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"original bauhaus" in Berlin:Abschied von den Fetischen

original bauhaus

Sitzende mit Bühnenmaske von Oskar Schlemmer im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer, um 1926.

(Foto: Erich Consemüller, Bauhaus-Archiv Berlin /Stephan Consemüller)

Wer im Jubiläumsjahr nur eine Bauhaus-Ausstellung sehen kann, sollte unbedingt in die Berlinische Galerie. So gegenwärtig wirkte die legendäre Einrichtung lange nicht.

Tiere zeichnen, lautete eine Aufgabe im Vorkurs des Bauhausmeisters Johannes Itten. Die Zeit war begrenzt, ein Lichtbild erschien, die Zöglinge legten los, ein neues Lichtbild folgte. Heinrich Koch, der später als Fotograf berühmt werden würde, notierte im Januar 1923 auf einem Blatt: "Itten. 20.I.23 Tierzeichnen nach Lichtbildern - Hebe hervor einen Teil der dich fesselt und das Tier charakterisieren, seine Bewegung, seinen Charakter." Andere Aufgaben im Vorkurs lauteten: Atem- und Gefühlsstenogramm, Gegensatzpaare nennen, nachmachen, Krieg zeichnen, Akte rhythmisch zeichnen, Material durch Abtasten bestimmen, Gleichgewichtsstudie, freihändig Linie und Kreis zeichnen, Name in Spiegelschrift schreiben, Papier falten, Schreibmaschinenstudie, macht aus Weißem Farbiges.

Walter Gropius hat 1938 in der Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art, die den Bauhaus-Mythos begründete, vergrößerte Reproduktionen und Modelle von Vorkursarbeiten ausgestellt. Er präsentierte sie wie Kunst.

In der Berlinischen Galerie sind ab Freitag viele Arbeiten aus den Vorkursen zu sehen. Ob es um Farbübungen bei Paul Klee geht, Zeichnen nach Lichtbildern bei Johannes Itten, Papier falten bei Josef Albers, Gleichgewichtsstudien bei László Moholy-Nagy oder Farbkreise aus dem Unterricht bei Wassily Kandinsky - sie werden als Schülerarbeiten präsentiert oder als spätere Rekonstruktionen. Im Zentrum der Berliner Bauhaus-Jubiläumsausstellung steht der Unterricht, stehen Unterweisung und Anleitung, auch das Unfertige, Vorläufige hat seine Auftritte. Das ist einer der Gründe, warum die Ausstellung "original bauhaus" so überraschend gut gelungen ist. Hier wird die legendäre Einrichtung als das gezeigt, was sie in erster Linie war, als eine Kunstschule.

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Die Kuratorin Nina Wiedemeyer vermeidet die ausgetretenen Pfade, erspart den Besuchern eine illustrierte Ideengeschichte ebenso wie die kunstfromme Überhöhung. Sie fragt nach den Praktiken, die das Bauhaus in den vierzehn Jahren seiner Existenz und den folgenden Jahrzehnten der Rezeption ausmachten. Das Ergebnis ist großartig, und noch bevor am Wochenende in Dessau das Bauhaus-Museum eröffnet, kann man sagen, dass das Jubiläum halb verschläft, wer sich diese Berliner Ausstellung entgehen lässt.

Die Frau, die sich zum Scherz eine Maske aufsetzte, verkörpert ein neues Selbstbewusstsein

Nina Wiedemeyer konnte auf die größte Sammlung zum Thema zurückgreifen, die des Berliner Bauhaus-Archivs. Da es noch bis 2022 umgebaut und erweitert wird, hat man mit der quicklebendigen Berlinischen Galerie zusammengearbeitet. Anhand von vierzehn Schlüsselobjekten erprobt die Ausstellung verschiedene Perspektiven, erzählt Geschichten. Etwa die des Tee-Extraktkännchens, das Marianne Brandt ab 1924 nicht nur entwarf, sondern in der Metallwerkstatt fertigte. Das Kännchen mit den klaren geometrischen Formen. Sieben Exemplare sind in der Ausstellung zu sehen, ein achtes findet man in Dessau. Die Kännchen haben einen hübschen Kreissegment-Griff aus Ebenholz, es gibt sie in Bronze, in Silber, in versilbertem Messing. Marianne Brandt hatte es anfangs schwer in der Metallwerkstatt. Weil sie eine Frau war, wurden ihr langweilig-mühsame Aufgaben übertragen. Ihr Kännchen sieht aus, als wäre es für die industrielle Herstellung ersonnen, als eine Art Prototyp. Aber es blieb in den Zwanzigerjahren bei Einzelstücken, kam nie in die Massenproduktion.

Heute wird die Bauhaus-Teekanne in Silber für knapp 9000 Euro angeboten, ein typisches Beispiel für das Schicksal einiger Bauhausobjekte, die zu Fetischen für den gehobenen Distinktionsbedarf geworden sind. Die Ausstellung konfrontiert das Brandt'sche Kännchen mit elektrischen Wasserkesseln, die Peter Behrens 1909 für die AEG entwarf. Sie haben mal eine runde, mal eine ovale oder eine achteckige Grundform, Randornamente und nachgemachte Hammerschläge verschleiern die maschinelle Herstellung. Welches Design, welches Objekt ist moderner, avancierter? Das massenhaft hergestellte, elektrisch betriebene von Behrens oder die in Handarbeit gefertigten Unikate der Marianne Brandt, die so "industriell", prototypartig anmuten?

Einige Kapitel behandeln die Frage, wie das Bauhaus berühmt wurde. Zu sehen sind Glasdias, die der Gründungsdirektor Gropius als wahrer "Wanderprediger der Moderne" (Winfried Nerdinger) in seinen Vorträgen nutzte. Das Bauhaus-Archiv hat 1237 dieser Lichtbilder in seinem Besitz und daneben eine Kartei mit 704 Karten, auf denen unter anderen Ise Gropius die Diapositive katalogisiert hat. Es ist vermutet worden, dass sie die Frau sein könnte, die sich 1926 von Erich Consemüller fotografieren ließ: Leger auf einem Stahlrohrsessel Marcel Breuers sitzend, ein kurzes Kleid aus einem Stoff von Lis Beyer tragend, eine Maske von Oskar Schlemmer über dem Gesicht. Vielleicht war es auch Lis Beyer oder doch eine andere? Wie auch immer, die Frau, die sich zum Scherz die Maske aufsetzte, verkörpert ein neues Selbstbewusstsein, eine Modernität von großem Schau- und Reklamewert. Breuers Möbelstück, der Klubsessel B3, wurde übrigens von diesem selbständig, jenseits des Bauhauses auf den Markt gebracht.

Ob es um das Triadische Ballett oder das Gemälde "Bauhaustreppe" von Oskar Schlemmer geht, um Mies van der Rohes Pavillon für die Weltausstellung des Jahres 1929 in Barcelona oder den Teppich der Bauhäuslerin Gertrud Arndt, der im Weimarer Direktorenzimmer von Gropius lag, oder das Landhaus Ilse in der Gemeinde Burbach, das in Anlehnung an das Weimarer Musterhaus am Horn errichtet wurde - immer bietet die Ausstellung Neues, Interessantes. Und vor allem einen Anlass, über Original und Kopie, Reproduktionen und Rekonstruktionen nachzudenken.

original bauhaus

Das Teekännchen aus der Metallwerkstatt von Marianne Brandt, 1924.

(Foto: Gunter Lepkowski/VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Bestaunen kann man das Adressbuch, das Hannah Höch von 1917 bis 1978 nutzte, indem auch die Adressen von Mies van der Rohe, László Moholy-Nagy und dessen Frau Lucia Moholy verzeichnet sind. 1932 bereitete die Dada-Künstlerin eine Ausstellung mit Fotomontagen und Aquarell-zeichnungen am Bauhaus Dessau vor. Es wäre die erste Einzelausstellung Hannah Höchs gewesen, sie wurde auf Druck der in Anhalt starken NSDAP abgesagt.

Das Bauhaus zog 1932 bekanntlich nach Berlin. Ein Foto zeigt das Anfertigen einer Karikatur für das letzte Bauhaus-Fest, Berlin Steglitz, Februar 1933. Von der Kunstschule, die sich immer wieder wandelte, an der - wie anders? - Konflikte zum Alltag gehörten, führen Linien zu einer radikalen, gern auch esoterisch aufgeladenen Kunstautonomie, aber auch zu Industriedesign und industriellem Bauen.

Werke zeitgenössischer Künstler, etwa von Thomas Ruff, Veronika Kellndorfer, Thomas Demand ergänzen die Fallgeschichten. Eine Rauminstallation des Studios Syntop ermöglicht es, einzelne Vorkursübungen zu absolvieren. Etwa die zur Lockerung: "Hinterlasse eine Lichtspur. Stelle dich vor die Station und warte, bis dein Körper erkannt wird. Bewege deine Hände und zeichne eine Spur auf die digitale Leinwand. Umkreise die vier schwarzen Punkte. Verbinde sie in unterschiedlicher Reihenfolge." So gegenwartsnah wie in dieser Ausstellung hat das Bauhaus lange nicht mehr gewirkt.

original bauhaus. Berlinische Galerie, bis 27. Januar 2020. Der Katalog (Prestel Verlag) kostet 29 Euro.

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