Süddeutsche Zeitung

Orhan Pamuk eröffnet "Museum der Unschuld":Dinge und ihre Doppelgänger

"Bis zu meinem Tod werde ich Dinge zu diesem Museum hinzufügen": Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuks "Museum der Unschuld" - eine der seltsamsten Parallelaktionen der Gegenwartskultur - eröffnet in Istanbul. Es zeigt Fundstücke und Artefakte einer fiktiven Liebe und bildet daraus das Melodram seiner Stadt.

Lothar Müller

Die Straßen sind schmal in Cukurcuma, manche abschüssig, und schmal ist das dunkelrote, hoch aufragende Eckhaus, neben dem kürzlich noch ein gelber Bagger herumfuhrwerkte. Die kleine Straße, für die er den Boden bereitete, lief auf den letzten Samstag im April zu. Der ist jetzt da, und Orhan Pamuk muss nicht mehr um Absperrungen herumbalancieren, wenn er von seinem Arbeitszimmer etwas weiter oben in Beyoglu hinunter in sein Museum geht. Der 28. April, an dem es für das Publikum geöffnet wird, ist der Fluchtpunkt einer der seltsamsten Parallelaktionen in der Kultur der Gegenwart.

Als Orhan Pamuk im Jahr 2006 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hatte sie längst begonnen. Seit 2001 schrieb er an dem Roman "Das Museum der Unschuld" und blickte dabei über eine Moschee hinweg auf die Anlegestelle der Kreuzfahrtschiffe im Bosporus, kurz vor der Jahrtausendwende hatte er das schmale Haus erworben. So nahm das Museum der Unschuld Gestalt an, das der Roman im Titel führte, und dem Schriftsteller Orhan Pamuk trat der Gründer und Kurator des Museums an die Seite, der die Dinge sammelte, von denen im Roman die Rede war.

Aber natürlich war es auch umgekehrt: Er erzählte den Roman um die Dinge herum, die er sammelte. Er erzählte eine Liebesgeschichte, deren Held - er heißt Kemal und ist ein Sprössling der Oberschicht - seiner Liebe nicht gewachsen ist und seine Geliebte - sie heißt Füsun und ist eine arme Verwandte - verliert. Er findet Trost im Sammeln von Dingen, die sie berührt hat oder die durch Erinnerungen mit ihr verknüpft sind: Schminkutensilien, Taschentücher, Eintritts- und Visitenkarten, Streichholzschachteln, Gläser etc. Er wird den Roman, dessen erinnerte Liebesgeschichte die Jahre zwischen 1975 und 1984 umfasst, so wenig überleben wie Füsun. Aber seine Sammlung überlebt und wartete darauf, in ein "musée sentimental" einzugehen.

Die größte Vitrine ist das Haus selbst

Im Vorfeld der Eröffnung ist Orhan Pamuk - er muss sich noch am Bagger vorbeischlängeln - bemüht, den Abstand zwischen Roman und Museum zu wahren. "Sehen Sie", sagt er, während er die Tür zu dem dunkelroten Haus öffnet, "es ist ganz etwas anderes, ob man einen Roman liest oder Objekte in einem Museum betrachtet. Dieses Museum ist keine Illustration des Romans, und der Roman ist nicht der Katalog zum Museum. Man muss nicht unbedingt ein Leser des Romans sein, um von dem Museum etwas zu haben, und natürlich kann man, in Istanbul oder anderswo, den Roman lesen, ohne je das Museum zu besuchen. Beide existieren für sich, aber man sieht mehr in den Objekten des Museums, wenn man den Roman kennt, und die Lektüre des Romans wird reicher, wenn man das Museum besucht."

Der Roman erschien 2008 in der Türkei, auf Deutsch im Jahr 2010, als Istanbul Kulturhauptstadt Europas war. Die Eröffnung des Museums hätte Teil des offiziellen Programms sein sollen. Aber Pamuk löste die Verträge mit der Stadt auf, zahlte die staatlichen Zuwendungen zurück und baute das schmale Haus als unabhängiges Privatmuseum zu Ende.

Das architektonische Konzept stammt von dem deutschen Architekten Gregor Sunder-Plassmann, einem Spezialisten für den Um- und Neubau von Museen, der für die Erweiterung des östlichen Stülerbaus in Berlin und das Pommersche Landesmuseum in Greifswald verantwortlich zeichnet. Er hat in Kooperation mit türkischen Architekturbüros in dem entkernten schmalen Haus ein elegantes Interieur mit hellen Böden geschaffen, in dem man hinauf- und hinabblicken kann. Die drei Geschosse schließen sich wie ein Treppenhaus um den zentralen Lichtschacht zusammen, die an den Wänden angebrachten, in dunklem Holz gehaltenen Schaukästen unterschiedlicher Größe wirken wie dreidimensionale Bilder in dichter, an vormoderne Galerien erinnernder Hängung. Die größte Vitrine ist das dunkelrote Haus selbst.

Pamuk verschmilzt mit seiner Romanwelt

Ein leerer Vogelbauer hängt im oberen Luftraum, eine große Uhr an der Rückwand schlägt die Viertelstunden, gleich neben den in die Wand eingelassenen Endlosschleifen mit Ausschnitten aus älteren türkischen Schwarzweißfilmen.

Ehe der Blick nach oben gleitet, fällt er im ebenerdigen Eingangsbereich auf das Zitat von Samuel Taylor Coleridge, das dem Roman als Motto dient: "Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwanderte, und man gäbe ihm eine Blume als Beweis, dass er dort war, und er fände beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand - was dann?"

Nun, dann sollte er rasch ins "Museum der Unschuld" gehen. Die Adresse findet er samt Ausschnitt aus dem Stadtplan von Istanbul im Buch. Der Leser sollte es mit ins Museum nehmen. Denn dessen Website verspricht, dass die auf den hinteren Seiten abgebildete Eintrittskarte für einen Besuch des Museums akzeptiert wird.

Es gibt darin ebenso viele Schaukästen, wie der Roman Kapitel hat, sie tragen dieselben Titel. "Seien Sie vorsichtig", sagt Orhan Pamuk, "es ist da immer ein Spalt zwischen dem Text und den Schaukästen." Ja, diesen Spalt gibt es. Wenn er so daliegt in der ersten Vitrine, der Ohrring, den Füsun beim Liebesspiel verliert, wirkt er wie der Ohrring, von dem im ersten Kapitel die Rede ist. Es ist aber nur der Doppelgänger.

Und manches Objekt hier ist kein Fundstück. Sondern ein sorgfältig gestaltetes Artefakt. Wie der moderne Softdrink, der samt der Werbung, die für ihn gemacht wird, eine wichtige Nebenrolle im Roman spielt. Aber dass das deutsche Model Inge, die Softdrink-Ikone, die wir auf einem vergilbten Zeitungsausschnitt erkennen, auch Fake ist, können wir nicht glauben.

Feier des individuellen Lebens

Dieses Spiel mit Fakt und Fiction, fingierter Authentizität und schlichtem Dokument - sei es Kaffeetasse oder Kartenspiel, Emailleschild oder Gaszähler - sieht aus wie eine Verlängerung der perspektivischen Tricks, die in der Romankunst zur Verwirrung des Lesers beitragen können. Und hat nicht Orhan Pamuk in sein "Museum der Unschuld" einen Erzähler namens "Orhan Pamuk" hineingeschmuggelt, der in der Ich-Form die Geschichte seines Freundes Kemal erzählt? Ja.

Aber wenn man mit Pamuk durch sein Museum geht, verfliegt der Eindruck rasch, es sei ein Spiegelkabinett, in dem sich alle Gewissheit auflöst. Das Manifest, das er zur Eröffnung des Museums verfasst hat, will die Museen dem "Nationbuilding" entführen und zum Medium der Feier des individuellen Lebens machen. "Was Sie hier sehen", sagt er, "ist ein Mausoleum und Monument der individuellen Liebe, deren Geschichte die Objekte erzählen."

Wenn er dann auf die Super-8-Filme und Fotografien aus der eigenen Familie verweist und irgendwann den Satz einstreut: "Von nun an bis zu meinem Tod werde ich Dinge zu diesem Museum hinzufügen", ist längst zweitrangig geworden, dass die 4213 Zigarettenstummel der Geliebten, die Kemal im Roman aufsammelt und die nun, in einem großformatigen Tableau einbalsamiert, den Besucher im Erdgeschoss begrüßen, die Geschichte fiktiver Figuren erzählen. Entscheidend ist, dass sie die Kultur des modernen Individualismus feiern, seine Freuden wie seine Leiden.

Hier liegt das Grundmotiv, das den Schriftsteller Orhan Pamuk wie den Kurator prägt, ob er im Roman "Rot ist mein Name" von der perspektivischen Malerei oder im "Museum der Unschuld" von der Liebe als Medium der Individualisierung erzählt. Von Anfang an stellt er erprobte Formmodelle des Romans in den Dienst seiner Geschichtsschreibung des modernen Individualismus in der Türkei. Nun baut er zur Feier seiner fiktiven Liebenden Dioramen, in denen die Dinge auftreten, als habe ein mit der Stadtgeschichte Istanbuls wie mit dem Pariser Surrealismus gleichermaßen vertrauter Regisseur sie zusammengeführt.

Beinahe eine Soap Opera

Die Maschine zur Erzeugung dunklen Lichts in Vitrine 29 erhellt eine Metapher, die im 29. Kapitel des Romans die Melancholie des Helden ins Bild setzt. Wer will, kann möglichst viele solcher Verbindungsfäden zwischen den Dingen im Museum und dem Roman knüpfen. Dass aber hier die Allerweltsgegenstände - Salzstreuer und Zahnbürste, Speisekarten und Porzellanhunde - individualisiert werden, indem der Zauberstab der Liebesgeschichte sie berührt, ist nur die halbe Wahrheit. Denn sie verlieren dabei den Charakter der Anonymität, der ihnen als Industrieprodukten innewohnt, durchaus nicht. Sie geben nicht nur Einblick in das Leben der Romanfiguren, sondern auch in die Biographie Istanbuls.

Wer aus der aktuellen expandierenden Metropole hier eintritt, der kommt in die Welt des Jüngstvergangenen, des noch nicht lange Ausrangierten, in die noch weitgehend mechanische, aber schon elektrifizierte Moderne, in die Vorzeit der digitalisierten Gegenwart. In ein Museum ohne Touchscreen, in dem man häufig durch geraffte Vorhänge in die Schaukästen blickt wie in Guckkastenbühnen. Hier findet ein Melodram statt und zugleich eine Ausstellung zur materiellen Kultur Istanbuls, kuratiert vom Romanautor Orhan Pamuk im Blick auf seine Jugend und Herkunftswelt.

1743 Museen lässt Orhan Pamuk seinen Helden Kemal besuchen, darunter Sir John Soane's Museum in London, das Museum of Jurassic Technology in Culver City, Los Angeles, viele Schriftsteller-Museen in aller Welt, alle den Wunderkammern näher oder ferner verwandt. Sein "Museum der Unschuld" kommt weitgehend ohne arabische Schrift aus, es zeigt eine Welt nach der Schriftreform Atatürks.

Im Topkapi Museum herrscht Gedränge in den Räumen mit den Reliquien, vor dem Stab des Moses, vor den Barthaaren des Propheten, vor dem Abdruck seines Fußes beim Aufstieg in den Himmel. Es scheint, als sei das "Museum der Unschuld", in dem man in die säkulare Herkunftswelt seines Gründers blickt, hierzu der Gegenpol. Aber es hat sich das Prinzip des Reliquienkults ausgeliehen.

Trauern um einen Romanheld

Wenn Kemal sich ganz oben einen Raum reserviert, dann träumt er davon, dass man ihm ein lebenslanges Wohnrecht einräumt, wie die Stadt Berlin dem Sammler Berggruen in seinem Museum. An die Wand in diesem Zimmer hat Orhan Pamuk das auf kariertes Papier geschriebene Manuskript des Romans geheftet. "Ich würde mir wünschen", sagt er, "dass die Besucher vor diesem leeren Bett um Kemal trauern, obwohl er nur ein Romanheld ist."

Einmal taucht Abraham auf, denn die Frage, warum Gott von ihm das Opfer seines Sohnes verlangt, spielt im Roman eine Rolle. Abraham ist sehr bunt, er blickt aus einem Filmplakat heraus. Der türkischen Filmindustrie hat der Roman eine Hauptrolle reserviert. Ihre Melodramen nimmt er sich zum Vorbild und setzt so zur Feier des Individualismus einen ironischen Kontrapunkt.

Das Industrieprodukt Film liefert - in einer Gastrolle in Vitrine 72 Grace Kelly - den Liebenden die märchenhafte Hohlform: Junger Mann aus reichem Hause liebt arme Schönheit. "Fast wäre es gelungen", sagt Orhan Pamuk, "aus dem Roman nicht nur ein Museum zu machen, sondern auch eine Soap Opera."

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Quelle:
SZ vom 28.04.2012/mahu
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