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Oscar-Moderator Neil Patrick Harris:Der darf fast alles

Neil Patrick Harris

"Fucking lustig": Neil Patrick Harris gilt als Hollywoods Goldjunge.

(Foto: dpa)

Neil Patrick Harris moderiert am Sonntag die Oscarverleihung. Eine heikle Ehre. Viele vermeintliche Rampensäue haben sich hier schon blamiert. Doch dieses Jahr macht sich niemand Sorgen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es ist nur ein Wort, mehr braucht es nicht, um die Oscar-Nominierten zu erschrecken. Da sitzen sie, im Beverly Hilton, und laben sich an arktischem Saibling und kalifornischem Mandelkuchen, sie gratulieren sich gegenseitig zu ihren schauspielerischen Leistungen der vergangenen Monate und versuchen jede Form von Nervosität wegzulächeln. Dann kommt Neil Patrick Harris auf die Bühne und sagt das einzige Wort, das auf so einer Veranstaltung tabu ist. Er sagt "Fuck".

Marion Cotillard guckt kurz entsetzt zu Bradley Cooper, doch der beginnt sofort laut zu lachen und zu klatschen. Alle lachen und klatschen. Vielleicht deshalb, weil Harris nicht wütend "Fuck" gebrüllt, sondern freundlich lächelnd erklärt hat, dass die Oscar-Verleihung in diesem Jahr "fucking hilarious" werden würde. Also weniger Schimpfwort als vielmehr positives Ausrufezeichen. Vielleicht lachen und klatschen sie aber auch, weil sich Harris derzeit so ziemlich alles erlauben kann. Er ist der Goldjunge der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Und man kann durchaus davon ausgehen, dass die von ihm moderierten Academy Awards in diesem Jahr verflucht lustig sein werden. Wie schon die Tony Awards für Theater- und Musicaldarbietungen (2009, 2011, 2012, 2013) und die Emmys fürs Fernsehen (2009 und 2013).

Augenblicke fürs Langzeitgedächtnis

Die Präsentation der mindestens drei Stunden dauernden Oscarverleihung, die weltweit etwa eine Milliarde Menschen live verfolgen werden, gilt als eine kniffligsten Aufgaben im Showgeschäft. Der Grat zwischen gelungen und daneben, zwischen Selbstbeweihräucherung (Seth McFarlane, 2013) und Unsichtbarkeit (James Franco, 2011), langweilig (David Letterman, 1995) und überdreht (Whoopi Goldberg, 1994 und 1996), zwischen lustig (Billy Crystal, acht Mal zwischen 1990 und 2004) und schrecklich (Billy Crystal, 2012) ist bei dieser Veranstaltung denkbar schmal.

"Ich habe mir die Sendungen der letzten Jahre angesehen - was sie erreicht haben und was noch für mich übrig ist", sagt Harris: "Wir versuchen, Ideen zu entwickeln, die sowohl die Leute im Saal als auch die Menschen daheim unterhalten." Kurzweilig soll es werden, klar, aber auch mit Augenblicken fürs Langzeitgedächtnis. So wie das berühmte Gruppen-Selfie der Stars im vergangenen Jahr oder der Auftritt des aufgeregten Pizzaboten, der live im Saal Essen verteilen durfte. Das waren typische Momente der damaligen Moderatorin Ellen DeGeneres: scheinbar spontan und doch perfekt choreografiert, vordergründig schüchtern, aber mit bösen Sprüchen garniert.

Auf Gehässigkeiten will Harris indes verzichten: "Wer hat Lust auf Häme, wenn er für einen verdammten Oscar nominiert ist?"

Die Unterhaltungsindustrie liebt Harris. Der Kerl singt, tanzt, zaubert - und lebt skandalfrei

Einen typischen Neil-Patrick-Harris-Moment gibt es nicht. Der 41-Jährige kann auf viele Arten glänzen. Der Mann kann singen, tanzen, er kann Stand-up, er kann sogar zaubern. Harris gehört auch zu den wenigen Künstlern, die selbst für einen Emmy, einen Grammy und für Golden Globes in den Kategorien Film und Fernsehen nominiert waren. Das allein erklärt jedoch noch nicht, warum die Zeitschrift Entertainment Weekly in dieser Woche ein goldenes Gesicht von Harris auf den Titel gepackt und ihn als "Hollywoods Goldjungen" bezeichnet hat.

Es hilft, mal selbst bei einem seiner Auftritte dabei gewesen zu sein, um zu verstehen, warum ihn alle mögen. Anfang 2014 im Dolby Theater in Hollywood: Die Darsteller der auch in Deutschland erfolgreichen Sitcom "How I Met Your Mother" lassen sich beim Paleyfest feiern, Harris ist aus New York zugeschaltet, sein Fehlen begründet der Darsteller mit den Proben für das Broadway-Musical "Hedwig and the Angry Inch" (für seine dortige Rolle als ostdeutsche Transsexuelle wird er später mit einem Tony ausgezeichnet).

Harris beendet das Skype-Gespräch zwischen Ost- und Westküste, ruft aber 30 Minuten später noch mal an. "Jetzt habe ich doch wirklich vergessen, mich bei Pam Fryman zu bedanken", sagt er über eine der Regisseurinnen und Produzentinnen der Serie. Und weiter: " Wie konnte mir das nur passieren? Sorry! Sorry! Sorry! Pam, Du bist die Beste!" Dann legt er auf.

Er will, das fällt auf, gemocht werden

Eine kleine Geste, gewiss. Niemandem, außer vielleicht Fryman selbst, wäre aufgefallen, dass Harris die Kollegin vergessen hatte. Doch nun bemerkte jeder im Saal, wie wichtig es ihm war, sich wirklich bei jedem zu bedanken. Er ist der liebe Kerl von Hollywood - und das vielleicht nicht nur aus Berechnung. Er will nicht polarisieren oder verstören. Er will, das fällt auf, gemocht werden. Natürlich mag in Los Angeles offiziell jeder jeden. Doch Harris mögen die Kollegen sogar dann, wenn die Aufnahmegeräte ausgeschaltet sind und das Lästern beginnt. Über den Goldjungen lästert niemand.

Harris wird in die Kaste der Hollywood-Berühmtheiten nicht hineingeboren, er stammt aus Albuquerque in New Mexico, die Eltern sind Anwälte und besitzen ein Restaurant. Der Sohn kommt jedoch früh mit der Unterhaltungsindustrie in Berührung. Von 1989 an spielt er den minderjährigen Arzt Doogie Howser in der gleichnamigen Fernsehserie, er wird zum Teeniestar, er spielt in Kinofilmen ("Starship Troopers"), Serien ("Will and Grace") und Broadway-Stücken ("Proof") mit. Weltweit bekannt wird er schließlich durch die Rolle des Schwerenöters Barney Stinson, die er von 2004 an in "How I Met Your Mother" verkörpert. Harris gibt den oberflächlichen Frauenhelden, das Schlitzohr mit einem, natürlich, goldenen Herzen. Das Internet ist bis heute voll mit Barneys Lebensweisheiten.

Präsent, ohne aufdringlich rüberzukommen

Die Frauenheldenrolle war schon deshalb lustig, weil Harris bereits seit 1989 weiß, dass er schwul ist. Auch dazu gibt es eine goldige Geschichte. Harris spielte in einer Folge der Krimiserie "B.L. Stryker" mit. Hauptdarsteller: Burt Reynolds. Der habe ihn nach einer Szene auf den Mund geküsst. "Die Mitarbeiter dachten, dass es ziemlich lustig war", schreibt Harris in seiner Autobiografie. Aber ihm sei das unangenehm gewesen: "Ein Kuss von Burt Reynolds lässt dich schwul werden."

2006 macht er seine sexuelle Neigung öffentlich, 2014 heiratet er seinen Kollegen David Burtka. Mittlerweile leben die beiden in Harlem, zusammen mit ihren von einer Leihmutter ausgetragenen Zwillingskindern Gideon Scott und Harper Grace. "Wir haben Sperma von mir und David in zwei Eier gepflanzt. Wie durch ein Wunder haben beide funktioniert", sagt Harris: "Wir sind beide Eltern, und ich liebe beide Kinder bedingungslos."

Es sind diese zuckersüßen Geschichten und das Fehlen jeglicher Skandale, die Harris so beliebt machen. Dazu kommt ein geschickter Umgang mit der Öffentlichkeit. Harris ist präsent, ohne aufdringlich rüberzukommen.

"Die schauen alle so weiß aus."

Direkt vor den Oscars etwa gibt es keine Pressekonferenz, die öffentlichen Auftritte sind dosiert und kurz. Harris nennt in Entertainment Weekly seine Lieblingsfilme (darunter den Kinderklassiker "Die Goonies"), er lässt Architectural Digest sein Haus filmen. Dazu immer wieder mal kurze Ankündigungen auf der Oscars-Homepage: "Es wird eine musikalische Einlage geben, es könnte auch etwas Magie vorkommen." Das war's.

Vermeintliche Affronts werden als Streiche eines Schlawiners gewertet. Direkt nach dem Mittagessen im Beverly Hilton etwa veröffentlichte Harris ein Selbstporträt mit den Nominierten und schrieb darunter: "Die schauen alle so weiß aus." Ein Hinweis darauf, dass die Nominierungen in diesem Jahr doch recht hellhäutig ausfielen: unmissverständlich, aber zugleich nicht aggressiv, sondern witzig. Das ist Neil Patrick Harris.

Bei der Oscar-Verleihung haben übrigens erst zwei Menschen live "Fuck" gesagt: 2011 passierte es der Schauspielerin Melissa Leo, ein Jahr später dem Regisseur T. J. Martin. Beide mussten sich danach entschuldigen. Es wird ganz sicher einen Neil-Patrick-Harris-Moment geben bei dieser Oscar-Verleihung. Nur welchen? Vermutlich würde Hollywood sogar lachen, wenn er auf der Bühne die F-Bombe zünden würde. Der Goldjunge darf das.

© SZ vom 21.02.2015/khil
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