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Oscars 2010:Ein Bart für alle Fälle

Wer so viele Verlierertypen gespielt hat wie Jeff Bridges, braucht keine Rasierklingen mehr. Matt Damon liegt im Rennen um die Oscars deutlich hinter ihm: Er züchtet mit mäßigem Erfolg einen Schnurrbart.

Wenn am kommenden Sonntag im Kodak Theatre von Los Angeles die Oscars verliehen werden, dann gehört der rote Teppich naturgemäß den schönen Frauen. Etablierte Marken wie Kate Winslet, Penélope Cruz, Helen Mirren oder Sandra Bullock zählen zu den routinierten Kandidaten im Rennen für die beste weibliche Haupt- und Nebendarstellerin, und doch sind Überraschungen zu erwarten - schließlich stehen auch die modisch eher unbedarfte Theaterschauspielerin Carey Mulligan, die gewichtige Kinodebütantin Gabourey Sidibe und die nicht minder imposante Komödiantin Mo'Nique auf der Liste. Old Hollywood trifft also in gewisser Weise das pralle Leben; das Idealmaß muss neu definiert werden. In diesem Jahr darf man vor allem eines nicht sein: allzu glatt.

Bei den Männern ist die Lage ähnlich, aber auch ganz schön verworren. Irgendwie scheinen die Academy-Mitglieder, die letztlich über die Preisträger entscheiden, Gefallen an einem gewissen Typ gefunden zu haben. Man sehnt sich nach Kerlen, die ihre raue Seite nach außen kehren. Oder sind es die Nominierten selbst, die auf gar keinen Fall geschleckt wirken wollen? Erstaunlich ist es schon, dass in den Sparten "Beste Hauptrolle" und "Beste Nebenrolle" von zehn Kandidaten acht einen Bart tragen - nicht nur, weil die nächste Filmrolle das so vorsieht. Nein, man geht unrasiert aus Überzeugung. Hollywood bekennt sich zum Bart; zuweilen nimmt das schon groteske Formen an. Aus dem gefeierten Frauenschwarm, Glamourgatten und Großfamilienvater Brad Pitt ist zeitweise ein zotteliger Hollywood-Ayatollah geworden, an dessen Bartwirbeln eine ganze Christbaumdekoration Platz hätte.

Wie man einen Bart mit Würde und Verantwortungsgefühl trägt, beweist hingegen George Clooney. Okay, im Oscar-nominierten Film Up in the Air ist der Schauspieler glattrasiert unterwegs, aber die Geschichte spielt ja auch in der Beraterbranche, in der Bärte ein Entlassungrund sind. Wenn Clooney dagegen semiprivat als Bonvivant, Frauenfreund und Wohltäter aktiv ist, dann trägt er einen perfekt getrimmten, leicht angegrauten Zehn-Tage-Schatten um sein ebenmäßiges Kinn. Damit ist Clooney stilprägend. Auch sein österreichischer Kollege Christoph Waltz, der sich nun schon seit Wochen als verkanntes, erst von Quentin Tarantino aus der Tiefe des deutschsprachigen TV-Schwachsinns entrissenes Genie feiern lässt, hält nichts mehr von der täglichen Rasur. Ein Mann seines Formats braucht einen Vollbart, so wie die spätromantischen Künstler der versunkenen k.u.k.-Monarchie.

Kommen wir zum Favoriten im Rennen um den besten Hauptdarsteller. Es ist ein Mann im besten Alter, garantiert botoxfrei und schon so verlebt, dass er als versoffener Country-Sänger in Crazy Heart eine Idealbesetzung ist. Wer so viele Verlierertypen wie Bridges gespielt hat, braucht keine Rasierklingen mehr. Man kann darauf wetten, dass sein Kollege Morgan Freeman, ein weiterer Bartträger mit Oscar-Ambitionen, in diesem Jahr leer ausgeht - gegen Bridges hat er wohl wenig Chancen. Zwei weitere Konkurrenten, Matt Damon und Jeremy Renner, liegen im Wettbewerb deutlich hinten: Matt Damon züchtet gerade mit mäßigem Erfolg einen Schnurrbart, während sich in Renners Gesicht nur ein Flaum abzeichnet.

Kinofreunde werden sich dagegen wundern, wenn der kanadische Schauspieler Christopher Plummer am Sonntagabend ohne seinen Rauschebart auftaucht, den er noch als Hauptdarsteller im Tolstoi-Film "Ein russischer Sommer" trug. Ein Gentleman-Actor wie Plummer braucht eben keine Maskerade - bei ihm wirkt auch die nackte Wange.

Im Video: Johnny Depp als Hutmacher im Wunderland, Jürgen Vogel als DDR-Volkspolizist, Jeff Bridges als Looser und George Clooney als Ziegenflüsterer - keine Frage, die Stars der neuen Kinofilme machen diese Woche so einiges durch.

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