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Oscar-Moderator Neil Patrick Harris:Zaubermeister ohne Magie

Moderator Neil Patrick Harris bei der Oscar-Verleihung 2015

Moderator in Grobripp-Unterhosen der Marke Karlheinz: Neil Patrick Harris bei der Oscar-Verleihung 2015.

(Foto: AP)

Zu viele Akteure mit ernsten Anliegen: Neil Patrick Harris war Gastgeber einer Oscar-Verleihung, die ihm kaum Angriffsflächen bot. Seine Magie verpuffte - trotz manch originellem Gag.

Natürlich ist das Moderieren der Oscars ein russisches Roulette für die Reputation - mit dem Unterschied, dass nicht nur eine Kammer des Revolvers, sondern alle bis auf eine mit Patronen gefüllt sind. Dem Hobbymagier Neil Patrick Harris wurde jedoch zugetraut, den Projektilen nicht nur in matrixesker Heldenhaftigkeit auszuweichen, sondern sie womöglich gar aufzuhalten.

Der Mann scheint der geborene Gastgeber zu sein, er hat vier Emmy-Verleihungen und zwei Tonys wunderbar moderiert. Die Academy Awards jedoch, sie fühlten sich an wie ein endlos langer Zaubertrick, dessen Ta-daaa-Moment so zündend ist wie ein nass gewordener Silvesterkracher.

Oscar-Gewinner in Bildern

Viermal erstes Mal

Als unglücklich erwies sich etwa seine Entscheidung, den Lottozahlen-Trick David Copperfields auf die Oscars anzuwenden. Zum Repertoire des US-Zauberers gehört das scheinbare Vorhersagen der richtigen Lotto-Zahlen. Ganz ähnlich behauptete Harris nun, die Oscar-Preisträger schon vorher zu kennen.

Leider persiflierte er sich damit selbst, hatte er doch in seiner - durchaus gelungenen - Musical-Nummer zu Beginn ohne jede Ironie von der Macht der Bilder und der illusorischen Kraft des Films geschwärmt. Und dann wollte er diese Menschen, die "Interstellar" erschaffen haben und Eddie Redmayne so aussehen lassen wie Stephen Hawking, mit diesem Zaubertrick übertölpeln?

Mehr noch: Er baute seine komplette Moderation darauf auf. Wann immer ein einstudierter Witz nicht so recht zünden wollte, sollte die Kiste mit den Prognosen wieder herhalten. Doch die Lacher aus dem Publikum darüber blieben oft aus, was Harris zunehmend verunsicherte, bis er vor lauter Verkrampfung das Bommel-Kleid von Oscar-Gewinnerin Dana Perry ("It takes a lot of balls to wear a dress like that") auf die Schippe nahm. Ja, das ist lustig - nur hatte Perry gerade über den Suizid ihres Sohnes gesprochen.

Kaum lustige Steilvorlagen

Es fehlte jener Moment, der in Erinnerung bleiben wird wie im vergangenen Jahr das Promi-Selbstporträt und der Pizzajunge. Das lag auch daran, dass die Gewinner in diesem Jahr arg bedeutungsschwanger daherkamen und deshalb kaum Angriffsfläche boten. Sie mahnten, sie erinnerten, sie gedachten. Sie brachten ernsthafte Botschaften mit, keine lustigen Steilvorlagen für einen Moderator, der bekannt ist für seine Improvisationsgabe und sein vielseitiges komödiantisches Talent.

Dieses Talent deutete Harris durchaus an, mit einer "Birdman"-Persiflage etwa, als er plötzlich in weißen Grobripp-Unterhosen der Marke Karlheinz auf der Bühne stand, oder als er Matt Damon und Ben Affleck auf den Arm nahm, sich während seines Einstands an Sharon Stones legendärem Basic-Instinct-Moment abarbeitete und Kanye West einen Seitenhieb verpasste, weil der Rapper bei den Grammy Awards mal wieder unangenehm aufgefallen war. Das war witzig und spritzig.

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Nein, Neil Patrick Harris war kein schlechter Moderator, er war der Gastgeber einer (wegen der Selma-Thematik) kniffligen Veranstaltung, der die Protagonisten unbedingt politisches Gewicht geben wollten. Der Gastgeber musste sich mit Show-Einlagen herumschlagen, die zu lang geraten waren - etwa durch die Einspielung sämtlicher nominierter Soundtracks, der zu langen Einspieler der nominierten Filme und der immer noch zu langen Märsche von Laudatoren und Gewinnern. Die Erwartungen an Harris waren hoch - vielleicht waren sie zu hoch.

Harris, 41, ist nicht Ellen DeGeneres, er ist (noch) nicht Billy Crystal. Er ist aber auch kein Seth McFarlane oder James Franco. Er wird diese Veranstaltung wohl noch einmal moderieren dürfen - womöglich kommt er irgendwann gar in die Nähe von Bob Hope, dem "König der Oscars". Er hat das russische Roulette der Reputation überlebt, er darf ein zweites Mal spielen. Dann aber müssen Projektile durch das Dolby Theatre sausen und jede Zielscheibe treffen.

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