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"Fast hell" von Alexander Osang:Überall, nur nicht hier

Literaturdienst - Autor Alexander Osang

Der Reporter und Schriftsteller Alexander Osang, 1962 in Ostberlin geboren.

(Foto: Jens Kalaene/Picture Alliance/dpa)

Von einer spezifisch ostdeutschen Unmöglichkeit, in Deutschland anzukommen, erzählt Alexander Osang in seinem auch autobiografischen Buch "Fast hell".

Von Cornelius Pollmer

Neulich war der Reporter Alexander Osang in einer Büchersendung des MDR zu Gast und sagte, beim Spiegel würden nicht sehr viele Ostdeutsche arbeiten. Die westdeutsche Moderatorin Susanne Fröhlich warf auf diese Feststellung etwas zurück, das man bei aller gebotenen Freundlichkeit lieber nicht einen Gedanken nennen möchte; wenige Ostdeutsche beim Spiegel, das sei, so Fröhlich, "ja auch 'ne Frage, die man sich mal stellen könnte, warum eigentlich?"

Osang hob ein bisschen hilflos die Arme, als hätte er beim Pantomimespielen den Begriff "Vergeblichkeit" gezogen. Und doch passte dieser atmosphärisch prekäre Fernsehmoment gut zu seinem neuen Buch "Fast hell". Dieses ist zwar auch Reisereportage, Doppelporträt und Deutschlandessay, vor allem aber ist es ein biografischer Text über die Unmöglichkeit des Ankommens.

Seit mehr als 30 Nachwendejahren fegen gelegentlich Ost-Diskurse übers Land, seit mehr als 30 Jahren bleiben sie sagenhaft folgenlos und dienen wenn überhaupt der Profilierung derer, die sie führen. Alexander Osang ist in dieser Hinsicht zunächst ganz klar ein Profiteur, aber offenbar ist er auch ein auf hohem Niveau Leidender. Über der Digitalversion eines Essays von ihm zum Tag der Deutschen Einheit, dem Murmeltiertag der Ost-Journalisten, stand 2019: "30 Jahre später, und ich erzähle immer noch dieselbe Geschichte".

Sie trinken, sie reden, sie schlafen zu wenig, auch am Ziel

Nachdem er lange für die Berliner Zeitung geschrieben hatte, wechselte der ostdeutsche Journalist Alexander Osang 1999 zum Spiegel und ging nach New York. Er hatte New York nach dem Mauerfall im Unterschied beispielsweise zu West-Berlin erlebt als "die einzige Stadt, die mit meinen Erwartungen mithalten konnte". Diese Erfahrung erneuerte sich in späteren Jahren als Korrespondent. In New York, schreibt Osang, "konnte ich am besten vergessen, dass ich eigentlich kein Zuhause hatte".

Wenn einzig und bestenfalls New York der Ort ist, an dem man es irgendwie aushält, dann wird es biografisch natürlich eng, jedoch auch interessant. Und vor genau diesem biografischen Hintergrund ist dieses literarische Sachbuch zu lesen, das an der Oberfläche von einer Reise mit einer Fähre nach St. Petersburg erzählt, die Osang mit Uwe und dessen Mutter unternimmt. Sie gehen aufs Schiff, sie trinken, sie reden, sie schlafen zu wenig, auch am Ziel in St. Petersburg. Alles Geschehen ist gleichmäßig, mehr muss es nicht sein, weil es den eigentlichen Text nur dekoriert, die Suche nach Frieden und Heimat in der eigenen Biografie.

Von Uwe hatte Osang zu einem Murmeltiertag schon im Spiegel erzählen wollen, doch obschon der real existierende Uwe Ostdeutscher ist, war er - wenn man Osang richtig versteht - für den Spiegel nicht ostdeutsch genug in dem Sinne, wie man auch in Hamburg nach wie vor gerne von den "rätselhaften Ostdeutschen" erzählt bekommen mag. Vor allem aber war die Biografie Uwes unüberprüfbar für die vermutlich noch immer auf Bewährung inkriminierende Dokumentation im Haus. Die Details dieser Uwe-Biografie sind hier unmöglich zusammenzufassen, Osang bringt sie im Buch auf die Formel "Uwe schien ein ostdeutscher Weltbürger zu sein. Ein Oxymoron."

Wenn man ihn kurz hasste, hasste man auf Knien

Zum Doppelporträt wird diese tagträumend fantastische, halbwirkliche Reise, weil Alexander Osang seine Biografie mit der von Uwe misst. Der Autor erlaubt sich gewissermaßen erst über den Umweg Uwe, von seinem eigenen Leben zu erzählen, die Biografie Uwes wird zur als nötig empfundenen Rechtfertigung, auch in der eigenen einmal nachzusehen wie in einem länger nicht aufgeräumten Keller. Die Tatsache, dass man das insbesondere als Ostdeutscher gleich wieder komplett logisch finden kann, sagt vermutlich etwas aus.

Damit zu Deutschland und einer spezifisch ostdeutschen Unmöglichkeit, irgendwie anzukommen. Als Leser, zumal als ostdeutscher Leser, puzzelte man sich aus den Texten Osangs immer eine überwältigende Reporterbiografie zusammen. Mit einer möglicherweise in angriffslustigem Rot gehalten Spesenkreditkarte des Spiegel ging es wieder und wieder um die Welt. Manchmal schrieb der Großreporter Osang wie ein Angeber, aber selbst wenn man ihn dafür kurz hasste, hasste man auf Knien. In seinem Mittel- oder Frühspätwerk oder wie auch immer man die kolumnistischen Szenengemälde gehobenen deutschen Alltags nennen möchte, die Osang, 58, weiterhin für den Spiegel schreibt, sitzt oft fast jeder Satz mit exaktem Spaltmaß. Lakonie und Erfahrungsreichtum und offensives Außenseitertum bei gleichzeitig einsetzender Wohlstandsverwahrlosung verbinden sich zu Texten, die mindestens lustig, oft zudem lehrreich sind.

Ein autobiografisches Buch desselben Autors sollte man gerade deswegen besonders vorsichtig lesen. Osang ist ein erfahrener Arrangeur und Dramaturg, er deutet in "Fast hell" vieles gleich selbst aus. Vielleicht ist das ein manipulativer Akt, garantiert ist das aber: komplett egal. Man kann "Fast hell" larmoyant finden, wenn man zu denen gehört, die keine Lust mehr haben, über einig Vaterland nachzudenken. Man könnte den Autor stellvertretend in eine nicht nur moralisch düstere Opferkonkurrenz zu Gruppen zwingen, die es nachweislich noch viel schwerer haben, einen Platz im Leben zu finden oder sogar: ihren. Tut man all dies aber nicht, lässt sich "Fast hell" verstehen als eine ungeschützte, angenehm uneindeutige Bestandsprüfung des Lebens von Alexander Osang sowie des Seelenstandorts Deutschland.

Alexander Osang: Fast hell. Aufbau, Berlin 2021. 237 Seiten, 22 Euro.

Bei der Betrachtung dieses Lebens geht es darum, dass mit der DDR nicht nur Osang eine Heimat verloren ging, für die es keinen Ersatz gab oder je geben wird. Es geht darum, dass die daraus folgende, oft kraftzehrende Suche nach einer inneren Mitte "im abbindenden Beton der Geschichtsschreiber" mindestens doppelt schwerfällt. Denn, um es sehr kurz zu machen: Der Westen hat sich nie wirklich für die potenzielle Heimatlosigkeit vieler Ostdeutscher in Kohl- und Merkel-Deutschland interessiert, er hat, wie Osang feststellt, im Gegenteil selbst solche kulturellen Werte aus Radioplaylists und sonstigen Kanons getilgt, die leicht aus der Vor-89-Zeit Ost in die neue zu retten gewesen wären.

"Ich wollte mir treu bleiben und doch nicht allein sein", schreibt Alexander Osang, und "Es ist nicht einfach, ... seinen Platz zu finden, wenn man es ernst meint." In genau diesem Versuch verlieren sich viele Ostdeutsche unterschiedlichen Alters in einem Land, das weder in Kategorien materieller oder machtpolitischer Teilhabe noch in solchen kultureller Hegemonie je wirklich auch ihres geworden wäre. Ein Land, dessen Diskurse notwendigerweise längst weiter gezogen sind zu neueren Herausforderungen.

Der Endpunkt dieser Entwicklung scheint leider der zu sein, dass die Ostdeutschen weiterhin "rätselhaft" bleiben und dass Exegeten wie Osang jedes Jahr zunehmend unfröhlicher von vorne anfangen, sie einem Publikum zu erklären, dessen Hauptinteresse jedoch darin zu bestehen scheint, es sich in der Abgrenzung zu den Beschriebenen noch ein wenig gemütlicher zu machen.

© SZ/masc
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