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Orhan Pamuk eröffnet "Museum der Unschuld":Pamuk verschmilzt mit seiner Romanwelt

Ein leerer Vogelbauer hängt im oberen Luftraum, eine große Uhr an der Rückwand schlägt die Viertelstunden, gleich neben den in die Wand eingelassenen Endlosschleifen mit Ausschnitten aus älteren türkischen Schwarzweißfilmen.

Turkish writer Orhan Pamuk's museum is opening in Istanbul

Das Museum wird zum Spiegelkabinett, in dem sich alle Gewissheit auflöst. Seine Artefakte entstammen einer anderen Welt.

(Foto: dpa)

Ehe der Blick nach oben gleitet, fällt er im ebenerdigen Eingangsbereich auf das Zitat von Samuel Taylor Coleridge, das dem Roman als Motto dient: "Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwanderte, und man gäbe ihm eine Blume als Beweis, dass er dort war, und er fände beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand - was dann?"

Nun, dann sollte er rasch ins "Museum der Unschuld" gehen. Die Adresse findet er samt Ausschnitt aus dem Stadtplan von Istanbul im Buch. Der Leser sollte es mit ins Museum nehmen. Denn dessen Website verspricht, dass die auf den hinteren Seiten abgebildete Eintrittskarte für einen Besuch des Museums akzeptiert wird.

Es gibt darin ebenso viele Schaukästen, wie der Roman Kapitel hat, sie tragen dieselben Titel. "Seien Sie vorsichtig", sagt Orhan Pamuk, "es ist da immer ein Spalt zwischen dem Text und den Schaukästen." Ja, diesen Spalt gibt es. Wenn er so daliegt in der ersten Vitrine, der Ohrring, den Füsun beim Liebesspiel verliert, wirkt er wie der Ohrring, von dem im ersten Kapitel die Rede ist. Es ist aber nur der Doppelgänger.

Und manches Objekt hier ist kein Fundstück. Sondern ein sorgfältig gestaltetes Artefakt. Wie der moderne Softdrink, der samt der Werbung, die für ihn gemacht wird, eine wichtige Nebenrolle im Roman spielt. Aber dass das deutsche Model Inge, die Softdrink-Ikone, die wir auf einem vergilbten Zeitungsausschnitt erkennen, auch Fake ist, können wir nicht glauben.

Feier des individuellen Lebens

Dieses Spiel mit Fakt und Fiction, fingierter Authentizität und schlichtem Dokument - sei es Kaffeetasse oder Kartenspiel, Emailleschild oder Gaszähler - sieht aus wie eine Verlängerung der perspektivischen Tricks, die in der Romankunst zur Verwirrung des Lesers beitragen können. Und hat nicht Orhan Pamuk in sein "Museum der Unschuld" einen Erzähler namens "Orhan Pamuk" hineingeschmuggelt, der in der Ich-Form die Geschichte seines Freundes Kemal erzählt? Ja.

Aber wenn man mit Pamuk durch sein Museum geht, verfliegt der Eindruck rasch, es sei ein Spiegelkabinett, in dem sich alle Gewissheit auflöst. Das Manifest, das er zur Eröffnung des Museums verfasst hat, will die Museen dem "Nationbuilding" entführen und zum Medium der Feier des individuellen Lebens machen. "Was Sie hier sehen", sagt er, "ist ein Mausoleum und Monument der individuellen Liebe, deren Geschichte die Objekte erzählen."

Wenn er dann auf die Super-8-Filme und Fotografien aus der eigenen Familie verweist und irgendwann den Satz einstreut: "Von nun an bis zu meinem Tod werde ich Dinge zu diesem Museum hinzufügen", ist längst zweitrangig geworden, dass die 4213 Zigarettenstummel der Geliebten, die Kemal im Roman aufsammelt und die nun, in einem großformatigen Tableau einbalsamiert, den Besucher im Erdgeschoss begrüßen, die Geschichte fiktiver Figuren erzählen. Entscheidend ist, dass sie die Kultur des modernen Individualismus feiern, seine Freuden wie seine Leiden.

Hier liegt das Grundmotiv, das den Schriftsteller Orhan Pamuk wie den Kurator prägt, ob er im Roman "Rot ist mein Name" von der perspektivischen Malerei oder im "Museum der Unschuld" von der Liebe als Medium der Individualisierung erzählt. Von Anfang an stellt er erprobte Formmodelle des Romans in den Dienst seiner Geschichtsschreibung des modernen Individualismus in der Türkei. Nun baut er zur Feier seiner fiktiven Liebenden Dioramen, in denen die Dinge auftreten, als habe ein mit der Stadtgeschichte Istanbuls wie mit dem Pariser Surrealismus gleichermaßen vertrauter Regisseur sie zusammengeführt.

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