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Oratorium:Ein zähes Ringen

Georg Friedrich Händels "Der Messias" wirkt in der theatralen Aufführung am Gärtnerplatz arg überfrachtet mit szenischem Brimborium

Georg Friedrich Händels "Messias" wird - um ein Drittel gekürzt - immer wieder unterbrochen und aufgeraut durch die Intervention einer Schauspielerin, die als Maria von Jesus erzählt, wie Colm Tóibín es mit viel Brisanz aufgeschrieben hat. Da klagt eine Mutter, dass ihr der Sohn in seinen Ansichten und Handlungen zunehmend fremd wird und sie sein Martyrium aushalten muss: Das wäre eine bestechende Idee der Konfrontation von Sprache und Musik gewesen, die im Gärtnerplatztheater bestens funktioniert hätte, wenn Sandra Cervik nicht durchweg den Ton einer großen Tragödin angeschlagen hätte, aber vor allem, wenn man auf das szenische Brimborium verzichtet hätte, das den Abend zunehmend beschädigte.

Beständig kreisen Choristen und Tänzer umeinander, während die Solisten mit einer Arie beschäftigt sind. Da wird geschubst, einander zu Boden geworfen, und es werden die Hände nach Dollar-Noten ausgestreckt, die während des "Halleluja" aus dem Schnürboden regnen. Danach gibt es herzlichen Applaus wie so oft an diesem Abend von einem Publikum, das nie während einer Aufführung im Konzertsaal nach einer Arie dieses Oratoriums klatschen würde, hier aber offensichtlich vom theatralischen Anspruch des Ganzen ein wenig angekränkelt ist und keine Stille zwischen Musik und der dramatischen Rezitation erträgt.

Gärtnerplatztheater: Der Messias
Sandra Cervik (Maria, eine Mutter), David Valencia (Sohn)

Einander fremd: Sandra Cervik als Maria und David Valencia als ihr Sohn in Händels „Der Messias“.

(Foto: Marie-Laure Briane)

Claus Guth hat vor zehn Jahren eine konkret realistische Geschichte für den "Messias" im Theater an der Wien erfunden. Das war zwar auch nicht durchweg überzeugend, aber stets auf den singenden Menschen konzentriert. Torsten Fischer (Regie) und Karl Alfred Schreiner (Choreografie) befrachten jedoch das Ganze, wie im Programm nachzulesen, mit den Problemen der immer mehr der Barbarei verfallenden Menschheit, der daraus resultierenden Vereinsamung des Einzelnen und schließlich der Utopie, dass, wenn alle "human, tolerant und in Frieden" miteinander lebten, "jeder ein Messias sein" könnte.

Das wird szenisch nicht eingelöst, allen Kippas und Kopftüchern zum Trotz, sondern übermalt mit aggressiver ausgetragener Körperlichkeit oder durch beliebig dahinfließende Bewegungen ausgedrückt. Da ist man froh, dass im Gärtnerplatztheater zwar kein Originalklang-Orchester spielt, aber man unter der Leitung von Anthony Bramall mit wenig Vibrato und sauberer Intonation um ein sprechendes Idiom bemüht ist. Auch der Chor ist seiner anspruchsvollen Aufgabe, polyphone Stimmführung auf der Bühne auswendig agierend singen zu müssen, immer besser gewachsen. Die Sopranistinnen Jennifer O'Loughlin und Mária Celeng sowie Bassbariton Timos Sirlantzis sind mit dem barocken Idiom weniger vertraut als der junge lyrische Tenor Caspar Singh, der im Graben für den erkrankten, aber schauspielenden Alexander Tsilogiannis ausnehmend schön sang, und vor allem Countertenor Dmitry Egorov.

Der Messias, weitere Vorstellungen im Gärtnerplatztheater am 13., 16., 18., 20., 22. und 25. Oktober sowie im November