tweets in die Kritik geriet -, ohne besondere Peinlichkeiten, aber auch ohne besondere Höhepunkte.

Über völlige Missachtung kann das "Roma"-Team nun auch nicht klagen, schon gar nicht dessen Mastermind Alfonso Cuarón. Der war als sein eigener Kameramann nominiert, als Regisseur des besten fremdsprachigen Films, als bester Regisseur und als Produzent des besten Films. In so vielen Rollen für dasselbe Werk anzutreten, das gab es noch nie. Und bis auf die letzte, die Königskategorie, hat Cuarón auch alles gewonnen, wobei er unter anderem Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem "Werk ohne Autor" keine Chance ließ. "Hier oben zu stehen, wird nie langweilig", sagte der Mexikaner bei seiner dritten Dankesrede.

Die größte Überraschung des Abends kam, als die beste Hauptdarstellerin ausgerufen wurde - und dann nicht der Name fiel, der vorab als sicherster Oscar-Tipp überhaupt galt: Glenn Close. Der Sieg ging stattdessen an die Engländerin Olivia Colman, die in "The Favourite" sehr eindrucksvoll Queen Anne spielt - eine Monarchin voller Trauer und Selbzweifel, ohne jede Lust aufs Regierungsgeschäft, aber besessen von ihren höfischen Gespielinnen und gerade in ihrer Sprunghaftigkeit ziemlich grausam. Eine einzigartige Performance, aber Colman wirkte bei ihrer Dankesrede doch total überrascht und sehr echt.

Recht bemerkenswert waren auch die Blicke, die Lady Gaga und Bradley Cooper sich beim gemeinsamen Singen ihres Duetts "Shallow" zuwarfen, das dann auch als bester Song gewann. Muss man so viel Innigkeit wirklich schauspielern, um die Liebesbotschaft des gemeinsamen Werks "A Star Is Born" noch einmal zu transportieren? Das fragte sich die Welt in diesem Augenblick nicht zum ersten Mal. Bradley Coopers Frau, die neben ihm in der ersten Reihe immer wieder eingeblendet wurde, schien angesichts dieses Spektakels jedoch noch erstaunlich entspannt.

Info

Die Oscars 2019

Bester Film: "Green Book - Eine besondere Freundschaft"

Beste Schauspielerin: Olivia Colman, "The Favourite - Intrigen und Irrsinn"

Bester Schauspieler: Rami Malek, "Bohemian Rhapsody"

Bester Regisseur: Alfonso Cuarón, "Roma"

Beste Nebendarstellerin: Regina King, "Beale Street"

Bester Nebendarsteller: Mahershala Ali, "Green Book"

Bester fremdsprachiger Film: "Roma" (Mexiko)

Bestes Original-Drehbuch: "Green Book" (Nick Vallelonga, Brian Currie und Peter Farrelly)

Bestes adaptiertes Drehbuch: "BlacKkKlansman" (Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott und Spike Lee)

Bester Song: "Shallow" aus "A Star Is Born" (Lady Gaga, Mark Ronson, Anthony Rossomando und Andrew Wyatt)

Beste Kamera: Alfonso Cuarón, "Roma"

Bester Animationsfilm: "Spider-Man: A New Universe" (Bob Persichetti, Peter Ramsey, Rodney Rothman, Phil Lord und Christopher Miller)

Beste Musik: "Black Panther" (Ludwig Goransson)

Bestes Kostümdesign: "Black Panther" (Ruth Carter)

Bestes Szenenbild: "Black Panther" (Hannah Beachler, Jay Hart)

Bester Sound-Schnitt: "Bohemian Rhapsody" (John Warhurst, Nina Hartstone)

Bester Sound-Mix: "Bohemian Rhapsody" (Paul Massey, Tim Cavagin, John Casali)

Bester Filmschnitt: "Bohemian Rhapsody" (John Ottman)

Bester Animationskurzfilm: "Bao" (Domee Shi und Becky Neiman-Cobb)

Beste Kurzdokumentation: "Period. End of Sentence" (Rayka Zehtabchi)

Beste visuelle Effekte: "First Man" (Paul Lambert, Ian Hunter, Tristan Myles und J.D. Schwalm)

Bester Kurzspielfilm: "Skin" (Guy Nattiv und Jaime Ray Newman)

Bester Dokumentarfilm: "Free Solo" (Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin u.a.)

Bestes Make-up und Haarstyling: "Vice - Der zweite Mann" (Greg Cannom, Kate Biscoe und Patricia Dehaney)

Weitere Funken sprangen über, als Barbra Streisand eine tief empfundene Laudatio auf Spike Lee und seinen Film "BlacKkKlansman" hielt, und als Lee den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewann - verkündet mit einem echten Jubelruf von seinem Freund Samuel L. Jackson. Dann kam der Pionier des schwarzen Kinos auf die Bühne, ganz in Violett gekleidet, inklusive einer Art Kapitänsmütze, offenbar eine Hommage an Prince, außerdem trug er zwei wuchtige goldene Schlagringe mit den Worten "Love" und "Hate" über den Fingern. Das war dann nicht der erste Regie-Oscar für einen schwarzen Filmemacher, den viele erhofft hatten, aber doch Lees erster Sieg überhaupt und damit Anlass genug. Er bedankte sich mit einer Art Gedicht, das bis zur Sklaverei zurückreichte, aber auch die Wahlen 2020 schon einschloss: "Wir müssen eine moralische Wahl zwischen Liebe und Hass treffen. Let's do the right thing", rief er, eine Hommage an den eigenen berühmten Filmtitel.

Ein Superheldenfilm als "bester Film"? So schnell wird das nicht passieren

Wesentlich politischer wurde der Abend dann nicht, auch wenn Immigration ein wiederkehrendes Thema war. Rami Malek, der sich für die Queen-Hommage "Bohemian Rhapsody" in das Bühnenmonster Freddie Mercury verwandelt hatte, wurde als bester Darsteller geehrt und erinnerte daran, dass er ein Amerikaner "der ersten Generation" sei, mit aus Ägypten stammenden Eltern, und als Kind um "seine Identität gerungen" habe. Er sprach allen Immigranten Mut zu, ihre eigene Geschichte zu schreiben wie Freddie Mercury.

Fortschritte in Sachen Diversität waren auch sonst zu spüren, sowohl bei den Paten auf der Bühne als auch in den Nebenrollen-Kategorien, wo Mahershala Ali und Regina King gewannen, und bei den Oscars für Szenenbild und Kostüm. Sie gingen an Hannah Beachler und Ruth Carter, zwei schwarze Frauen, die entschieden mitgeholfen haben, den Film "Black Panther" zum stilbildenden Blockbuster-Ereignis des Jahres zu machen. Als sie kurz hintereinander gewannen, sah es für einen Moment so aus, als könne "Panther" sogar einen Durchmarsch bis zum besten Film starten - aber da muss wohl noch eine ganze Generation wechseln, bevor die Academy bereit ist, einen Superheldenfilm mit höchsten Oscar-Ehren zu bedenken.

Der Sprung des Panthers reichte dann immerhin noch bis zur besten Filmmusik, für die ein sehr weißer, langhaariger Jüngling namens Ludwig Goransson auf die Bühne kam. Wie der wohl in das durchgehend afrikanisch inspirierte "Panther"-Universum geraten war, fragte man sich - und bekam die Antwort in seiner Dankesrede. Goransson und der bei den Nominierungen missachtete "Panther"-Regisseur Ryan Coogler kennen sich aus Studententagen, vom ersten Kurzfilm. Und das klang dann wirklich einmal wie eine Freundschaftsgeschichte zwischen Schwarz und Weiß, die über jeden Hollywood-Kitschverdacht erhaben war.