Jazzkolumne:Der Störenfried

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Ornette Coleman bei den Proben zum Album "The Empty Foxhole". (Foto: Francis Wolff/Blue Note)

Ornette Coleman hat den Free Jazz erfunden, aber auch Ohrwürmer komponiert. Einige davon schrieb er während seiner Zeit bei Blue Note.

Von Andrian Kreye

Als Ornette Coleman 1959 sein erstes New Yorker Engagement im Five Spot Café hatte, war das für die Kultureliten der Stadt zehn Wochen lang ein Muss. Intellektuelle wie James Baldwin und Norman Mailer kamen, der Dirigent Leonard Bernstein, Filmstars, Dichter. 29 Jahre alt war Coleman, sein Weggefährte Don Cherry 23. Man sah schon auf den ersten Blick, dass hier Konventionen aus den Angeln gehoben wurden. Coleman spielte ein Altsaxofon aus weißem Plastik, Cherry eine Taschentrompete. 1959 war ansonsten das magische Jahr des Modern Jazz. Miles Davis veröffentlichte das Meisterwerk der Melancholie "Kind of Blue", Dave Brubeck landete mit der Eleganz von "Take Five" einen Hit, John Coltrane legte mit "Giant Steps" die ewige Messlatte der Virtuosität. Und Coleman? Hatte soeben sein zweites Album veröffentlicht, mit einem Quartett ohne Klavier und einem Musikverständnis, das wie Kubismus in Tönen wirkte.

Den Schritt zum abstrakten Expressionismus machte Ornette Coleman schon im darauffolgenden Jahr. Da versammelte er acht Musiker, die gleichzeitig miteinander improvisierten. "Free Jazz" hieß das Album, das dem Genre seinen Namen gab und bis heute als Blaupause für freie Musik gilt. Die Parallele zur Malerei stellte Coleman selbst her und ließ ein Gemälde von Jackson Pollock aufs Cover drucken.

Als das Album erschien, war er schon ein Star. Im Sommer 1960 lief sein Engagement gleich vier Monate lang. Im Jahr drauf machte er erst einmal Pause. Fast drei Jahre dauerte es, bis er wieder Platten veröffentlichte. Dann kehrte er zurück, auf dem Blue-Note-Label, das eigentlich für den Hardbop von Leuten wie Art Blakey und Herbie Hancock stand. Fünf Alben und seinen einzigen Auftritt als Sideman lieferte er dort ab. Seine Zeit bei Blue Note wurde immer als Übergang von seiner Bilderstürmerei bei Atlantic und seinem Aufbruch in die zeitgenössische Musik, in den Free Funk und all die anderen Experimente abgetan, die er unter dem Rubrum "Harmolodic Music" zusammenfasste. Nun hat Blue Note die sechs Alben neu herausgebracht, als eine dieser Boxen, die in den Plattenregalen einen ähnlichen Prestigewert haben wie früher die Literaturkassetten vom Insel-Verlag.

Ornette Coleman Cover zu "Round Trip" gratis Pressefoto (Foto: Blue Note)

"Round Trip" heißt die Box. Und weil sie in der "Tone Poets"-Reihe erschienen ist, wurde alles neu gemastert, in hochglänzende Cover aus schwerem Karton gesteckt und mit einem Heft voller Bilder sowie einem Essay ausgestattet. Die drei Jahre bei Blue Note waren nicht so radikal wie "Free Jazz". Aber sie zeigten den notorischen Störenfried der musiktheoretischen Ordnung noch einmal als Fackelträger der Moderne. Das beginnt schon mit den beiden "At the Golden Circle"-Aufnahmen aus dem Klub in Stockholm, wo er im Trio mit dem Bassisten David Izenzon und dem Schlagzeuger Charles Moffett die Ästhetik des Bebop auf seine Essenz verdichtete, als hätte jemand die vielen Schichten dieser Musik auf die wichtigsten Punkte reduziert.

Auf "The Empty Foxhole" löste sich Coleman dann vom Diktat des Handwerks. Am Schlagzeug saß sein Sohn Denardo, der damals zehn Jahre alt war. Der ist noch weit entfernt von den Polyrhythmen dieser Zeit, aber gerade sein ungestümes Trommeln zwingt seinen Vater und den Bassisten Charlie Haden zur einer Schlichtheit, die einiges vorausnimmt, was später erst zum Tragen kam. Nicht nur im Jazz. Das passt auch ganz gut zu den Stücken, auf denen Coleman eine fanfarenhafte Trompete und eine dissonante Geige spielte, die er sich während der Pausenjahre selbst beigebracht hatte. Auf Jackie McLeans "New and Old Gospel" spielte er sogar ausschließlich die Trompete.

Höhepunkt seiner Blue-Note-Zeit waren die Sessions, die als "New York Is Now" und "Love Call" erschienen sind. Die nahm er im Frühjahr 1968 mit dem Tenorsaxofonisten Dewey Redman, sowie dem Bassisten Jimmy Garrison und dem Schlagzeuger Elvin Jones auf, die eigentlich John Coltranes Rhythmusgruppe waren. Man merkt den beiden an, dass sie sich in Colemans Musik und seine verwinkelten Dynamik gerade einfühlen, aber das reibt sich grandios. Mit Redman schlägt Coleman allerdings Funken. Und da sind auch die Ohrwurmmelodien, die er so oft hinter seiner spröden Ästhetik versteckte. "Broad Way Blues" und "Round Trip" waren später für Musiker wie Pat Metheny, Jaco Pastorius oder Nils Wogram der Einstieg in den Kosmos seiner harmolodischen Musik. Das könnten Gassenhauer sein - wer sie öfter hört, ertappt sich schon mal beim Mitpfeifen.

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