Orhan Pamuk im Gespräch "Ich bin kein politischer Kommentator"

Wie Millionen andere zieht der Protagonist Mevlut in den 1960er Jahren aus dem ländlichen Anatolien nach Istanbul. Wie hat diese Gruppe von Einwanderern die Stadt seitdem verändert?

Ich würde nicht sagen "diese Gruppe von Einwanderern". Istanbul ist heute diese Einwanderer. Genau darum geht es in dem Roman. Diese Menschen haben die Stadt geprägt und sind von ihr geprägt worden. Obwohl sie einen bäuerlichen Hintergrund haben, den ich nicht unterschlagen möchte, sind sie durch und durch modern.

Was macht diese Modernität aus?

Die Modernität, die ich in diesem Buch beschreibe, hat weniger mit Erziehung oder Europäisierung zu tun. Modern heißt hier vielmehr, in dem Wald zu leben, den eine riesige, chaotische, sich verändernde Stadt darstellt. Es bedeutet, in der Menge verloren zu gehen, seine Individualität, die Fremdheit im eigenen Kopf zu empfinden und von kaum jemandem bemerkt zu werden. Als Mevlut nach Istanbul kommt, hat die Stadt 2,5 Millionen Einwohner, heute sind es 15 Millionen. Die immensen Veränderungen, die Mevlut in seinen 40 Jahren in Istanbul erlebt - in der Bevölkerungszusammensetzung, der Architektur, der Wirtschaft - haben auf ihn einen metaphysischen, schwindelerregenden Effekt.

Mevlut ist ein unpolitischer Mensch, er ist mit Konservativen und Kommunisten befreundet und will es jedem recht machen. Ist er in dieser Eigenschaft auch repräsentativ für die Mehrheit der Türken?

Mevlut ist nicht unbedingt unpolitisch, er versucht eher, der Politik aus dem Weg zu gehen. Die eine Hälfte der Kunden eines Straßenverkäufers kann säkular, die andere Hälfte konservativ eingestellt sein und er will es sich mit keinem verscherzen. Aber es ist sicherlich so, dass der türkische Jedermann sich nicht allzu sehr für Politik interessiert. Anstatt über das Weltgeschehen zu diskutieren, schaut er sich lieber seine tägliche Soap-Opera an.

Anders als Mevlut äußern Sie sich offen und häufig sehr kritisch zu politischen Themen - etwa zu dem Druck, der momentan auf Journalisten in der Türkei ausgeübt wird. Der Druck auf Sie ist aber in den vergangenen Jahren etwas zurückgegangen, haben Sie kürzlich gesagt. Woran liegt das?

Vor zehn Jahren wollte man mich umbringen, ich bin also sehr froh, dass der Druck etwas zurückgegangen ist. Außerdem bin ich kein politischer Kommentator. Die Menschen, die in der Türkei gefeuert oder inhaftiert werden, sind Menschen, die jeden Tag über Politik berichten. Darüber hinaus schützt mich wahrscheinlich auch meine Bekanntheit. So kann ich Sachen sagen, die sich andere vielleicht nicht zu sagen trauen.

"Diese Fremdheit in mir" ist Ihr bisher meist verkauftes Buch in der Türkei. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Sehen Sie, diese Frage wurde mir in der Türkei sehr häufig gestellt. Am Anfang war ich naiv und habe mir irgendwelche Ausflüchte ausgedacht, zum Beispiel, dass es an der Werbung liegen könnte. Dann machten die Journalisten daraus die Überschrift: "Weil Pamuks Bücher beworben werden, verkaufen sie sich". Mittlerweile bin ich das leid und sage nur noch: Meine Bücher werden gelesen, weil die Menschen die Geschichten lieben, die ich erzähle. Es ist einfach ein gutes Buch.

Könnte der Erfolg nicht auch damit zu tun haben, dass Sie diesmal eben über ein ganz anderes Milieu schreiben als bisher?

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe für den Erfolg. Zum einen war das mein erstes Buch nach sechs Jahren. Dann hat die türkische Literatur in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erlebt. Und ja, eine Erklärung, die oft genannt wird, ist, dass Mevlut ein Jedermann ist und sich der durchschnittliche türkische Leser mit ihm identifizieren kann.

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